Lenninger Tal

Eintauchen in alte Zeiten

Handwerk Die Oberlenninger Wagnerei hinter dem Schneckenbrunnen verlässt zum Monatsende ihren angestammten Platz. Noch erwacht die komplette Werkstatt mit einem Knopfdruck aus ihrem gut 30-jährigen Dornröschenschlaf. Von Anke Kirsammer

Foto: Carsten Riedl

Wer die Tür zu dem tief verschneiten Haus mit dem spitzen Giebel hinter dem Oberlenninger Schneckenbrunnen aufstößt, taucht ein in eine längst versunkene Welt: Mit Seilen verspannte Sägen baumeln neben dem Fenster an einem Metallstift, auf der Hobelbank liegen Gerätschaften wie eine abgegriffene Feile, ein Schraubenzieher und eine kleine Säge - geradeso, als ob Gottlieb Epple eben das Werkzeug aus der Hand gelegt hätte. Doch ist es gut 30 Jahre her, dass der „Wägner“, wie der Handwerker im Ort genannt wurde, zum letzten Mal die Sprossen einer Leiter mit den Wangen verspannte oder einem Rechen den letzten Schliff verpasste. Stiele und Griffe jeglicher Art, Leiterwägelchen, Schaufeln, Pickel, Hammer - all das wurde in der Werkstatt gefertigt. Die Zeiten, in denen Landwirte große hölzerne Wagen und Transportschlitten an dem Haus am Schillerplatz abholten, waren da längst vorbei. Vorbei auch die Zeiten, in denen die Werkstatt den Männern als Treffpunkt diente. „Die sind in keine Wirtschaft, sondern hierher gegangen“, sagt der Enkel Ulrich Widmann. „Die hatten alle das Gleiche durchgemacht.“ Damit meint er den Zweiten Weltkrieg, den sie als Soldaten erlebt hatten. Mit einem Ohr schnappte er als kleiner Junge das eine oder andere auf, worüber in den Familien der Deckmantel des Schweigens lag.

Anzeige

Seit 1987 ist die Werkstatt, die Gottlieb Epple die letzten 40 Jahre seines Leben im Nebenerwerb betrieb, in einen Dornröschenschlaf verfallen: Staubfäden ziehen sich an den Wänden entlang. Simse, Schachteln, Döschen, Hobel, der Blasebalg, Bohrer, Fräser und eine auf einem Regal stehende Glasflasche sind mit einer bräunlichen Patina überzogen. Während draußen die Schneeflocken tanzen, wirbelt beim Hochheben der hölzernen Raritäten feiner Staub durch die Luft. Seitdem die Maschinen stillstehen, hat der Holzwurm ganze Arbeit geleistet.

Ein Knopfdruck genügt, und die Werkstatt erwacht: Unter lautem Rattern und Schlagen treibt ein Elektromotor Riemen an, Wellen an der Decke drehen sich, und die Bandsäge beginnt sich zu bewegen. - Ein Monstrum, das nicht ohne Grund Respekt einflößt und Gottlieb Epple ein paar Fingerkuppen gekostet hatte. „An ein, zwei Fingern musste sich mein Opa die Nägel nicht mehr schneiden“, sagt Margit Eck. Auch die Drechselbank, die Bohr- und Fräsmaschine trieben die Transmissionsriemen an. „Das funktioniert alles noch mit den alten Lagern, obwohl mit den Maschinen jeden Tag geschafft worden ist“, so Ulrich Widmann.

Wie früher in der Wagnerei gearbeitet wurde, können Besucher künftig in Althütte im Rems-Murr-Kreis bestaunen. Der dortige Heimatverein übernimmt die komplette Einrichtung samt abgewetzten Bodendielen. Nach einer einjährigen Umbauzeit wird die Oberlenninger Werkstatt im Erdgeschoss eines historischen Schulgebäudes einziehen. Kontakt gab es mit rund 300 Interessenten. Nicht alle wollten die Wagnerei erwerben, aber sie boten ihre Hilfe an. „Es waren Museen und Sammler von Holland bis Rostock, vom Harz bis nach Oberschwaben dabei“, sagt Ulrich Widmann. Erst durch die Resonanz wurde ihm die Besonderheit der Arbeitsstätte seines Großvaters bewusst. Er bedauert, dass das vom Landkreis betriebene Freilichtmuseum Beuren keinerlei Interesse zeigte.

Der Familie war es wichtig, das Kleinod der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. „Es aufzugeben, ist mit Wehmut verbunden, aber jetzt geht es mir besser, weil ich weiß, dass alles gut aufgehoben ist“, sagt Margit Eck. Auch für ihren Bruder Werner Widmann steckt darin viel Herzblut. „Vielleicht ist deshalb auch nix vorwärtsgegangen“, meint er. Damit spielt er da­rauf an, dass der Kauf des Grundstücks für die Gemeinde mit dem Bohren eines dicken Bretts zu vergleichen ist. Die fünf Geschwister verbinden viele Erinnerungen mit dem Haus der Großeltern. Ein Abstecher in die Werkstatt des Opas, in der Resthölzer im Ofen auch an eisigen Wintertagen für wohlige Wärme sorgten, gehörte zum täglichen Ritual. „Wenn es was Gutes gab, habe ich bei meiner Oma nach der Schule immer was gegessen, bevor ich nach Hause gegangen bin“, erzählt Margit Eck verschmitzt. Ulrich Widmann sind die Waldspaziergänge, die der Opa jeden Sonntag unternahm, im Gedächtnis. „Er hat dort immer nach geeigneten Bäumen geguckt.“ Axtstiele beispielsweise machte Gottlieb Epple vorzugsweise aus Eschen. „Er musste gucken, dass die Faser durchläuft. Da hatte er einen Blick dafür“, sagt der Enkel und nimmt einen geschwungenen Stiel in die Hand, dessen Form sich ganz natürlich aus der Wuchsrichtung des Holzes ergibt. Wie einst der Großvater setzt sich der 55-Jährige auf den Schnitzbock und drückt das Fußpedal nach unten, um den Stiel einzuspannen. „Hier wurde er für den Axtkopf angepasst“, erklärt Ulrich Widmann, schnappt ein spezielles Messer an den beiden Griffen und schabt über den Holzstiel, dass die Hobelspäne nur so durch die Luft stieben.

An einem Tag wie diesem, an dem bis ins Tal hinunter die Landschaft in dickes Weiß gehüllt ist, wäre in grauer Vorzeit vielleicht die Tür zur Werkstatt aufgegangen, und ein Wintersportler hätte sich von Gottlieb Epple ein paar Skier anfertigen lassen. Auch da­rauf deuten noch Spuren in der Wagnerei hin: Ulrich Widmann kramt ein Kästchen hervor, in dem einst eine Bindung lagerte, und die altertümlichen Teller für die selbst gemachten Bambusstöcke müsste Gottlieb Epple nur vom Haken nehmen.

 

 

 

 

Das Gebäude Schlossrain 2 wurde 1750 bis 1800 errichtet und immer wieder erweitert. Die Wagnerwerkstatt kam als letzter Bauteil Mitte der 1920er-Jahre hinzu. Aufgebaut hatte sie Gottlieb Epples Vater Karl Epple. Im Oktober 2017 hat die Gemeinde Lenningen das Grundstück gekauft. Die Übergabe ist für Februar vorgesehen. Wegen des Kaufs war die Kommune seit bald zehn Jahren mit den Besitzern im Gespräch. Im Siegerentwurf der Planungskonkurrenz „Neue Mitte Oberlenningen“ ist unter anderem eine Umgestaltung des Schillerplatzes vorgesehen.