Lenninger Tal

Ein Ziehkind wird flügge

In Owen hat eine Familie einen elternlosen Jungvogel gefunden und aufgepäppelt

Den Spatz in der Hand¿ hat die Familie Seemann zurzeit täglich: Sie zieht ein elternloses Jungtier auf - mit selbst gemixtem Bre
Den Spatz in der Hand¿ hat die Familie Seemann zurzeit täglich: Sie zieht ein elternloses Jungtier auf - mit selbst gemixtem Brei und Mehlwürmern. Nackt und schwach war der Jungvogel, als Sohn Max ihn samt Nest auf dem Baugerüst am Haus der Seemanns fand. Zwölf Tage später kann sich „Fiepchen“ schon auf den Beinen halten, hat Federn bekommen und schaut mit wachen Augen in die Welt.Fotos: Jean-Luc Jacques/Heike Seemann

Owen. Bei den Seemanns in Owen piept es. Seit zwölf Tagen, teilweise rund um die Uhr und in fast allen Lebenslagen: Die fünfköpfige Familie zieht ein elternloses Vogelbaby

von Hand auf – mit großem Erfolg: „Fiepchen“ – wahrscheinlich ein Spatz – wächst, gedeiht und beginnt, die Flügel zu trainieren. Dabei hatte der anfangs zu Rate gezogene Tierarzt dem verwaisten, frisch geschlüpften Piepmatz keinerlei Chancen eingeräumt. „Er sagte: Das können Sie vergessen“, erzählt Heike Seemann und lacht: „Da dachten wir uns: Na dann erst recht.“ Vor allem ihr 13-jähriger Sohn Max, der das Vogelbaby auf dem Baugerüst vorm Fenster gefunden hatte, sei die treibende Kraft gewesen.

Was folgte, waren anstrengende Tage und vor allem auch Nächte: „Wir mussten den Vogel alle ein bis zwei Stunden füttern“, berichtet Heike Seemann. Die erste Woche durfte er bei ihr in der zum Vogelhäuschen umfunktionierten Katzenbox im Schlafzimmer übernachten: „Sobald er sich gemeldet hat, gab es Futter“, erzählt sie. Jetzt schläft das Vogelkind durch. „Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang – wie es sich gehört“, erzählt die Ziehmutter.

Aber auch tagsüber dreht sich bei der Familie alles um den kleinen Spatz. „Das Problem war anfangs, dass er noch keine Federn hatte und sehr schnell ausgekühlt ist“, sagt Heike Seemann. Im heimischen Nest aus Handtüchern sorgte eine Wärmflasche für Abhilfe. Immer wieder aber mussten Heike Seemann und ihre Kinder auch das Haus verlassen. Weil „Fiepchen“ auf regelmäßige Mahlzeiten angewiesen war, beschloss die Künstlerin und Autorin kurzerhand, den Vogel mitzunehmen. „Ich habe ihn unter meinem T-Shirt am Körper getragen, damit er warm bleibt.“ Immer wieder erntete sie irritierte Blicke von Mitmenschen, die sich einfach nicht erklären konnten, woher das laute Vogelpiepen kommt. „Zum Beispiel an dem Tag, als wir einen Arzttermin hatten und der Vogel mitmusste“, erzählt die Owenerin und schmunzelt. Auch einen Einkaufsbummel und eine Radtour hat der Vogel mitgemacht. Für Letzteres mottete die Familie den Kinderfahrradanhänger wieder aus und richtete darin ein kuscheliges Vogelnest ein.

„Fiepchen“ jedenfalls scheint all die Erlebnisse blendend verkraftet zu haben. „Der Vogel hat sich so schnell entwickelt“, staunt Heike Seemann. „Jeden Tag kam etwas Neues dazu, und manchmal sogar stündlich.“ So wuchsen dem Tier Federn, es öffnete die Augen und begann schließlich, sich auf die Beinchen zu rappeln und mit den Flügeln zu schlagen. „Anfangs war seine Haut so durchscheinend, dass man im Bauch sehen konnte, was wir ihm gefüttert haben“, erzählt Max. Jetzt bedeckt ein dichter, weicher Flaum den Vogelbauch.

Laut piepsend sitzt der Spatz bei den Seemanns in der Küche und sperrt den Schnabel auf. Die achtjährige Lena weiß sofort, was zu tun ist. Routiniert durchteilt sie einen Mehlwurm und steckt ihn dem Spatz per Pinzette in den Schnabel. Was der Familie jetzt so leicht von der Hand geht, war anfangs eine Herausforderung. „Wir wussten erst gar nicht, was so ein Jungvogel frisst“, sagt Heike Seemann. Die im Zoohandel gekauften Mehlwürmer waren anfangs noch zu groß, also mischte die Familienmutter allem Ekel zum Trotz Vogelaufzuchtfutter, Äpfel und Mehlwürmer und pürierte alles zu Brei. Den verabreichte sie dem Spatz per Spritzen. Jetzt, das wissen Heike Seemann und ihre Kinder, neigt sich ihre Zeit mit „Fiepchen“ dem Ende zu. „Unser Ziel ist, dass der Vogel zurück in die Freiheit kann“, so Seemann. Wie das genau vonstatten gehen soll, weiß sie aber noch nicht, denn im Haushalt lebt auch noch Kater Ludwig, für den ein Vogel bei den ersten Flugversuchen wohl ein gefundenes Fressen wäre. „Ich nehme jetzt Kontakt zu einer Vogelauffangstation auf. Vielleicht kann unser Spatz dort erste Kontakte zu Artgenossen knüpfen und dann sicher ausgewildert werden“, hofft die Ziehmutter.

Die Zeit mit ihrem Vogel haben die Seemanns als einmalig erlebt: „Es war absolut erfüllend und bereichernd für uns alle, den Vogel aufzuziehen“, betont Heike Seemann.

Besuch beim aufgepäppelten Vögelchen in Owen bei Familie Seemann
Besuch beim aufgepäppelten Vögelchen in Owen bei Familie Seemann
Besuch beim aufgepäppelten Vögelchen in Owen bei Familie Seemann
Besuch beim aufgepäppelten Vögelchen in Owen bei Familie Seemann
Besuch beim aufgepäppelten Vögelchen in Owen bei Familie Seemann
Besuch beim aufgepäppelten Vögelchen in Owen bei Familie Seemann
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