Lenninger Tal

Ein akademischer Weltenbummler

Adrian Goedeckemeyer aus Oberlenningen studiert an der amerikanischen Elite-Hochschule Minerva

San Francisco, Berlin, Buenos Aires, Seoul, Bangalore . . .  – Adrian Goedeckemeyer kommt im Studium weit herum. Hörsäle kennt der Oberlenninger nicht.

Die Minerva lehrt ausschließlich online. Den Unterricht besucht Adrian Goedeckemeyer (links) zusammen mit seinem Zimmergenossen
Die Minerva lehrt ausschließlich online. Den Unterricht besucht Adrian Goedeckemeyer (links) zusammen mit seinem Zimmergenossen Alex Whitney vom eigenen Schreibtisch aus.Foto: Bob Miller

Lenningen. „Ich bin nicht bereit, ein Leben lang an einem Ort zu wohnen“, sagt Adrian Goedeckemeyer. Sein Lebenstraum erfüllt sich für den 20-Jährigen schon jetzt: In vier Jahren lebt er weltweit in sieben Studienorten. Seit einem Jahr ist der Oberlenninger an der amerikanischen Minerva-Universität eingeschrieben. Gestartet in San Francisco, zieht der Tross Anfang September für ein Vierteljahr nach Berlin. 140 Studenten aus 45 Ländern bevölkern dann für ein Semester unweit von Kreuzberg ein Gebäude in Berlin Mitte. Neben Adrian Goedeckemeyer gehört zu den akademischen Globetrottern des ersten regulären Jahrgangs nur ein weiterer Deutscher. Sie und ihre Kommilitonen machten unter 11 000 Bewerbern das Rennen. Die Minerva fragt unter anderem kreatives und mathematisches Denken ab. Herzstück ist ein Videointerview, in dem nebenbei geprüft wird, ob die Bewerber fließend Englisch sprechen – für Adrian Goedeckemeyer eine leichte Übung. Er profitiert von seinem Auslandsjahr, das er nach der zehnten Klasse in Washington D.C. verbracht hatte.

Die Minerva hebt sich komplett von Strukturen anderer Hochschulen ab. Einen Campus sucht man vergebens. „Wir leben mitten in der Stadt. Dort haben wir alles, was wir brauchen“, sagt Adrian Goedeckemeyer. Das Studentenleben spielt sich im Wohnheim, in Bibliotheken, Parks und Cafés ab. In San Francisco hat die Uni ein historisches Gebäude – ein ehemaliges Hotel – angemietet. Adrian Goedeckemeyer teilte sich mit einem Studenten aus London und einem Amerikaner dort ein Zimmer.

„Wir bereiten oft gemeinsam die Seminare vor“, sagt er. Insbesondere die tolle Gemeinschaft unter den Studenten schätzt der Oberlenninger. „Wir genießen es, mit Leuten aus anderen Kulturen zusammen zu sein. Es sind alles vernünftige Menschen, mit denen man gute Gespräche führen kann“, so der 20-Jährige. „Alle wollen die Welt sehen, und wir können alle voneinander lernen.“ Er lässt seine Aufsätze gegenlesen und hilft Kommilitonen beim Programmieren. Von seiner Stärke profitiert auch die Minerva. Die neue Webseite und das Bewerbungsportal der Hochschule tragen seine Handschrift. An beiden hat er diesen Sommer von Oberlenningen aus mit Python, Javascript, HTML und CSS gearbeitet.

Dass er studieren wollte, war für den Abiturienten klar, aber die Vorstellung, in einem Raum mit 500 passiven Studenten zu sitzen, schreckte ihn ab. In der bislang einzigartigen Uni ist Adrian Goedeckemeyer gefordert. Der Unterricht findet online über die Minerva-eigene Plattform statt. Maximal 19 Studenten, die alle in Porträtgröße live auf den Bildschirmen zu sehen sind, bilden eine Klasse. „Im Unterricht schlafen oder abschalten geht nicht“, sagt Adrian Goedeckemeyer lachend. Und das, obwohl der Dozent unter Umständen in Boston oder Budapest sitzt? Der Professor kann jeden Studenten per Knopfdruck aufrufen und ihn bitten, beispielsweise auf einen Vorredner zu reagieren oder zu einem Thema Stellung zu beziehen. Ohne Tische und Stühle verrücken zu müssen, werden Kleingruppen gebildet, um beispielsweise ethische Fragen zum Thema Klonen oder zu politischer Gerechtigkeit zu diskutieren. Die Präsentation findet wieder im Plenum statt – alles via Bildschirm. Nach jeder Unterrichtseinheit gibt der Dozent den Studenten ein individuelles Feedback. „Meine Einstellung zu Noten hat sich komplett verändert“, sagt Adrian Goedeckemeyer. „Jetzt weiß ich, was genau ich verbessern muss.“ Im Grundlagenjahr – eine Art Studium Generale – hat er unter anderem gelernt, strukturiert Probleme anzugehen, zu argumentieren und Fragen auf verschiedenen Ebenen zu analysieren. Seinen Abschluss an der Minerva plant der 20-Jährige in Sozialwissenschaften und Informatik. „Ich will beruflich etwas machen, womit ich die Welt verbessern kann“, kündigt er an.

Zielstrebig war Adrian Goedeckemeyer schon immer. Sein Abi hat er am Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasium 2015 mit einem Schnitt von 1,0 abgelegt. Während seiner Schulzeit räumte er landesweit Mathepreise ab, widmete der Geige viel Zeit und hat mit seinen Eltern gefühlt alle Museen in Europa gesehen.

„Es geht um den Drang, sich selbst darum zu kümmern, was aus einem wird.“ Einer der Sätze, die zeigen, dass Adrian Goedeckemeyer nichts dem Zufall überlässt. In der Minerva trifft er auf Menschen, die ebenfalls höhere Ziele verfolgen. Viele wollen in die Politik, einzelne haben bereits Bücher veröffentlicht, andere schon Firmen gegründet. Die Uni ermöglicht den Kontakt zur Wirtschaft. So war der Oberlenninger einer von zehn Studenten, die bei Google Ideen darüber vortragen durften, wie der Zugang zu Technologien in Entwicklungsländern erhöht werden kann. Im nächsten Semester wird er in Berlin für das Startup-Unternehmen Legal One arbeiten. Geplant ist aber auch, Kontakt mit Flüchtlingen zu suchen – ein Thema, das die Studenten bereits in ihrem ersten Jahr beschäftigt hat.

Adrian Goedeckemeyer freut sich darauf, seinen Kommilitonen die Geschichte der deutschen Hauptstadt näherbringen zu können und selbst nicht nur als Tourist in das „unglaublich vielfältige Leben“ rund um das Brandenburger Tor einzutauchen. „Für mich ist das total aufregend“, sagt er. Mit ein paar Leuten will er nach Lenningen reisen und ihnen Teck und Hohenneuffen, aber auch ein paar Städte zeigen.

Der Spagat zwischen dem Leben in den Metropolen und dem Landleben am Fuße der Schwäbischen Alb reizt den Oberlenninger. „Das Leben in San Francisco hat mich bereichert“, betont er, und er ist felsenfest davon überzeugt, dass das Leben in den anderen Weltstädten in den nächsten Jahren das auch tun wird. Nach dem „Heimspiel“ in Berlin, wo in den vergangenen Monaten gebuddelt wurde, um den Minerva-Studenten optimale Datenautobahnen zu bieten, geht‘s im Januar nach Buenos Aires. Adrian Goedeckemeyer hat schon damit begonnen, Spanisch zu lernen.

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