Lenninger Tal

Eine Krone für die Schäferin aus Passion

Amtsübergabe Die Burg Teck war der ­passende Rahmen für eine Inthronisation: Kerstin Wiedenmann-Riek wurde gestern zur Lammkönigin ernannt. Von Iris Häfner

Kerstin Wiedenmann-Riek wurde auf der Teck zur sechsten Lammkönigin von Friedlinde Gurr-Hirsch gekürt. Zu den Gratulanten zählte
Kerstin Wiedenmann-Riek wurde auf der Teck zur sechsten Lammkönigin von Friedlinde Gurr-Hirsch gekürt. Zu den Gratulanten zählte Schäferkollege Herbert Wiedenmann.Fotos: Carsten Riedl

An die Krone muss ich mich erst noch gewöhnen“, sagt Kerstin Wiedenmann-Riek, frischgekürte Lammkönigin aus Nattheim bei Heidenheim. Sie steht im schnell aufgebauten Pferch, umringt von ein paar Schafen und Lämmern mitten im Burghof der Teck. Zupacken ist die gelernte Tierwirtin Fachrichtung Schafe seit Kindheit gewohnt, doch im Festtagsstaat ist das Bücken so eine Sache, um für die Fotografen das prächtig entwickelte Lamm hochzuheben. Jörg Schmid, Schäferkollege aus Owen und Besitzer der kleinen Herde, hilft gerne aus und drückt der 21-Jährigen das leicht protestierende Tier in die Arme.

Kerstin Wiedenmann-Riek erfüllt alle Kriterien, die an eine Lammkönigin gestellt werden: über 18 Jahre alt, ledig und aus einem Schafhaltungsbetrieb stammend beziehungsweise in einem solchen tätig oder ausgebildet. Die „Neue“ erfüllt alle Kriterien. In sechster Generation führt sie gemeinsam mit ihrer Mutter Karin Wiedenmann-Riek die Schäferei mit 850 Tieren. Zur Zeit ist ein Großteil der Herde auf der Winterweide rund um Gaildorf im vergleichsweise milden Kochertal. Sobald genügend Gras auf der rauen Alb wächst, zieht die Lammkönigin mit ihnen wieder Richtung Heimat. Im Stall in Nattheim warten die frischgebackenen Mütter samt Nachwuchs und die Schafe, die vor dem Ablammen stehen, auf die Freiluftsaison.

Die herrscht bei strahlendem Sonnenschein bereits auf der Teck - ein würdiger Ort, um ein Haupt zu krönen. Angereist ist dafür Friedlinde Gurr-Hirsch, Staatssekretärin für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz des Landes Baden-Württemberg. Im Wanderheim des Schwäbischen Albvereins knüpft sie ein Band zwischen Wanderschäferei und Wanderverein, denn beide setzen sich für den Natur- und Landschaftsschutz ein. Der Albverein ist beispielsweise mit seinem Wegebau und -erhalt sowie mit Pflegeeinsätzen aktiv. Die Staatssekretärin lenkt den Blick auf den Beitrag der Schäfer: „Bei sechs Euro Stundenlohn die Existenz von Familie und Unternehmen zu gewährleisten, zeigt die Leistungsbereitschaft.“ Ein zweites Standbein haben sich die Betriebe mit der Landschaftspflege geschaffen, das macht mittlerweile 70 bis 80 Prozent des Einkommens aus. „Sie erhalten damit die wertvolle Landschaft und eine breite Biodiversität“, lobt Friedlinde Gurr-Hirsch, die es deshalb umso mehr bedauert, dass die Wolle nahezu keinen Wert mehr hat.

„Essen für die Landschaft“, lautet ihr Rat an alle. In den Dialog mit den Verbrauchern treten ist daher vordergründige Aufgabe der Lammkönigin. Im Gespräch kann sie Kochtipps geben und über die mühevolle Arbeit der Schäfer aufklären, die eben nicht nur Schafe hüten bei strahlendem Sonnenschein, sondern auch harte Knochenarbeit im Stall und bei der Heuernte leisten. Bereits am kommenden Wochenende hat Kerstin Wiedenmann-Riek in Ludwigsburg ihren ersten Einsatz. Das Landratsamt hat dort Lammwochen initiiert, und am Samstag geht es um die Verwertung aller Lammteile in der Küche - also nicht nur Lammkarree, sondern auch -kutteln. Dieser Repräsentationspflichten enthoben ist Christine Weiler aus Maitis bei Göppingen. Ihre letzte Amtshandlung: Das schmucke Samtkissen mit Krone halten, damit die Staatssekretärin die Insignie der sechsten Lammkönigin aufsetzen kann.

Von Königinnenwetter in herrlicher Kulisse und mit tollem Ausblick spricht Herbert Wiedenmann, erster Vorsitzender der Lammfleischerzeugergemeinschaft Württemberger Lamm und Schäfer aus Herbrechtingen, als er der neuen Würdenträgerin zu ihrem Amt gratuliert.

Dr. Ulrich Jaudas gibt passend zum Anlass einen Einblick in die interessante und wechselvolle Geschichte der Schafzucht im Land. „Die Schafe haben Migrationshintergrund“, erklärt er. Im Jahr 1786 wurden Tiere von Spanien bis auf die Alb getrieben - und deren Vorfahren kamen wiederum aus Nordafrika. Das Resultat langer Züchterarbeit war das als „Württemberger“ bekannte Schaf mit vielen guten Eigenschaften. In Frankreich ist es heute noch unter diesem Namen bekannt, hierzulande wurde es sehr zum Leidwesen vieler Kenner in Merinolandschaf umgetauft.

Hausherr Reinhard Wolf, stellvertretender Präsident des Albvereins, begrüßt seine Gäste. „Wir haben Erstrangiges zu bieten“, sagt er mit Blick auf die Landschaft mit ihren Wacholderheiden und demnächst blühenden Streuobstwiesen. Diese zu erhalten ist eine der Aufgaben seines Vereins. Damit besteht für ihn klar ein Zusammenhang zwischen Schäfern und dem Albverein - und der schlägt sich auf der Speisekarte der Teck nieder. Familie Bogner bietet Lammgerichte an.

Die Schäferei Schmid ist unter der Teck zuhause

Wie der Arbeitsalltag in einem Schafhaltungsbetrieb aussieht, davon konnten sich zahlreiche Besucher im Vorfeld zur Proklamation der sechsten Lammkönigin ein Bild machen: Direkt unter der Burg Teck steht der Stall der Stadt Owen, den Betina und Jörg Schmid gepachtet haben. Die ersten Tiere werden auf der Weide daneben an das erste Grün gewöhnt, der große Rest der Herde tummelt sich im Stall. Die Mutterschafe mit ihren Lämmern laben sich am Inhalt der gefüllten Futterraufen.

Jörg Schmid führt durch seinen Betrieb, zu dem auch Ziegen und mehrere Hunde gehören. Er erklärt sein geschlossenes Futtersystem. Fertig vorbereitet kommt das Kraftfutter in Silos von denen es wiederum auf der Futterband transportiert wird. „In einer halben Stunde hat eine Person 600 Schafe gefüttert“, nennt er die Vorteile dieser Investition. Jörg Schmid kommt auch auf die elektronischen Ohrmarken zu sprechen. Darin kann er sämtliche Daten der Tiere speichern, etwa ob sie trächtig sind. Das erspart viel Büroarbeit. Ulrich Rothweiler von der Viehzentrale Südwest ist Moderator des feierlichen Morgens, er begrüßt die Gäste vor dem Stall bei strahlendem Sonnenschein und einem Imbiss.

Auch im Kernland der Schafhaltung hat zu Ostern das Lammfleisch Saison, zu anderen Zeiten muss ordentlich die Werbetrommel für das Produkt gerührt werden. Owens Bürgermeisterin Verena Grötzinger lobt die gute Zusammenarbeit mit Familie Schmid. „Das ist ein tolles Miteinander. Die Landschaftspflege mit Schafen, Ziegen und Maschinen klappt hervorragend“, sagt sie. ih

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