Lenninger Tal

Ein Vollblutpfarrer sagt ade

Verabschiedung Pfarrer Ekkehard Graf verlässt nach 19 Jahren die evangelische Kirchengemeinde Owen in Richtung Marbach am Neckar. Dort tritt er die Stelle des Dekans an. Von Iris Häfner

Dieses Bild gehört bald der Vergangenheit an: Pfarrer Ekkehard Graf an der Mauer vor der Owener Marienkirche.  Foto: Carsten Rie
Dieses Bild gehört bald der Vergangenheit an: Pfarrer Ekkehard Graf an der Mauer vor der Owener Marienkirche. Foto: Carsten Riedl

Einiges wird er vermissen, wenn er in Marbach am Neckar seinen Dienst als Dekan antritt. Pfarrer Dr. Ekkehard Graf verlässt nach fast 19 Jahren das Teckstädtchen Owen, um in der Schillerstadt ein neues berufliches Kapitel aufzuschlagen - und darauf freut er sich natürlich.

Den Maientag zum Beispiel wird er vermissen. „Dieses lokale Fest war eine klasse neue Erfahrung“, erinnert er sich. Mit seiner Frau Jutta und vier kleinen Kindern konnte er den Owener Nationalfeiertag genießen und den Gottesdienst nach seinen Vorstellungen gestalten. Feierten davor der katholische und der evangelische Pfarrer im jährlichen Wechsel den Gottesdienst, so ist er seit der Ära Graf konsequent ökumenisch gestaltet.

Auch die - noch - kurzen Wege weiß er zu schätzen, kann er doch in den Hausschuhen ins Gemeindehaus gehen. „Ich liebe dieses Ensemble von Kirche und Pfarrhaus. Die um 1383 erbaute Kirche ist ein geschichtsträchtiges Bauwerk, fast überdimensioniert für den Ort“, sagt Ekkehard Graf und nennt sie liebevoll die Owener Kathedrale. „Diese Riesenvariante war ein politisches Statement, das damals gar nicht nötig war. Das fasziniert mich.“ Er sieht es als Vorrecht, dass er in dieser ehrwürdigen Kirche fast 19 Jahre lang arbeiten durfte.

Das Altehrwürdige geht für ihn im 1579 erbauten Pfarrhaus weiter. Ihn freut es, sich in die lange Reihe seiner Vorgänger einreihen zu können, deren Theologie wie bei ihm vom Pietismus geprägt war. „In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat hier ein Pfarrer 50 Jahre lang gewirkt, bei dem zwei Mal Reichsgraf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf zu Gast war. Er ist eine wichtige Person des Pietismus“, sagt Ekkehard Graf. Glaube und Leben sind für ihn miteinander verbunden, mit einer klaren Orientierung an der Bibel, die sich in der Nächstenliebe ausdrückt. „In Württemberg ist der Pietismus nicht nur ein historisches Phänomen, bis heute wird er in vielen Gemeinden gelebt. Die diakonischen Einrichtungen sind aus ihm entstanden“, so der Pfarrer.

Am Owener Vereinsleben hat er stets rege teilgenommen. Wann immer es ging, war er bei den Proben und den Auftritten des CVJM-Posaunenchors dabei. Zudem wurde er aktives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Bei der Hauptversammlung im Jahr 2004 erfuhr er, dass bei einem Brand tagsüber kaum Feuerwehrmänner im Ort erreichbar sind. Das gab den Anstoß. „Ich bin handwerklich zwar nicht super begabt, dafür aber tagsüber in der Regel vor Ort“, sagte der damals 37-Jährige zu Kommandant Taxis, der ihn zu einer Ausbildung ermutigte - mit allem, was dazugehört. Seit 2005 ist er aktives Feuerwehrmitglied und Tag und Nacht mit dem Melder unterwegs.

Fehlen werden Ekkehard Graf auch die kurzen Wege zu den Freunden, denn in den knapp 20 Jahren kam es zu vielen persönlichen Kontakten. „Das sind die Bereiche, die schwerfallen, das ist ein Wechselbad der Gefühle“, sagt er.

Fasziniert an seiner Arbeit in Owen hat ihn, viele Menschen neu zu einem lebendigen Glauben gebracht - oder ihm neuen Auftrieb verschafft zu haben. Sehr zu seiner Freude hatte er jeden Sonntag 120 bis 150 Gottesdienstbesucher. Ehemalige Konfirmanden zu trauen und deren Kinder zu taufen, auch das hat er genossen.

„Mich hat schon der Gedanke gestreift, bis zum Ruhestand hierzubleiben. Ich war nicht auf der Suche nach einer neuen Herausforderung“, sagt Ekkehard Graf. In den vergangenen Jahren kamen jährlich mehrere Anfragen. Jedes Mal aufs Neue galt es, sich für Owen zu entscheiden. Erste Ansprechpartnerin in solchen Situationen war seine Frau. Vor allem aber suchte er eine Antwort im Gebet. „Als Marbach angeklopft hat, habe ich erst mal Nein gesagt. Ich bin so gerne Gemeindepfarrer.“ Gespräche und Gebete hätten dieses Nein aber nicht bestätigt. „Meine Frau und ich haben uns jetzt auf die neue Situation eingelassen“, sagt er.

Das Glück für Marbach: Von dort lassen sich in einer Autostunde die Kinder und vor allem die Enkelkinder erreichen - das entscheidende Kriterium von Jutta Graf. So wird der Kontakt auch zu Owen nicht abreißen, denn der jüngste Sohn bleibt im Teckstädtchen.

In der Neckarstadt wurde der Wunsch an ihn herangetragen, mit dem Literaturarchiv stärker in Kontakt zu kommen. „Da bin ich ganz offen dafür, denn ich habe Freude an Literatur - und Geschichte sowieso. Wir werden schauen, was sich ergibt“, ist er schon voller Pläne. In seinem Bücherregal steht mittlerweile eine Gesamtausgabe der Schiller-Werke in Frakturschrift.

Sein künftiges Dekanat ist mit dem Kirchheimer vergleichbar. 20 Gemeinden gehören zu Marbach und „ein paar wenige Gemeindeglieder mehr“ als rund um die Teck. Für zehn Jahre ist er gewählt worden mit der Option auf eine weitere Amtsperiode. Die Pfarrer bei Laune zu halten, gehöre zu seinen Aufgaben. „Wenn alles gut geht, muss ich nur die Urlaubsanträge unterschreiben - wenn‘s schwierig wird, bin ich gefragt“, sagt er über seine künftige Aufgabe. Er setzt große Hoffnungen darauf, seine Pfarrer während der Urlaubszeit häufig zu vertreten, sodass er möglichst oft als Gastprediger einen Gottesdienst gestalten kann.

 

Die Verabschiedung von Pfarrer Ekkehard Graf und seiner Frau Jutta findet am Sonntag, 22. Juli, um 19 Uhr im Gottesdienst in der Marienkirche statt. Anschließend gibt es einen Ständerling.

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