Lenninger Tal

Ganz und gar im Bann der Tiefe

In der Gustav-Jakob-Höhle in Grabenstetten: Bierbäuche müssen draußen bleiben

Ganz und gar im Bann der Tiefe
Ganz und gar im Bann der Tiefe

Grabenstetten. „Wenn‘s allen recht ist, duzen wir uns, ich bin die Johanna“, begrüßt die erfahrene Höhlenführerin, die mit ihrem Mann Peter mit ihrer Gruibinger Outdoor-Event-Firma ihr Hobby zum Beruf gemacht

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hat, die Gruppe. Nachdem die Ansprache untereinander geklärt ist, erfolgt die Materialausgabe am Treffpunkt Waldparkplatz, manche wechseln dort noch vorausschauend ihre Klamotten und Schuhe, Neu gegen Alt. Alle Taschen werden geleert, Handys, Autoschlüssel und Geldbeutel schließt Johanna in ihren Wagen ein.

Der Zustieg zum Höhlenportal führt bisweilen durch den Wald über einen kleinen schmalen Pfad direkt an einem Steilhang. Bevor es in das unbekannte dunkle „Nichts“ geht, bekommen die Teilnehmer noch einige Informationen, die beim „Befahren“ der Höhle wichtig sind. So lautet der Fachjargon für das Begehen einer Höhle.

„Denkt bitte daran. Wir nehmen nichts mit rein und nichts mit raus. Weder Stalaktiten von der Decke oder Stalagmiten vom Boden noch Steine“, bittet Johanna und streift kurz die Entstehung der Höhlen auf der Schwäbischen Alb vor rund 150 Millionen Jahren: „Einen Zentimeter wächst ein Tropfstein im Schnitt in 50  bis 70 Jahren“.

Dann heißt es: Helme auf, Stirnlampen an und los geht’s. Bereits das Höhlenportal lässt erahnen, dass die „Gusti“ nicht gerade übermäßig geräumig ist. Kein Problem, schließlich haben das schon ganz andere geschafft. Wenige Meter später lassen die Unternehmungslustigen das Tageslicht immer mehr hinter sich, tauchen in eine andere Welt ein. Nur der schwache gezielte Lichtschein der Helmlampen strahlt auf die feuchten und glitschigen Wände – und „Meta menardi“. Eine große schwarze Höhlenspinne, die gerade einen Artgenossen verspeist, erzählt Johanna von der Vorliebe der Achtbeiner, die ausschließlich in der Zwischenwelt vorkommen, weil sie zum Leben etwas Helligkeit brauchen.

Mittlerweile ist es angenehm kühl, so um die zwölf Grad. Der Geruch ist typisch – etwas modrig, erdig, steinig – fast wie in alten Gewölbekellern, aber nicht unangenehm. Tropfsteine glitzern um die Wette, die meisten sind klein und niedlich und immer wieder Schlufe. Wieder so ein Fachausdruck. Schluf bezeichnet eine Engstelle in einem Höhlensystem, die man in der Regel nur auf dem Boden kriechend passieren kann. Immer wieder erstaunlich, wie dünn sich doch die Menschen machen können. Manchmal sind die Felsspalten gerade mal zwischen 30 und 40 Zentimeter breit. Dort kommt man nur seitlich durch, was heißt, alles einziehen was die Masse hergibt. Von Vorteil wer schlank ist, allerdings tröstet Johanna: „Es kommt auf die Wendigkeit an. Wir haben hier schon stattliche Kerle von 1,90 Meter mit breiten Schultern durchgeschleust“. Dennoch: Bierbäuche müssen draußen bleiben.

In der „Gusti“ gibt es nur drei Hallen, in denen man aufrecht stehen kann. Weil die aber wenig Standfläche haben, heißt es eng aneinanderkuscheln. „Berührungsängste solltet ihr da nicht haben“, weiß Johanna aus Erfahrung. Überhaupt nimmt sich die erfahrene Höhlentrainerin für jeden Teilnehmer bei Bedarf Zeit. Gibt wertvolle Tipps, wenn Knochen, Gelenke und Muskeln nicht so wollen wie es nötig wäre, um sich durch die Öffnung hindurchzuschlängeln.

Während die Großen sich häufig richtig klein machen müssen, was ins Kreuz geht, finden die Kurzen bei weit auseinanderliegenden Trittstellen oft keinen Halt. Insofern benötigt es viel Kraft, um sich selbst hochzuziehen. Nur blöd, weil hier alles ziemlich glatt und rutschig ist. Trotzdem, die Gruppe ist mittendrin im Höhlenbann. Kein Gejammer, kein Wehklagen. Von vorne ertönt Gelächter, von hinten ab und an Schnaufen. Massive Felsbrocken über den Köpfen, absolute Dunkelheit, die allein durch den kleinen Strahl der Kopflampe durchbrochen wird und oft keine Ahnung, wie man aus der Felsspalte wieder herauskommt. Doch peinlich muss es keinem sein. Selbst wenn man die anderen ausbremst, weil man etwas langsamer ist oder feststeckt, irreal eingekeilt zwischen Dreck, spitzen Steinen, feuchtem Boden und Felswänden. Ade du schöne Welt.

„Wir warten auf jeden und helfen einander“, unterstreicht Johanna die Teamgemeinschaft. Manchmal bedarf es nur eines kleines Schubses, oder man schiebt kräftig nach. Und schon schlängelt man sich wieder durch enge Gänge, Löcher und Felsspalten hindurch. „Mein ältester Teilnehmer war 77 Jahre alt“, verrät Johanna, die seit Bestehen der Outdoor-Event-Firma jährlich zwischen 30 und 35 Mal durch diverse Höhlen robbt.

Mittlerweile spürt man jeden Knochen und das Schlimmste, der „Geburtskanal“, kommt noch. „Kein Mensch der Welt kann sich an seine eigene Geburt erinnern. Heute könnt ihr es wenigstens ein bisschen nachvollziehen, wie sich die Babys fühlen“, so Johanna, die immer einen Scherz auf den Lippen hat. Doch auch diese enge letzte Herausforderung, die wieder ans Tageslicht führt, meistert die Gruppe. Braucht man das wirklich? Ja, sagen acht von zehn Teilnehmern. Einige hatten sogar anschließend noch die Falkensteinhöhle gebucht. Zwei wollten sich ein Höhlenabenteuer nach „Gusti“ nicht mehr antun. Für die große Mehrheit aber war es super. Sarah aus Stuttgart brachte es auf einen knappen Nenner: „Dunkel, feucht, glitschig, witzig“.

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Die Gustav-Jakob-Höhle

Geschichte: Die im Jahr 1936 von den beiden Grabenstetter Gemeindearbeitern Gustav Fetzer und Jakob Kazmaier entdeckte Gustav-Jakob-Höhle durchbricht den Bergsporn unterhalb der Ruine Hofen auf einer Hauptgang-Länge von circa 210 Metern. Mit insgesamt etwa 400  Meter ist sie die längste bekannte Durchgangshöhle der gesamten Schwäbischen Alb. Der Höhlengang der „Gustl“, die kein Wasser führt, ist mit Ausnahme der Hallen recht eng. Auf der Alb gibt es etwa 10 Prozent Durchgangshöhlen, die restlichen sind Sackgassen. Man gelangt vom Wanderparkplatz (bei der Kläranlage) zur Ruine Hofen und dann über sehr schmale, am Steilhang liegende Waldpfade zur Gustav-Jakob-Höhle. Zum Schutz der Fledermäuse ist „Gusti“ noch bis 15. April verschlossen und nicht befahrbar. Höhlentour: Vorkenntnisse sind nicht zwingend erforderlich. Eine gesunde körperliche Konstitution sowie eine Portion Mut mit Blick auf Enge und Dunkelheit sind ausreichend. Erforderlich sind robuste und möglichst alte Kleidung, festes Schuhwerk sowie komplette Wechselkleidung. Dauer je nach Anzahl der Personen zwischen einer und zwei Stunden. Geeignet für Familien mit Kindern ab acht Jahren, jünger auf Anfrage. Anbieter: Geführte Höhlentouren durch gut ausgebildete und erfahrene Höhlentrainer sowie mit Leihgabe von Helm und Stirnlampe werden unter anderem angeboten von: Con-la-Natura, Peter und Karin Böhringer, Gruibingen, www.con-la-natura.de; Team-X, Volker Dengel, Göppingen, www.team-x.de; Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Grabenstetten, Christoph Gruner, Ulm, infp@arge-grabenstetten.deack