Lenninger Tal

Eine Geschichte mit Gott

Jubiläum Der Liebenzeller Gemeinschaftsverband in Brucken hält einen fröhlichen Rückblick auf 100 Jahre – Barbara Löw hat die Geschichte vor hundert Jahren entscheidend geprägt. Von Nicole Mohn

Pfarrer Ernst und Waldtraut Westernacher kamen 1992 zur Gemeinschaft nach Brucken. Auch bei ihnen hat die Zeit im Täle nachhalti
Pfarrer Ernst und Waldtraut Westernacher kamen 1992 zur Gemeinschaft nach Brucken. Auch bei ihnen hat die Zeit im Täle nachhaltig gewirkt, wie sie Jürgen Lenz erzählen: Nach der Pensionierung kehrten die beiden zurück, um bei ihren Söhnen und den Enkeln sein zu können.Foto: Nicole Mohn

Gott sei Dank - wir sind hundert“: Die Liebenzeller Gemeinschaft Brucken hat allen Grund zu feiern. Bei einem familiären Geschichtsabend erzählten Zeitzeugen aus dem bunten Gemeindeleben. Zu runden Geburtstagen kommt die Familie zusammen. Es gibt ein großes Hallo, man freut sich, altbekannte Gesichter endlich mal wieder zu sehen. Bei der Liebenzeller Gemeinschaft (LGV) Brucken ist das auch so: Zum 100. Geburtstag sind (fast) alle gekommen, um sich zu erinnern und gemeinsam zu feiern.

Familiär geht es zu im großen Saal des Gemeinschaftshauses. Und wer den Geschichten aus 100 Jahren lauscht, spürt den großen Familiensinn, der diese Glaubensgemeinschaft prägt. Liebevoll erinnert man sich vor allem an Barbara Löw, das „Bäbele“. Inspiriert von ihren Erlebnissen in der Liebenzeller Mission, hatte sie den Sämling für die Bruckener Gemeinschaft ins Lenninger Tal getragen. Wieder zurück in der Heimat, holte sie die Kinder zur Sonntagsschule in ihrer Waschküche. Nach ihrem Tod vermachte sie ihr Haus der Liebenzeller Mission. Hier schlägt 1917 auch die Geburtsstunde der Gemeinschaft Brucken. Inmitten der Wirren des Ersten Weltkriegs suchen die Menschen Halt im Glauben und im Gebet.

Immer wieder ziehen in das Haus Missionare ein, die auf Heimaturlaub sind. So kommt auch eine der prägendsten Familien nach Brucken: der China-Missionar Karl Oehl mit seiner jungen Frau Lina, einer Krankenschwester. 1935 ziehen sie das erste Mal in das Missionshaus ein - und kommen 1938 wieder, weil Lina an Malaria erkrankt und in Tübingen behandelt werden muss. In Brucken kommt ein Jahr später auch die Tochter der Oehls zu Welt. Zurück nach China kann die Familie nicht mehr - das NS-Regime verbietet die Ausreise aller Deutschen. Ein Glücksfall, wie sich zeigen soll, denn die tüchtige Krankenschwester ist bald für alle kleinen und großen Wehwehchen die erste Anlaufstelle. „Meistens hat das auch gereicht“, erzählt Daniel Rauscher, der zusammen mit Jürgen Lenz den Streifzug durch 100 Jahre moderiert. Als die Familie 1960 versetzt werden soll, bricht eine wahre Protestwelle los. „Leider damals ohne Erfolg“, so Lenz. Noch heute habe die Tochter beste Erinnerungen an Brucken, ergänzt Rauscher: „Für sie ist es immer noch Heimat.“

Auch das Ehepaar Eichhorn hat viele schöne Erinnerungen an die Zeit im Lenninger Tal. Dabei war der Start alles andere als gut, wie sie in der Videobotschaft verraten: Während der Umbaumaßnahmen zum Saalneubau ruinierte ein Wolkenbruch dem jungen Pastoren-Paar die neuen Möbel, weil das Dach geöffnet werden musste über der Pfarrerswohnung. „Als wir von einem Ausflug mit der Jungschar zurückkamen, kam uns schon das Wasser entgegen“, erzählen sie. Doch dank der Unterstützung aus der Gemeinschaft war der Schaden schnell behoben. Und Brucken ist zur Heimat geworden, auch für sie.

Dass dies vor allem an den Menschen liegt, die sich hier einbringen und engagieren, hört man aus der Videobotschaft des ehemaligen Praktikanten (so werden die Pastoren in Ausbildung beim LGV genannt) Christoph Meyer heraus: „Was für prächtige Leute“, erinnert er sich auch heute noch gerne an die Menschen, denen er in seiner Zeit im Lenninger Tal begegnet ist. Viel Verständnis und Liebe habe er in dieser Zeit erfahren.

Manch einer von ihnen ist hier hängen geblieben - so wie Salomon Mayer, genannt Sali, Sohn des Predigers Ottmar Mayer. Manche kamen zurück, wie Ernst und Waldtraut Westernacher, die nach der Pensionierung in die Gemeinschaft zurückkehrten - auch, weil ihre Kinder und Enkel in Brucken Heimat gefunden haben. „Sie haben schon früh gesagt: Hier gehen wir nicht mehr weg“, erinnert sich Waldtraut Westernacher.

Frieder Rilling hat anfangs wenig mit der Gemeinschaft anfangen können, gibt er zu. „Mir war alles zu eng und zu fromm“, sagt er. Dass er einmal Gemeinschaftsleiter sein würde, hätte er sich als junger Mann nicht vorstellen können. Dankbar ist er deshalb, dass die Gemeinschaft das verstaubte Image ablegen konnte und sich geöffnet habe.

Wenn sich auch in 100 Jahren Bestehen vieles verändert hat: Geblieben ist das klare Bekenntnis zu Jesus sowie die große Zuversicht und der Zusammenhalt, mit der die „Geschwister“, wie sich die Mitglieder oft liebevoll nennen, ihre Aufgaben anpacken. Und so schließt sich hier der Kreis zum Motto des Abends: „Gott erlebt“.

„Der Mensch denkt, Gott lenkt“: So brachte es Pastor Thomas Müller treffend zum Ausdruck, dass manches in der Geschichte des LGV Brucken vielleicht so nicht geplant war, aber dennoch viel Positives nach sich zog. „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es aber vorwärts“, zitiert er in seinen Schlussworten den dänischen Schriftsteller und Theologen Søren Kierkegaard.

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