Lenninger Tal

Generation 60+ fühlt sich nicht als „alte Socken“Projekt Netzwerk

Grafenberg arbeitet an Visionen für 2030 und setzt auf die Bürger als Stärke des Ortes

Die Projektleiter der Zukunftswerkstatt Grafenberg übertrafen sich vor Begeisterung über Bürgerengagement und Ideen: „Sie können sehr stolz sein auf das, was sie in so kurzer Zeit umgesetzt haben.“

Grafenberg. „Liebe Gemeinde, in 15  Jahren bin ich 25 Jahre alt und habe vielleicht schon Kinder“, kombiniert Grundschülerin Liv Hermann haarscharf, „dann sollten halt auch Bücherladen, Spielmöglichkeiten, Streichelzoo, Freizeitpark und solche Sachen in Grafenberg sein“. Das Allerwichtigste für die Kindergartenkinder ist, „dass das Ländliche bleibt. Mit Kühen und Pferden und so!“

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Der Kontakt der Jüngsten mit der Frage, wie Grafenberg als „Netzwerk der Generationen“ im Jahr 2030 aussehen soll, war selbst für Kindergartenleiterin Susanne Müller verblüffend unkompliziert. Umso begeisterter präsentierte sie dem Grafenberger Plenum zur Zukunftswerkstatt die bildschönen Ergebnisse. Gefolgt von einem ersten Aufwärmen in der energiegeladenen Atmosphäre der Rienzbühlhalle. Zwischen Arbeits-Charts, Vereinspräsentationen und Kaffeetankstelle wurde proklamiert: „Wir haben eine super Infrastruktur.“ „Und eine Landschaft mit Potenzial zum Wohlfühlfaktor.“ „Wir haben ein lebhaftes Vereinsleben. Der Zusammenhalt und die Gemeinschaft sind überall spürbar.“ „Für eine kleine Gemeinde haben wir beeindruckend attraktive Kirchen mit vielen Jugendangeboten.“ Die Pinnwand mit den grünen Karten hing schnell rappelvoll.

Nachholbedarf sahen die rund 40  Vertreter aus der Bürgerschaft unter anderem bei der Kommunikation: „Wie erreichen wir die junge Generation und verhindern, dass eine Parallelgesellschaft entsteht?“ Die Themen Mobilität und Nahverkehr standen auf der Roten Liste. Eine 17-Jährige zur Parksituation: „Wenn ums Rathaus alles voll steht, komm ich mit dem Hänger oder dem Traktor kaum durch!“

Grafenberg will mehr Ausgeh­möglichkeiten, eine Kirmes und einen Wochenmarkt, damit mehr Menschen ins Dorf kommen. Die Generationen-Vernetzung und ein aktives Angebot in einer gesunden, lebendigen Umgebung: „Uns fehlt eine richtige Willkommenskultur, Barrierefreiheit, günstiger Wohnraum. Und: das Einkaufsverhalten muss sich ändern.“

Die Arbeitsgruppe „Attraktives Ortszentrum 2030“ sah sich bereits „chillend im Café sitzen. Es gibt ‘ne Menge Kneipen zum Treffen. Die Mobilitätsfrage ist geklärt und die Nahversorgung gesichert.“ Grafenberg hat mindestens fünf Brunnen, die wieder aktiviert werden sollen. „Die Fußgängerzone im neuen Ortszentrum wird verkehrsberuhigt“, fordert die Arbeitsgruppe, „es gibt Fuß- und Fahrradwege und dezentrale Begegnungsplätze mit Spielgeräten“. Das Gesamtkonzept erhielt tosenden Applaus.

Ohne Eisdiele geht bei den Jugendlichen zwischen vier und 14 gar nichts, für die Zwölf- bis 17-Jährigen braucht’s einen Jugendraum. „Wir wollen mitarbeiten und mitbestimmen dürfen“. Die Arbeitsgruppe „Jungsein in Grafenberg“ regte eine Laufstrecke aus einfachen Mitteln an, ein Sommerferienprogramm auch für Ältere, mehr überörtliche Sport-Wettbewerbe, bessere Absprachen bei der Hallenbelegung und mehr Busverbindungen am Wochenende.

Die „Gesunde Gemeinde“ bekommt zuallererst einen Naturlehrpfad. Dazu passt ein Bewegungs-, Ernährungs- und Beratungskonzept mit vielen altersübergreifenden Aktionen. Für die Gruppe „Zusammenleben der Generationen und Kulturen“ hatte der offene Bürgertreff oberste Priorität. Gefolgt vom Thema Leih-Omas und -Opas und einer „wunderbar ausgebauten Kinderbetreuung von null bis zwölf, auch in den Ferien“.

An Visionen zum Älterwerden fehlte es den Grafenbergern nicht: „Die moderne Generation 60+ rockt mit AC/DC. Sie ist ein einzigartiges Wertschöpfungspotenzial. Das sind keine alten Socken. Die stecken voll Wissen, das sie den Jüngeren weitergeben sollten.“ Ob „Lebensinseln“ statt Senioren-Gettos, Mehrgenerationenhaus, Genossenschaftscafé oder ambulante Unterstützung für die Nahversorgung: „Ein Konzept lebt nur, wenn die Bürger es annehmen“. Eins wurde bei der Zukunftswerkstatt schnell deutlich: „Die Stärke Grafenbergs liegt in den Menschen.“

„Bravo Grafenberg!“ freuten sich die Projektmoderatoren der Familienforschung Baden-Württemberg, Erich Stützel und Sara Bode. Die Workshop-Teilnehmer hatten handfeste Ergebnisse erarbeitet. „Jede Menge Hausaufgaben für die Gemeindevertreter“, so Stützel.

Grafenbergs Bürgermeisterin Annette Bauer war sprachlos. „Ich hab in den Arbeitsgruppen Unglaubliches erlebt. Alle haben mit Eifer schöne Konzepte erarbeitet. Es war ein bereichernder und schöner Austausch. Ich freue mich darauf, das umzusetzen!“

Grafenberg wurde als eine von zwölf Gemeinden für das landesweite Projekt „Netzwerk für Generationen“ ausgewählt. Es ist auf ein Jahr ausgelegt und wird von der Baden-Württemberg Stiftung gefördert.