Lenninger Tal

Fische schweben im Wind

Ausflugstipp: Die Kunstallee Sankt Johann zeigt bis 3. Juli Arbeiten unter freiem Himmel zu den Themen Natur und Zeitgeschehen

Kunstallee mit Lamellen: links eine Arbeit von Patrice Bérard; rechts ein begehbares Rad mit 13 Speichen von Armin Burghagen. Fo
Kunstallee mit Lamellen: links eine Arbeit von Patrice Bérard; rechts ein begehbares Rad mit 13 Speichen von Armin Burghagen. Fotos: Kathrin Kipp

Sankt Johann. „Draht, Papier plus X“: Auf der Allee zwischen dem Gestütshof und dem Fohlenhof von Sankt Johann zeigen acht Künstler Freiluft-Arbeiten zu den Themen Natur und Zeitgeschehen. Immer

wieder wird die Gestütsallee mit Kunst geschmückt: 1999 unter dem Motto „Skulpturdruck“, 2000 mit „Sieben im Wind“, und 2009 waren es die „Nachträume“, die mehr als 2 500 Besucher anlockten. Die „Kerngruppe“ mit Friedrich Palmer, Tilo Carozzi, Raphael Habel und Martin Bürck startete nun für 2016/17 eine Neuauflage – mit der Idee, ihre „Arbeiten zu verschiedenen Witterungszeiten mit ihren ganz eigenen Farbpaletten zu präsentieren“. Sie sind nun noch bis 3. Juli und – überarbeitet – auch im Winter in der weißen Schneelandschaft zu sehen. Ein Ausflug auf die Alb lohnt also allemal.

Materialvorgabe war „Draht, Papier plus X“. Hieraus kreierten die Künstler statische wie bewegliche Objekte, die mit ihrer grünen Umgebung, mit Licht, Luft, Wind und Natur korrespondieren. Bei der Eröffnung betonte die Kunsthistorikerin Jutta Fischer den niedrigschwelligen Charakter solcher Umsonst- und Draußen-Kunstaktionen. Sie wies darauf hin, dass die sehr fragilen Draht- und Papier-Arbeiten schutzlos der Witterung, damit auch gewissen Veränderungsprozessen, ausgesetzt seien und so auf ihre eigene Vergänglichkeit anspielen.

Empfangen werden die Kunstspaziergänger von den knallig orangefarbenen, teils mit Gras befüllten und keck zum Kunstwerk erklärten Boss-Einkaufstaschen von Edgar Braig, die auf unseren horrenden Tütenverbrauch hinweisen, aber auch in ihrer Uniformität und Masse zusätzlich fragen: „Wer ist hier Boss?“ Ein paar Bäume weiter hängen, flattern und summen die bunten Bänder und Windfangballone von Patrice Bérard, fangen die Albluft ein, verleihen ihr Optik und Gehör. Dazwischen schwebt ein unbekanntes Flugobjekt, eine mit Draht verspannte, unförmige Papierkugel von Klaus Pfaffenzeller. Ein „temporary“ – zeitweiliges – „Wohnprojekt“, das an die winzigen Zelte von Hochgebirgskletterern erinnert: ein fragiler Schutzraum, in dem man irgendwie geschützt und doch ausgeliefert ist. Die Verbindung zu aktuellen Migrationsphänomenen liegt da sehr nahe.

Tilo Carozzi und Raphael Habel wiederum haben sich von der Alb-Natur gleich mehrfach inspirieren lassen. Links von der Allee wölben sich weiße Maulwurfshügel aus dem Gras, aus denen poetische Gebilde und Engelsflügel wachsen. Schräg gegenüber tropft eine „wasserzeichnende Maschine“ vor sich hin und hinterlässt schwarz-weiße Trief-Gemälde auf dem Papier. Daneben zeigt ein weißer, angesägter und nach oben hin offener Kasten die Umrisse eines fliehenden Pferdes. Aber nur, wenn man frontal draufblickt. Geht man weiter, verlieren sich die Umrisse ins Unbestimmte. Und so ist bei dem Künstler-Duo im Leben wie in der Kunst alles nur „Ansichtssache“, je nach Perspektive und Lichtverhältnis.

Armin Burghagen interessiert sich eher für urbane Motive, die er auf der Kunstallee mit der Natur konfrontiert. 100 weiß-schwarze Graffiti-Flecken aus Draht und Papier hat er deshalb am Boden ausgelegt, in Form eines begehbaren Rades mit 13 Speichen, das an mysteriöse Kreiszeichen im Getreidefeld erinnert. Aber hier waren keine Außerirdischen am Werk, sondern ein ganz realer Künstler, der versucht hat, aus nur vier Spray-Schablonen möglichst viele Variationen rauszuholen: Street-Art mitten im Grünen.

Friedrich Palmer zeigt mit seinen schwebenden Schwemmhölzern, die er wie in einem Klettergarten anei­nandergekettet hat, wie „das Leben so vieler Existenzen dieser seltsamen Zeit“ am seidenen Faden hängt. Zu Hause arbeitet er mit Blick auf ein Asylheim, da liegen existenzielle Fragen nahe. Die hell-dunkle Abfolge auf dem Holz steht deshalb auch für das „Ja/Nein“ – die „Entscheidungsfindung, das Land und die Lieben zu verlassen“.

Martin Bürck schließlich lässt transparente Fische aus Draht heiter durch die „Weite und Offenheit“ der Schwäbischen Alb schweben – ein Verweis auf das ehemalige Jurameer. So entsteht ein surreales Bild, untermalt von einer Plätscher- und Rausch-Klanginstallation – sie erinnert an die Lärmverschmutzung der Meere im Gegensatz zur Ruhe auf der Alb.

Fische schweben im Wind
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