Lenninger Tal

Fast oben

Mount Everest als Herausforderung

Das ist dem Tübinger Arzt und Bergsteiger Dr. Matthias Baumann noch nie passiert: Seine Zuhörer waren zu über 99 Prozent Männer. Beim 27. Männerstammtisch 50plus von „Unser Netz“ im rappelvollen Julius-Jan-Gemeindehaus machte er die Faszination und Tragödie des Mount Everest lebendig.

Lenningen. Die einzige Dame ist immer wieder dabei, wenn Baumann Spenden sammelt. Er ist für Nepal zum Helfer geworden, unterstützt die 16 Familien, die beim Lawinenunglück am Mount Everest im April 2014 ihren Ernährer verloren haben. Und er tut, was er für die Erdbebenopfer des Jahres 2015 tun kann.

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Die rund 120 Männer, Stammgäste und neue Gesichter, gingen erst zum regionalen Vesperbuffet. Dann gehörte die Bühne Baumann, der seinen Vortrag mit Standfotos, Karten und Videosequenzen begleitete. Mit dem Bergsteigen hat der 45-Jährige auf der Schwäbischen Alb begonnen, es folgten der Kilimandscharo in Afrika, 5 000er und 6 000er in Südamerika und schließlich Nepal.

Einmal den 8 848 Meter hohen Mount Everest besteigen, das war sein Kindheitstraum. 2011 hatte er mit einer Schweizer Expedition die Chance, auf der schwierigeren Nordseite. „Wenn der Kopf etwas will, schafft es der Körper oft, hinterherzukommen“, sagt Baumann. „Sie sind für mich die Helden“, sagt er über die einheimischen Sherpas, die bis zu 80 Kilogramm schwere Lasten tragen. Manche waren schon zehnmal und mehr auf dem Mount Everest.

Das erste Lager auf der Nordseite ist noch 25 Kilometer vom Berg weg auf 5 000 Meter Höhe. „Im Camp auf 7 000 Meter schläft man nicht richtig gut.“ Wie schnell jemand in dieser Höhe atmen muss, war im Video zu hören. Für den 24. Mai war perfektes Gipfelwetter angekündigt, sechs Tage vorher begann der Aufstieg. Zwei Stunden vor dem Gipfel geschah die große Enttäuschung: Baumanns zweite Sauerstoffflasche war leer. Baumann blieb nichts anderes übrig als der Abstieg.

2014 machte er einen erneuten Anlauf, diesmal mit einer Expedition von der Südseite aus. Dort ist weit mehr Betrieb, das Basislager auf 5 300 Meter ist zwei Kilometer lang. Die Zelte müssen aber nach jeder Saison komplett abgebaut und ins Tal gebracht werden. „Icefall Doctors“ heißen die Männer, die immer wieder neu einen Weg durch den Gletscher schaffen, dieser bewegt sich um etwa einen Meter pro Tag.

Am 18. April um 6.20 Uhr hörte Baumann im Zelt einen lauten Krach. Oberhalb des Basislagers hatte eine Lawine 16 Sherpas unter sich begraben. Es ist die größte Katastrophe, die je am Mount Everest passiert ist. Ärzte aus aller Welt, unter ihnen Baumann, versorgten die Verletzten. Für 2014 waren alle Expeditionen beendet.

Baumann entschloss sich, die Familien der Opfer zu besuchen, gab ihnen Geld. 2015 flog er wieder nach Nepal, mit weiterer Hilfe, der SWR begleitete ihn. Wieder zu Hause, kam Baumann bei einer Radtour bis an den Bodensee, hörte dort im Radio vom Erdbeben in Nepal. Er kehrte sofort um, flog wieder nach Nepal. Dort operierte der Chirurg und Gründer der „Sherpa Nepalhilfe“ zehn Tage lang, auch mit der Maschine aus dem Baumarkt.

Sind die vielen Besteigungen nicht eine Umweltbelastung? „Es wird sich nichts ändern“, erwartet Baumann. Sie bringen Einnahmen, auch für die Genehmigungen. „Die Sherpas profitieren am meisten.“ Viel Müll habe er am Berg nicht entdeckt, vor allem nicht an der einsamen Nordseite. Wie reagiert der Mensch auf diese Höhe? Jeder anders, die Akklimatisation dauert unterschiedlich lange. Ein Durchfall kann die ganze Expedition verderben. Wie ist die politische Lage? „Dort ist alles korrupt.“

Völlig korrekt übergab hingegen Werner Schulmeyer seine langjährige Verantwortung für den Männerstammtisch: Sie wurde von Rolf Hirsch und Günter Bublinski übernommen.