Lenninger Tal

Es bleibt spannend am Heidengraben

Geschichte Von heute an ist ein internationales Forscherteam am Heidengraben unterwegs. Es sucht nach weiteren Spuren keltischer Siedlungen.Von Daniela Haußmann

Geomagnetische Untersuchungen haben keltische Prozessionswege (siehe Karte) zutage gefördert.Foto: pr
Geomagnetische Untersuchungen haben keltische Prozessionswege (siehe Karte) zutage gefördert.Foto: pr

Eines steht fest: Der Heidengraben wird noch ganze Forschergenerationen beschäftigten. Seit 270 Jahren hält allein Pompeji mit rund 98 Hektar Fläche die Forscher auf Trab. Dass die keltische Siedlungsanlagen, die zwischen Erkenbrechtsweiler, Hülben und Grabenstetten liegt, mit einer Ausdehnung von 1 700 Hektar weit darüber liegt, gilt als ausgemacht. Fest steht außerdem, dass der Heidengraben stets mit neuen Erkenntnissen überrascht. Einmal mehr stellten das die Grabungen aus dem vergangenen Jahr unter Beweis, deren Ergebnisse kürzlich im Grabenstettener Rathaus vorgestellt wurden.

Nur etwa einen Kilometer nordöstlich vom Grabenstettener Gewann „Au“ entfernt, haben Wissenschaftler schon in den Neunzigerjahren die älteste Siedlung im Bereich des Heidengrabens entdeckt. „Damals verhinderten Flurbereinigungsmaßnahmen großflächige Grabungen“, sagt Dr. Gerd Stegmaier, Archäologe und wissenschaftlicher Referent der Region am Heidengraben für die Gemeinde Hülben. In den Fokus rückte das auf einer Agrarfläche gelegene Areal, weil die Fundschichten im Zuge der landwirtschaftlichen Nutzung unwiederbringlich zu verschwinden drohten.

Im Sommer 2017 begannen Studenten des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie der Uni Tübingen, in fünf Abschnitten auf einer Gesamtfläche von 400 Quadratmetern in diesem Gebiet zu graben. In einem circa 48 Quadratmeter großen Abschnitt wurden sie fündig: Dort kamen neben einem Pfostenloch, Vorrats- und Abfallgruben zum Vorschein, die sich auf die Zeit um 1 300 vor Christus datieren lassen. „Es handelt sich damit um die bislang ältesten Baufunde im Gebiet des Heidengrabens“, sagt Gerd Stegmaier. Wegen des Maisanbaus ruhen die Untersuchungen in diesem Areal bis zum nächsten Jahr.

Neue geomagnetische Messungen, die 2017 auf einer rund 60 Hektar großen Fläche stattfanden, lieferten weitere Erkenntnisse über das Gräberfeld am Burrenhof. Dort entdeckten die Forscher Gräben, die um 200 vor Christus entstanden und damit älter als der Heidengraben sind, der auf circa 100 vor Christus datiert wird. Die Experten des Landesamts für Denkmalpflege und des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie der Uni Tübingen nehmen an, dass es sich um Prozessionswege handelt, auf denen man die Toten zur Begräbnisstätte trug. So führte beispielsweise vom Sandwald beim Steinbruch Bauer und vom Hülbener Wassertank jeweils ein Weg dorthin.

„Es spricht vieles dafür, dass die Wege die Begräbnisstätte mit kleinen Dörfern verbanden, deren Bewohner miteinander verwandt waren“, sagt Professor Martin Barteilheim von der Uni Tübingen. Nach aktuellem Kenntnisstand erstrecken sich die Graben- und Ritualstrukturen auf eine Fläche von rund 700 000 Quadratmetern. „Im keltischen Kulturraum ist das einmalig“, sagt Gerd Stegmaier. „Die rund 40 Grabhügel beim Burrenhof, der auf circa 1 000 bis 400 vor Christus datiert wird, spielen damit eine wichtige Rolle bei der Entstehung des spätkeltischen Heidengrabens.“ Die 2017 gewonnenen Erkenntnisse wollen die Forscher mit weiteren Grabungen, die vom heutigen Montag bis zum 12. September stattfinden, ausbauen. Da der Gesteinsabbau beim Sandwald voranschreitet, werden dort in den nächsten Wochen geomagnetische Untersuchungen erfolgen, um Daten zu sichern und das weitere Vorgehen in dem Areal zu planen.

Grabungen im Bereich des geplanten Kindergartenneubaus haben laut Dr. Marc Heise auf einer Fläche von rund 550 Quadratmetern Pfostengruben und Grubenhäuser und mindestens fünf Brunnen zu Tage gefördert, die auf prähistorische und historische Siedlungsstrukturen verweisen. Solche für die vorgeschichtliche Bevölkerung überlebenswichtigen Erdbrunnen waren in Grabenstetten bislang nicht bekannt. Im Frühjahr hatten die Forscher drei Kilometer westlich der Gemeinde ein Grab der spätbronzezeitlichen Urnenfelderkultur entdeckt. Die gefundene Urne gehört zu einem bislang unentdeckten Friedhof, den ein internationales Forscherteam unter Beteiligung der Uni Tübingen am Rand der Elsachstadt ab heute untersucht. Es bleibt also weiter spannend am Heidengraben.

Ab heute wird gegraben

Mehr als 30 Archäologen sammeln ab heute auf der Vorderen Alb neue Erkenntnisse über die keltische Kultur am Heidengraben. Das internationale Grabungsteam setzt sich zusammen aus Teilnehmern der Universitäten Tübingen, Cambridge (England) und Umeå (Schweden).

Das sechswöchige Projekt wird mit rund 50 000 Euro vom Landesamt für Denkmalpflege des Regierungspräsidiums Stuttgart unterstützt. Weitere finanzielle Mittel in Höhe von circa 10 000 Euro stammen aus Spendengeldern. Es handelt sich um die umfangreichste Untersuchung am Heidengraben seit über 20 Jahren. dh

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