Lenninger Tal

„Ein neues Buch riecht herrlich“

Christina Kulhanek verlässt die Lenninger Bibliothek im Schlössle nach 18 Jahren – Langeweile gibt‘s im Ruhestand nicht

Seite an Seite mit der Lenninger Büchereileiterin Ev Dörsam, so kennen Besucher Christina ­Kulhanek. Ende August geht sie in den Ruhestand.

Seit 1998 war Christina Kulhanek im Oberlenninger Schlössle in ihrem Element. Ende August geht sie in den Ruhestand. Ihr Nachfol
Seit 1998 war Christina Kulhanek im Oberlenninger Schlössle in ihrem Element. Ende August geht sie in den Ruhestand. Ihr Nachfolger, Stefan Lipka, war beim gestrigen Beitrag der Bücherei zum Kinderferienprogramm der Gemeinde bereits mit von der Partie.Fotos: Jean-Luc Jacques

Was hat Sie dazu animiert, sich 1998 um den Posten in der Lenninger Bücherei zu bewerben?
CHRISTINA KULHANEK: Schon damals, als ich mit meinen Kindern bei Frau Czarny in Unterlenningen die damalige Ortsbücherei in der Turnhalle besucht habe, dachte ich: „Das wäre was für mich.“ Ich war schon als Kind sehr gerne in der Bücherei in Weikersheim, wo ich aufgewachsen bin. Ich lese sehr, sehr gerne und habe auch sehr gerne Kontakt mit Menschen. Mit Familie und vielen anderen Interessen habe ich schlicht eine Arbeitsstelle gesucht, bei der ich als „Hilfskraft“ nicht allzu viel eigene Verantwortung habe. Also: ideale Voraussetzungen.
 
Gibt es heute noch Nutzer, die schon in Ihrer Anfangszeit kamen?
KULHANEK: Ja, viele! Damalige Mütter und Väter, die jetzt Omas und Opas sind. Einstige Jugendliche, die jetzt mit ihren Kindern Bücher ausleihen und Jugendliche, die ich von der Schwangerschaft ihrer Mütter bis zum Schulabschluss begleitet habe.
 
Was hat sich in der Zeit, die Sie in der Bücherei gearbeitet haben, verändert?
KULHANEK: Die Medienlandschaft hat sich sehr verändert. Durch Hörbücher, DVDs und CD-Roms und aktuell e-books sind gedruckte Medien fast ins Hintertreffen geraten. Die Bastelnachmittage haben wir durch die ganztägige Betreuung in den Schulen ganz gestrichen.
 
Die Lenninger Bücherei im Schlössle gilt als die Schönste im Landkreis Esslingen. Welchen Charme hat die Arbeit in dem alten Gemäuer?
KULHANEK: Das Haus lebt. Schade, dass wir nicht hören können, was es schon alles erlebt hat. Es gab mir Heimat. Ich habe mich immer sehr wohl darin gefühlt. Wie das Haus mitlebt, erfahren wir immer wieder bei den verschiedenen Ausstellungen. Egal, welche Kunstform präsentiert wird, man hat immer das Gefühl: nichts würde besser passen. Egal ob moderne Kunst, Landschaftsmalerei, Scherenschnitte, Quilts, Origami, Zeichnungen – dem Schlössle gefällt alles!
 
Das Schlössle ist häufig Rahmen für Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen. An welche Highlights erinnern Sie sich besonders gern?
KULHANEK: Ich habe gerade als „Abschiedsgeschenk“ das Archiv auf Vordermann gebracht. Unglaublich, wie viele Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen wir gemeinsam organisiert haben. Im Rückblick betrachtet, kann ich mir das gar nicht vorstellen, dass wir das alles geleistet haben. Ein besonderes Highlight kann ich wirklich nicht ausmachen. Oder ja, vielleicht doch: die Zauberbühne mit Christoph Frank aus Rottweil. Ich freue mich sehr auf den ersten Besuch bei ihm mit meinen Enkelkindern. Und natürlich unsere Adventslesungen mit Bernd Löffler!
 
Viel Zeit haben die Büchereileiterin Ev Dörsam und Sie in Angebote mit Kindern gesteckt. Was macht für Sie dabei den besonderen Reiz aus?
KULHANEK: Ich denke an Bastelnachmittage – an unseren eigentlich „freien“ Montagen, Kinderferienprogramm mit Lesenächten, Märchen- und Sagenwanderungen, Adventslesungen, Vorlesewettbewerbe gemeinsam mit den Grundschulen von Lenningen und Owen, Märchenstunden und Bilderbuchkinos, Letztere hat Ev Dörsam ohne mich geleistet. Den besonderen Reiz macht die Unverstelltheit der Kinder aus. Man merkt schnell, ob das Programm „läuft“ oder nicht. Besonders schön ist es, wenn sich Kinder immer wieder zu denselben Veranstaltungen anmelden. Dann ist klar: das gefällt ihnen. Kinder sind ungewollt witzig. Unsere Lieblingsgeschichte: ein Junge fragt, ob wir auch „geile“ Bücher haben. Unsere vorsichtige Nachfrage, was er denn unter „geilen Büchern“ verstehen würde, beantwortet er: „Na ja, so was wie Räuber Hotzenplotz, oder so.“

Weckt man in Kindern heute noch durch Märchenstunden und Bilderbuchkinos die Liebe zu Büchern?
KULHANEK: Unbedingt. Gerade die Kinder, die Märchenstunden und Bilderbuchkinos besuchen, sind die häufigsten Besucher unserer Kinderabteilung.
E-Book-Reader oder das gute alte Buch – was liegt denn auf Ihrem Nachttisch?    
KULHANEK: Bei mir liegen nur „gute alte Bücher“ auf dem vollen Nachttisch. Ich handhabe es immer noch so, wie ich es als Kind gemacht habe: Wenn ich ein neues Buch in die Hand bekommen habe, habe ich zuerst einmal „hinein“-gerochen. Ich finde, ein neues Buch riecht herrlich. Diese Spinnerei habe ich natürlich in den vergangenen Jahren in der Bücherei ausleben können. Ich war die erste, die die Folie von den Büchern entfernt hat und dann habe ich riechen können. Lächerlich? Na ja, aber das bin ich! E-books habe ich noch gar nicht ausprobiert. Für Viel- und Weitreisende sind sie sicherlich von großem Vorteil. Oder für Menschen, deren Partner neben einem schlafen möchten, während man selbst doch unbedingt noch wissen will, wer der Mörder ist.
 
Sie sind in der Gemeinde Lenningen vielfältig engagiert. Was für Projekte haben Sie sich für die erste Zeit im Ruhestand vorgenommen?
KULHANEK: Ich habe noch viel vor. Zum einen habe ich zwei goldige Enkelinnen, denen ich sehr gerne mehr Zeit widme. Meine zweite Tätigkeit bei der Gemeinde Lenningen, der „Hannes“ (Amtsbotin) von Unterlenningen und Brucken, werde ich weitermachen. Zum einen, weil dieser bezahlte Sport mir sowohl frische Luft als auch einen Zuschuss zu meiner Rente garantiert, aber zum anderen auch, damit ich nicht den Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen in den Rathäusern verliere. Außerdem schreibe ich seit vielen Jahren für den Ornithologen Dr. Wulf Gatter, ich habe eine Tanzgruppe in Brucken und bin für die Landesarbeitsgemeinschaft Tanz Baden-Württemberg als Geschäftsführerin tätig. Ich arbeite bei den Engagierten Bürgern Lenningen mit und freue mich auf mehr Zeit mit meinen Freundinnen und Freunden, die teilweise schon im Ruhestand sind.
 
Noch sind Sommerferien. Welche Urlaubslektüre empfehlen Sie?
KULHANEK: Eine leichte – zu genießen im Freibad, auf dem Balkon oder im Garten. Ich habe mir gerade die Kurzgeschichten von Horst Evers ausgeliehen. Ich dachte immer: na ja, so ein „Lustiger“. Aber nach der Lektüre des ersten Buches habe ich gemerkt, dass er uns einen Spiegel vorhält. Und das auf eine unterhaltsame, lockere Art und Weise. Ich habe oft herzhaft gelacht und mich betroffen gefragt, ob er mich gemeint hat. Das mag ich. Genauso liebe ich die Autoren aus Nordeuropa, besonders die aus Finnland. Die mag man oder man lässt sie links liegen.
 
Und mit welchem Buch starten Sie in den Ruhestand?
KULHANEK: Mein erstes Ruhestandsbuch wird „Sophia“ von Rafik Schami. Außerdem bin ich absoluter Fantasie-Fan. Ich freue mich darauf, wieder mal, ich weiß gar nicht zum wievielten Male, den Silmarillion, den Kleinen Hobbit und den Herr der Ringe zu lesen.


Christina Kulhanek hat 18 Jahre lang in der Bücherei Oberlenningen gearbeitet und wird Ende August verabschiedet.  Foto heute im
Christina Kulhanek hat 18 Jahre lang in der Bücherei Oberlenningen gearbeitet und wird Ende August verabschiedet. Foto heute im Rahmen einer Märchenwanderung der Bücherei.
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