Lenninger Tal

„Es kommen Menschen“

Lenningen und Owen bauen bei Begleitung von Flüchtlingen auf Konzept der Bruderhaus-Diakonie

So schnell wie möglich wollen Owen und Lenningen Strukturen für die Betreuung von Flüchtlingen aufbauen. Entscheidende Impulse soll dabei ein Konzept der Bruderhaus-Diakonie geben.

Sportangebote für Flüchtlinge wie in Kirchheim gehören zur Konzeption der Bruderhaus-Diakonie für Lenningen und Owen. Gesetzt wi
Sportangebote für Flüchtlinge wie in Kirchheim gehören zur Konzeption der Bruderhaus-Diakonie für Lenningen und Owen. Gesetzt wird auf ein vorurteilsfreies, gutes Miteinander.Archiv-Foto: Jean-Luc Jacques

Lenningen. Mit der Konzeption zur Begleitung und Betreuung von Flüchtlingen betritt die Bruderhaus-Diakonie im ländlichen Raum Neuland. Denn anders als Städte wie Kirchheim oder Nürtingen, die sich mit der Thematik bereits über Jahre auseinandergesetzt haben, sind die Erfahrungen in kleineren Kommunen gering. Um passgenau ansetzen zu können, haben Mitarbeiter der Bruderhaus-Diakonie ein halbes Jahr lang in Owen und Lenningen geschaut, welche besonderen Gegebenheiten es in den Kommunen gibt. „Wir müssen uns überall neu erfinden“, sagt Ingrid Gunzenhauser, Leiterin des Fachdienstes Jugend, Bildung, Migration. In erster Linie gehe es darum, den Asylsuchenden eine gute Alltagsstruktur zu geben. Wichtig sei aber auch, dass Flüchtlinge ein Gesicht bekommen.

Anzeige

Einer der Bausteine ist das Erstellen eines Integrationskonzepts. Dafür setzt Ingrid Gunzenhauser zwei Jahre an. Bereits zum 1. Juni soll die Anlaufstelle „Soko“ mit einer pädagogischen Fachkraft an den Start gehen. Die soziale Koordinierungsstelle hat nicht nur zur Aufgabe, die dringend benötigten Ehrenamtlichen in Owen und Lenningen zu gewinnen, sondern sie auch zu qualifizieren und zu begleiten. „Egal, was jemand beruflich mitbringt“, sagte Ingrid Gunzenhauser im Gemeinderat, „ohne Ehrenamt kann Integration kaum funktionieren.“ Beispielhaft nannte sie gemeinsame Aktionen von Lenninger Jugendlichen und Flüchtlingen. Durch Ausflüge unter anderem ins Gottlieb-Daimler-Stadion sind nach anfänglichen Vorbehalten Freundschaften entstanden. Zum umfangreichen Aufgabenkatalog der „Soko“ gehört die Netzwerkarbeit, aber auch die Supervision, weil viele Ehrenamtliche mit dem, womit sie konfrontiert werden, nicht alleine zurechtkommen.

Voraussichtlich schon von Mai an wird eine Stelle für die Sozialbetreuung der Geflüchteten besetzt. Sie ist als ergänzendes Angebot zur AWO gedacht. Der Kontakt zu Mitarbeitern, die über den Landkreis beschäftigt sind, ist bereits hergestellt. Die Sozialbetreuung hat eine breite Palette an Aufgaben: Sie reichen von der Wertevermittlung über eine interkulturelle Sensibilisierung, Gewaltprävention und Hilfe in sozialrechtlichen Fragen über das Vermitteln von Beschäftigungs- und Qualifizierungsangeboten bis zur Unterstützung in Schule und Kindergarten. „Aus unserer Erfahrung heraus hoffen wir, dass die Bevölkerung erkennt, das sind Menschen, mit denen man gut auskommen kann“, so Ingrid Gunzenhauser. In den Startlöchern für die Organisation der Flüchtlingsarbeit in Lenningen und Owen steht darüber hinaus ein Fachkräftepool der Bruderhaus-Diakonie unter anderem mit einem Integrationscoach, Lehrkräften für Sprachkurse, Dolmetschern und Sozialarbeitern mit Erfahrungen in der Flüchtlingsarbeit. „Ich wünsche mir, dass die Flüchtlinge in Lenningen würdevoll ankommen können. Wichtig wäre, dass wir zu einem vorurteilsfreien, guten Miteinander kommen. Dazu braucht es das ganze Dorf“, betonte Ingrid Gunzenhauser.

Bürgermeister Michael Schlecht hält die Konzeption für Erfolg versprechend und sieht die Gemeinde in der Pflicht: „Es kann nicht sein, dass wir es laufen lassen und uns nur um die Unterbringung kümmern.“ Im Interesse der Flüchtlinge und der Bürger sei es notwendig, sich auch um die Begleitung zu kümmern. Mit dem Konzept möchte er den Landkreis nicht aus der Pflicht entlassen, für die Sozialbetreuung zu sorgen. „Wir sehen aber, dass er mit seinen Kapazitäten nicht rumkommt.“ In den nächsten vier Jahren rechnen die beiden Kommunen mit einem Kostenanteil von rund 150 000 Euro. Gemäß den Einwohnerzahlen werden die Ausgaben anteilig übernommen. Zudem werden derzeit Fördermöglichkeiten ausgelotet.

Für sehr ausgereift hält Gemeinderat Georg Zwingmann das Konzept. „Wir alle müssen das Bewusstsein entwickeln, es kommen Menschen“, sagte er. Sollten die Zuschüsse nicht wie erwartet fließen, könnte die Gemeinde seiner Ansicht nach finanziell auch mehr tun. Armin Diez betonte, Lenningen sei es den Flüchtlingen und den Bürgern schuldig, eine vernünftige Betreuung hinzubekommen. Anfangs skeptisch, unterstützt nun auch Wolfgang Tröscher das Vorhaben. „Auch wenn ich den Optimismus nicht so teilen kann. Wir müssen was machen“, sagte Dieter Epple. Für Jürgen Rau steht und fällt das Konzept mit den Räumlichkeiten. Wenn der Landkreis in der Unterkunft für Asylbewerber keine Schulungsräume vorsehe, könne es nicht funktionieren.

Bürgermeister Schlecht kündigte eine Infoveranstaltung an und hob hervor: „Es muss auch gelingen, Ehrenamtliche aus den anderen Ortsteilen zu gewinnen.“

Markt der Möglichkeiten

Ehrenamtliches Engagement: Gemäß dem Konzept zur Betreuung und Begleitung von Flüchtlingen in Owen und Lenningen kann ehrenamtliches Engagement verschiedene Facetten haben: Zu den Ideen der Bruderhaus-Diakonie gehören Familien-, Sprach- und Lernpatenschaften, Koch- und Backaktionen, die Beteiligung bei Dorffesten und Feiern, ein Job- oder Asylcafé, die Öffnung der Sportangebote für Flüchtlinge und die Öffnung der Vereine, die Begleitung zu Ärzten und Behörden, gemeinsame Ausflüge, Aktionen von Jugendlichen für Jugendliche sowie die Vernetzung mit Angeboten der Kirchengemeinden. Um Ressourcen und Potenziale für die Freizeitgestaltung nutzen zu können, braucht es gemäß dem Konzept jedoch Räume und Sportstätten. Treffpunkte: Die Konzeption setzt auch auf sehr niederschwellige Angebote wie Willkommenstreffpunkte und Orte der Begegnung, die es der Bevölkerung ermöglichen, sich anzunähern. Benötigt werden zudem Kleiderspenden und eine Kleiderkammer. Ausgebaut werden könnte auch die Fahrradwerkstatt.ank