Lenninger Tal

Fragen, beraten und nicht locker lassen

Noch mit 86 Jahren widmet sich der frühere Textilunternehmer Sebastian Otto der Kommunalpolitik

Energie, Systematik, Bildung und Neugier – das sind Worte, mit denen man Sebastian Otto beschreiben kann. Auch mit Zahlen kann man sich dem früheren Textilunternehmer nähern: 86 Jahre alt, Leser von fünf Tageszeitungen, Besucher von 80 Prozent aller Hochdorfer Gemeinderatssitzungen, Verfasser von 42 Briefen an Bürgermeister Kuttler.

Alles, was er macht, macht Sebastian Otto systematisch: Etliche Ordner sind mit Briefen und Zeitungsartikeln zur Kommunalpolitik
Alles, was er macht, macht Sebastian Otto systematisch: Etliche Ordner sind mit Briefen und Zeitungsartikeln zur Kommunalpolitik gefüllt. Er liest fünf Zeitungen und tauscht die ihm wichtigen Artikel mit Freunden aus. Foto: Kaier

Hochdorf. Während der Hochdorfer Rathauschef nicht auf den Rat des älteren Herrn hört, wird Otto von Gemeinderäten als erfahrener Gesprächspartner geschätzt. In vier örtlichen Arbeitskreisen engagiert sich der Senior sowie in den Esslinger Fördervereinen Pro Klinikum und Herzklopfen. Als Gesellschafter zweier Firmen gibt er – „sozusagen vom Olymp herunter“ – dem Verwaltungsrat seine Empfehlungen.

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Sebastian Otto hat sich in einem Alter in die Kommunalpolitik eingeschaltet, in dem sich andere – bis auf seltene Ausnahmen – längst zurückgezogen haben. Manche mögen den Kopf schütteln, seine Frau Ann-Marie findet es jedoch „gut, dass er sich mit seiner Erfahrung“ einbringt. „Er hat sich immer für Politik interessiert, aber nie Zeit gehabt.“ Ihre Erklärung ist für Otto das Stichwort für einen längeren Exkurs in sein Berufsleben. 1960, so erinnert er sich, sei sein Vater von einer Geschäftsreise von der Ebinger Alb – damals ein Zentrum der textilen Produktion – zurückgekommen. Dort habe er mehrfach zu hören bekommen: „Wir brauchen euch deutsche Spinner bald nicht mehr.“

Sebastian Otto lehnt sich in den Korbsessel zurück. Rund um ihn herum Regale voller Bücher, ein großer Globus leuchtet neben dem schweren Schreibtisch. In diesen Salon habe ihn sein Vater gerufen und ihm den Auftrag erteilt: „Du hast ein halbes Jahr Zeit, um ein zweites Standbein außerhalb der Textilbranche zu finden.“ Der junge Textilingenieur ging auf Erfindermessen, stieß auf eine neue Technologie, aus der die Firma Okalux in Wertheim entstand. Sie produziert wärmeisolierendes Spezialglas und feierte diesen Sommer ihr 50-jähriges Bestehen. Der Kampf um die Zukunft der Heinrich Otto KG führte Sebastian Otto in 40 außereuropäischen Länder. 1974 gründete er eine Spinnerei in Griechenland, später eine in El Salvador.

Den umtriebigen Unternehmer aus Reichenbach hätten CDU und FDP gern in ihren Reihen gehabt, auch die IHK klopfte an. „Aber ich war 150 Tage im Jahr außer Haus, das war nicht kompatibel mit einer politischen Aufgabe“, sagt Otto. Er habe sich jedoch gefragt, ob er nicht wenigstens in eine staatstragende Partei eintreten sollte. Systematisch, wie er ist, legte er zwei Zettel an, um CDU und SPD zu vergleichen. Das Resultat fiel im Jahr 1976 knapp für die CDU aus. Aber das hinderte den Unternehmer nicht daran, auch mal starke SPD-Kanzler wie Willi Brandt, Helmut Schmid und Gerhard Schröder zu wählen. Aus der „ausgehöhlten CDU“ ist er vor wenigen Tagen ausgetreten. Kurzzeitig hat sich der Unternehmer schon früher in die Kommunalpolitik eingemischt: 1973 trafen sich einige Herren im Haus Otto, um ein Flugblatt gegen die Eingemeindung Hochdorfs zu verfassen. Jahrzehnte später, 2007, fühlte er sich erneut angesprochen: Sich der kleinen Gruppe anzuschließen, die gegen das geplante Pflegeheim mit Supermarkt auf den Breitwiesen kämpfte. Mit einem Bürgerbegehren kippten die Kritiker das Projekt und beeinflussten damit die Geschicke des Dorfes bis heute. Nach der Abstimmung sei man zwar erschöpft gewesen, erinnert sich Otto, aber schließlich raffte sich die Gruppe auf, bei der Gemeinderatswahl anzutreten. Das war die Geburtsstunde der „Mitte“. Die erhielt drei Mandate, überflügelte CDU und SPD. Otto selbst erhielt zwar kein Mandat, aber er spricht häufig mit den „Mitte“-Leuten über deren Kurs. Auch Mitglieder anderer Fraktionen sitzen gelegentlich in seiner Villa in der Nähe der ehemaligen Reichenbacher Spinnerei.

Im Gemeinderat nutzt Sebastian Otto regelmäßig die Bürgerfragestunde, um aus der Verwaltung Neues zum Pflegeheim oder zum Supermarkt herauszukitzeln. Er bekomme nie eine konkrete Antwort, bemängelt er die Informationspolitik des Bürgermeisters. Viel zu viel werde nicht öffentlich behandelt.

In 42 handgeschriebenen Briefen hat er Bürgermeister Kuttler seine Meinung kundgetan, ihn deutlich aufgefordert, „endlich mal die Ärmel hochzukrempeln“. Die „Verzögerungsschlamperei“ habe beinahe alle Betreiber von Pflegeheimen vergrault, weiß Otto. Die Evangelische Heimstiftung habe nur an Hochdorf festgehalten, weil der Standort in ihr Satellitenkonzept rund um Plochingen passe. „Jetzt kriegen wir ein Heim mit einer einmaligen Struktur. Hochdorf kann sich damit rühmen, aber es ist gewiss nicht das Verdienst des Bürgermeisters“, sagt Sebastian Otto. Nur zwei gute Haare lässt er am Bürgermeister: „Er ist lieb und kennt die Namen der Bürger.“

Zeit für seine Frau, seine drei Kinder und die acht Enkel bleibt dem 86-Jährigen trotz der akribisch betriebenen Beschäftigungen immer noch. Der rührige Hochdorfer kommt seit Jahren mit knappen fünf bis sechs Stunden Schlaf aus.