Lenninger Tal

Fragile Objekte voll emotionaler WuchtInfo

Zyklus der Künstlerin Izumi Yanagiya zur Katastrophe von Fukushima zeigt die Vielseitigkeit des Werkstoffs Papier

Papier ist in unserem Alltag allgegenwärtig, ein Massenprodukt. Ganz anders das, was Izumi Yanagiya aus Papier entstehen lässt.

Nicole Mohn

Lenningen. Seit Freitag zeigt die Künstlerin Izumi Yanagiya im Museum für Papier- und Buchkunst im Lenninger Schlössle ihren Werkzyklus zur Katastrophe von Fukushima.

11. März 2011. Dieses Datum hat sich bei Izumi Yanagiya eingebrannt. Es ist der Tag des verheerenden Seebebens vor der japanischen Ostküste. Es löst einen gewaltigen Tsunami aus, der 18 000 Menschen das Leben kostet und im Kernkraftwerk in Ōkuma zum nuklearen GAU führt, der Luft, Wasser und Land kontaminiert.

Das, was in ihrer Heimat geschah, hat die gebürtige Japanerin nun in einem beeindruckenden Werkzyklus verarbeitet. Sie will nicht schweigen zu dem, was in ihrer Heimat passiert ist, will erinnern. An die Menschen, die ihr Leben lassen mussten. Spielende Kinder, die einem Schattenriss gleich grau aus der feinen Maserung ihres handgeschöpften Papieres hervortreten, die Liebenden, die der Tod auseinanderriss. An die Tiere und Pflanzen, die nicht fliehen konnten. An die Verzweiflung, die Trauer, die Vergänglichkeit, die Zerstörung. Aber auch Hoffnung keimt darin, auf einen Neuanfang und ein neues Leben. Mit ungeheurer Wucht treffen diese Emotionen auf den Betrachter, fesseln ihn, berühren.

In den Arbeiten spiegelt sich das breite künstlerische Spektrum der Künstlerin wider. Izumi Yanagiya hat eine Ausbildung sowohl im klassischen Japanischen Tanz als auch Schauspiel, beherrscht die hohe Kunst der Kalligrafie und hat einen Master in Textil und Kleidung der Hochschule Reutlingen in der Tasche. Die 58-Jährige schöpft aus ihren Erfahrungen für ihre Kunst aus einem großen Reservoir an Techniken und Fähigkeiten. Mal fügen sich unzählige blaue Sticknähte auf Papier zu tosenden Wellenbergen, dann wieder zaubert die Künstlerin mit Tusche feinste Federn und Strukturen zu einem fast schon traditionell anmutenden Motiv eines Vogels. Solche Zitate der japanischen Tradition finden sich immer wieder – so auch in der großen Chrysantheme aus Papierfolie, ein Symbol nicht nur der Trauer, sondern auch des Glücks und für ein langes Leben.

Immer wieder durchbricht sie das Kleinteilige und das Zweidimensionale, lässt sie die Objekte Struktur annehmen. Besonders Wirkungsvolles gelingt der Künstlerin, die in Reutlingen lebt und arbeitet, bei der Lichtinstallation im Obergeschoss. Die Hinterleuchtung der Papierobjekte gibt feine Strukturen und Ebenen preis, sie scheinen im stillen Betrachten lebendig zu werden, zu erblühen. Für Izumi Yanagiya geht mit der Ausstellung im Museum für Papier- und Buchkunst ein Traum in Erfüllung, sagt sie bei der gut besuchten Vernissage am Freitagabend. „Dass ich hier mal ausstellen darf, ist für mich eine große Ehre“, bedankte sich die Künstlerin.

Die Ausstellung „11.03.11 – Erinnerungen an Fukushima“ von Izumi Yanagiya ist noch bis zum 1. Oktober in den Räumen der Bücherei im Lenninger Schlössle zu sehen. Die Installation der Künstlerin bleibt bis zum 26. Februar 2017 im Museum für Papier- und Buchkunst des Schlössles.

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