Lenninger Tal

Geistliches Wort

Im Religionsunterricht sprechen wir über die drei großen Feste im Kirchenjahr. Weihnachten kennen alle, auch Ostern. Aber das dritte? Zunächst ratloses Schweigen. Dann meldet sich zögernd ein Mädchen. Geburtstag? Sie hat recht. An Pfingsten feiern wir das Geburtstagsfest der christlichen Kirche.

Beim ersten Pfingstfest war eine bunte Gesellschaft versammelt, so berichtet die Apostelgeschichte. Menschen aus aller Herren Länder mit verschiedenen Sprachen und Kulturen. Wenn wir die Orte auf der Landkarte suchen, kamen sie aus Regionen, die wir heute als Kriegs- und Konfliktgebiete wahrnehmen: Iran und Irak, Syrien und Türkei, Israel und Palästina, Ägypten und Libyen, aber auch Griechenland und Italien, an deren Grenzen die Flüchtlingsströme landen. Es braucht schon Fantasie, sich vorzustellen, dass diese „Multikulti“-Gesellschaft sich heute in Jerusalem versammelt und auch noch versteht.

Denn das ist das Wunder von Pfingsten. Der Heilige Geist sorgt dafür, dass alle diese Menschen Begeisterung erfasst, wie wir es bei Kirchentagen, bei Fußballspielen oder Konzerten erleben. Wie ein Lauffeuer erreicht sie die Botschaft der Apostel, die von den Taten Gottes reden. Jeder versteht sie in seiner eigenen Sprache. Das bewirkt Gemeinschaft unter ihnen.

Ob solche Zeichen und Wunder auch heute noch geschehen, wo es in der Gesellschaft längst Wirklichkeit ist, dass Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen und Religionen zusammenleben? Ich beobachte, dass die einen sich öffnen und die Vielfalt als Bereicherung erleben und die andern sich abschotten und befürchten, dass sie ihrer Identität beraubt werden. Die Christenheit war von Anfang an eine bunte Gesellschaft, aber das führte auch immer wieder zu Konflikten, Streit und Spaltungen. Oft war es nicht der Geist Jesu Christi, der das Miteinander bestimmte, sondern ein Ungeist. Denn Gott hat uns nicht den Geist der Furcht und der Abgrenzung, sondern den Geist der Freiheit und der Liebe geschenkt. Doch es geschehen noch Zeichen und Wunder, die der Geist Gottes bewirkt. Er bewegt Menschen, sich für Verständigung und ein friedliches Zusammenleben einzusetzen.

Am Dienstag erhielt der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I, das Ehrenoberhaupt der Orthodoxen Kirchen, von der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen den Ehrendoktor verliehen. In seiner Dankesrede sagte er: „Offenheit und Dialog führen zur Bereicherung und Vertiefung der Identität der Partner. In der Begegnung mit den anderen lernen wir auch uns selbst tiefer kennen. Was unsere Identität gefährdet, ist nicht die Offenheit, sondern die unfruchtbare Verschlossenheit.“

Bereits in der Reformationszeit gab es einen Briefwechsel zwischen den Tübinger Theologen und dem Ökumenischen Patriarchat in Istanbul. Damals endete er nach sieben Jahren mit den Worten des Patriarchen Jeremias II. „Geht nun euren Weg! Schreibt uns nicht mehr über Dogmen, sondern allein um der Freundschaft willen, wenn ihr wollt.“ Die Einheit der christlichen Konfessionen ist auch nach 500 Jahren nicht erreicht, aber vieles hat sich verändert. Freundschaft, Gespräch und Zusammenarbeit sind selbstverständlich geworden. Sie muss heute die Menschen außerhalb der Kirchen einschließen. Wir leben in einer Welt und können uns nicht abschotten. Der Geist Gottes bewirkt, dass Menschen einander verstehen, selbst wenn sie verschiedene Sprachen sprechen. Er öffnet verschlossene Türen und Grenzen, seine Frucht sind Friede und Freundschaft, Güte und Gerechtigkeit, die wir bitter nötig haben.

 

Frida Rothe, Pfarrerin in Schopfloch-Gutenberg

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