Lenninger Tal

Eine tierische Wohngemeinschaft

Im Lenninger Tal leben zwei von Menschen aufgezogene Rehe mit Gänsen und Hühnern in einem großen Garten

Wildtiere sind vielen Gefahren ausgesetzt: Mähdrescher, Balkenmäher und Straßenverkehr führen immer wieder zu mutterlosen Jungtieren.

Die beiden Rehe Diva und Dodo sind von Kathrin Falkenberg aufgezogen worden. Deshalb leben sie nun anstatt in der freien Wildbah
Die beiden Rehe Diva und Dodo sind von Kathrin Falkenberg aufgezogen worden. Deshalb leben sie nun anstatt in der freien Wildbahn in einem Garten.Fotos: Daniela Haußmann

Lenningen. Wieder und wieder streift Kathrin Falkenberg mit ihren Waidkollegen nach Wildunfällen durch Flur und Wald, auf der Suche nach mutterlosen Jungtieren. So auch vor zwei Jahren. Eine Rehgeiß rannte vor ein Auto. Beim Blick auf das Gesäuge stand schnell fest, dass das Unfallopfer Junge hatte. Stunden vergingen, bis die Unternehmerin aus Bad Boll und andere Jäger die beiden Kitze des verunglückten Muttertiers aufspürten. Heute leben Diva und Dodo in einer tierischen Wohngemeinschaft im Lenninger Tal bei einem befreundeten Jäger. Gemeinsam mit Gänsen und Hühnern tollen die beiden Findelkinder dort durch einen großen Garten.

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Kathrin Falkenberg, die schon viele Tiere aufgezogen hat, erinnert sich noch gut daran, wie die beiden Rehe ihren Alltag auf den Kopf stellten. „Ich stimmte mein Berufsleben auf die Fütterungszeiten ab“, erzählt die Waidfrau. Fünfmal am Tag erwärmte sie für jedes Kitz am Anfang 100 und später 200 Milliliter Milch auf 39 Grad. Den Wecker brauchte sich Kathrin Falkenberg in der Nacht nicht zu stellen. „Diva und Dodo machten durchs offene Fenster lautstark klar, dass sie hungrig sind“, sagt die Jägerin. Als sie die beiden Kitze bei sich aufnahm, waren sie gerade ein bis zwei Wochen alt. Bis ein Rehjunges trotz Verlust der Mutter in der Natur überleben kann, vergeht laut Falkenberg ein halbes Jahr. Dann sind die Kleinen groß und schnell genug, um vor Fressfeinden wie dem Fuchs sicher zu sein.

Erst vor Kurzem überfuhren Pkw-Lenker zwei Rehgeißen im Jagdrevier des Landkreises Göppingen. „Für die Suche nach den Kitzen ging uns wertvolle Zeit verloren, weil beide Fahrer den Unfall nicht gemeldet haben“, kritisiert Kathrin Falkenberg. „In den ersten beiden Tagen haben die Jungen noch gute Überlebenschancen.“ Ohne Muttermilch trocknet der Darm der Kitze ab dem dritten Tag aus und stellt langsam seine Tätigkeit ein. „Trotz Fütterung gibt es dann keine Rettung. Die Tiere gehen qualvoll ein“, erzählt die Expertin.

Deshalb ist es wichtig, dass nach einem Zusammenstoß sofort die Polizei verständigt wird, die den Jagdpächter informiert, der alles daransetzt, die Waisen zu finden. Die sind selbst mit gut trainierten Hunden schwierig zu finden, weil die Kitze keinen Eigengeruch haben. Oft harren die Jäger deshalb Tag und Nacht im Freien aus, in der Hoffnung, dass die Jungen nach ihrer Mutter rufen. „Ist das der Fall, lassen sich die Kitze rasch lokalisieren“, so Kathrin Falkenberg. Dieses Glück hatten die Jungen der beiden Muttertiere nicht, die zum Opfer einer durch Straßen, Bahntrassen und Siedlungsgebieten durchtrennten Landschaft wurden, die das Vorkommen von Wildtieren auf immer kleinere Areale beschränkt.

Zu tödlichen Zwischenfällen oder schweren Verletzungen kommt es Falkenberg zufolge aber auch während der Mahd. „Rehkitze liegen im Feld oder im hohen Gras auf der Streuobstwiese und geraten ins Mähwerk“, erklärt die Jägerin. „Um das zu verhindern, sollten Landwirte und Wiesenbesitzer klatschend übers Flurstück laufen, um Rehe aufzuscheuchen.“ Danach sollte den Rehgeißen rund drei Stunden Zeit gegeben werden, ihre Kitze in Sicherheit zu bringen. Denn zuerst flüchtet das Muttertier, das die Lage eruiert und anschließend zurückkehrt, um die Jungen aus ihrem Versteck zu holen. „Die Kitze flüchten nicht von allein. Umso wichtiger ist es, den Geißen Zeit zu geben“, betont Kathrin Falkenberg, die immer wieder auf Rehe mit abgetrennten Gliedmaßen stößt.

In Mai und Juni bringen Rehe ihren Nachwuchs zur Welt. Aus diesem Grund appelliert die Jägerin an Hundebesitzer, ihre Vierbeiner im Auge zu behalten und sie zurückzurufen, wenn sie Feld- und Waldwege verlassen. „Hunde, die nicht zuverlässig auf ihren Besitzer hören, sollten besser angeleint werden“, betont Kath­rin Falkenberg. „Es kommt immer wieder vor, dass die Vierbeiner Rehe zu Tode hetzen oder so schwer verletzen, dass der Jäger sie von ihrem Leid erlösen muss.“ Gleiches gilt für Kitze, die keine Chance haben, einem wildernden Hund zu entkommen. „Auch bei solchen Zwischenfällen sollten Besitzer sicherstellen, dass der Jäger verständigt wird“, sagt Falkenberg. „So können verletzte Tiere und Kitze, die bei einem solchen Ereignis ihre Mutter verloren haben, schnell gefunden werden.“

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