Lenninger Tal

Ein Himmel aus Licht und Schatten

Ausstellung Julika Rausch und João Hoyler Correia präsentieren ihre Werke in der Lenninger Gemeindebücherei.

Die Ausstellung „Heaven 42“ eröffnet ungewöhnliche Einblicke in die Papierfabrik Scheufelen. Foto: Daniela Haußmann
Die Ausstellung „Heaven 42“ eröffnet ungewöhnliche Einblicke in die Papierfabrik Scheufelen. Foto: Daniela Haußmann

Lenningen. „Heaven 42“ lautet nicht nur die Bezeichnung für ein Papier, das in der Papierfabrik Scheufelen hergestellt wird, sondern auch der Titel einer Ausstellung, die vom Förderkreis Schlössle Oberlenningen initiiert worden ist. Wer die Bilderschau in der örtlichen Gemeindebücherei besucht, wird von Vergangenheit und Gegenwart gefangen genommen. Julika Rausch und João Hoyler Correia haben in der Papierfabrik mit der Analogkamera Fotos geschossen. Im Verlauf von sechs Stunden ist es den Künstlern gelungen, ungewöhnliche Perspektiven und Eindrücke einzufangen. Schwarz-weiß Aufnahmen, die anmuten, als wären sie in den Dreißiger- oder Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden, machen die Bilderschau zu einem ganz besonderen Erlebnis. Fotografien aus seit Jahren stillgelegten Werkshallen und von Räumen, in denen die technisch hoch entwickelte Papierherstellung weiter existiert, stimmen nachdenklich und laden zur Auseinandersetzung ein.

Im Spiel von Licht und Schatten wird dem 1935 erbauten und 1999 stillgelegten Stahlbetonschornstein der Papierfabrik von Neuem Leben eingehaucht. Als das technische Bauwerk vor rund 81 Jahren auf dem Gelände des Lenninger Unternehmens entstand, war es baden-württembergweit das erste seiner Art. Im Schein von flirrendem Licht, rückt dunkel ein Kollergang in den Fokus des Betrachters. Obwohl die Maschine längst nicht mehr in Betrieb ist, scheinen sich ihre tonnenschweren Mahlsteine vor dem hellen Hintergrund in der Stahlwanne, die sie umschließt, zu drehen. „Früher wurden in der Wanne Kleidungsstücke zermahlen und anschließend für die Papierherstellung genutzt“, erzählt Thomas Otto, ein Mitarbeiter der Papierfabrik Scheufelen.

Die Ablichtung einer Papiermaschine von 1902 verweist nicht nur auf ein innovatives Unternehmen, das 1892 als erste Papierfa­brik maschinell zweiseitig gestrichenes Papier herstellte und das am Vorabend des 20. Jahrhunderts zum europaweit führenden Produzenten von Kunstdruckpapieren aufstieg. Thomas Otto zufolge lief die Maschine Ende der Neunzigerjahre noch einmal an. „Mit dem Ziel, Kartonagen herzustellen, wurde sie umgebaut“, erinnert er sich. „Einige Monate war sie dann in Betrieb, bevor die Entscheidung kam, das Vorhaben wieder zu verwerfen.“ Für den Mitarbeiter der Papierfabrik Scheufelen, der die beiden Künstler über das Firmengelände führte, ist die Ausstellung eine Hommage an seinen Arbeitgeber, aber auch an die Belegschaft.

Wolfgang Guse bedauert, dass der einstige Lenninger Vorzeigebetrieb gerade bei der jüngeren Generation fast ausschließlich über die im Jahr 2008 angemeldete Insolvenz, viele Eigentümerwechsel und Entlassungen wahrgenommen wird. „Nicht nur Scheufelen befindet sich in der Krise, sondern die gesamte Branche weltweit“, so der ehemalige Mitarbeiter, der sich noch an die Zeit erinnert, in der sich im Lenninger Schlössle Wohnungen für die Gastarbeiter der Firma befanden.

Die Fotografien von Julika Rausch und João Hoyler Correia lassen gerade bei Beschäftigten der Papierfabrik Scheufelen Erinnerungen und Erlebnisse wach werden. Die Geschichte jenes Unternehmens, das Lenningen in der Vergangenheit und Gegenwart prägte, wird in den Erzählungen der Ausstellungsbesucher lebendig. Die Bilderschau setzt aber auch Impulse, die über das lokale Wirken und Erinnern hinausgehen und Diskussionen über die aktuelle Situation in der Papierindustrie anstoßen.

In der Ausstellung „Heaven 42“ präsentieren Julika Rausch und João Hoyler Correia nicht nur Fotografien von der Papierfabrik, sondern auch Gemälde, die in jahrelanger Zusammenarbeit entstanden sind. Die beiden Künstler, die zusammen an der Kunsthochschule Nürtingen studiert haben, führten ihre Arbeitstechniken zusammen. Aus der Verbindung von Malerei und Druck sind Collagen entstanden, die sich nicht mehr einem einzelnen Künstler zuordnen lassen. So erhebt sich in der Gemäldefolge aus einem himmelblauen Hintergrund ein Schiff, eine Hand und ein Mensch. Teile, die in die Malerei hineinkopiert wurden. Die beeindruckenden Werke muten hoffnungsvoll, nachdenklich und teils bedrohlich an. Entstanden sind die Werke laut Rausch im vergangenen Jahr, während der Flüchtlingswelle. Doch letztlich liegt es am Betrachter, was er in die Gemälde hineininterpretiert, bilanzieren die beiden Künstler, deren Werke noch bis zum 15. November in der Gemeindebücherei Lenningen ausgestellt sind. Daniela Haußmann

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