Lenninger Tal

Geschichte lebendig erzählt

Nachruf Erika Hillegaart ist gestorben. Jahrzehntelang berichtete sie über ihren Heimatort Oberlenningen im Teckboten. Ihre Recherchen führten sie oft in die Tiefen der Archive. Von Iris Häfner

Erika Hillegaart war leidenschaftliche Schreiberin.Foto: Carsten Riedl
Erika Hillegaart war leidenschaftliche Schreiberin.Foto: Carsten Riedl

Eine leidenschaftliche Geschichten-Sammlerin ist tot. Im Alter von 77 Jahren ist Erika Hillegaart gestorben. Oberlenningen war neben ihrer Familie der Mittelpunkt ihres Lebens. Anfang jeden Jahres kam per Post, später als E-Mail, eine Themen-Liste mit Vorschlägen, die im Laufe des Jahres aus den Tiefen des Lenninger Archivs ausgegraben werden können. Im Mittelpunkt standen Geschichten von Menschen, die Erika Hillegaart wieder in Erinnerung rufen wollte. Sie zeigte als liebevolle Chronistin auf, welche Persönlichkeiten in Oberlenningen gewirkt und gewohnt haben oder dort geboren wurden – und schrieb darüber im Teckboten. Dabei war Erika Hillegaart selbst Teil des öffentlichen Lebens, engagiert nicht nur im Freundeskreis Schlössle und Trägerin der Johannes-Brenz-Medaille. Dabei handelt es sich um die höchste Auszeichnung der Evangelischen Landeskirche. Gewürdigt wurde damit die jahrzehntelange Arbeit von Erika Hillegaart im April 2010.

Ihr kirchliches Engagement begann sie als Jungscharleiterin in Heidenheim, wo die gebürtige Oberlenningerin aufwuchs. Später zog es sie mit ihrem Mann wieder an den Fuß der Alb zurück. In Tageszeitungen, Zeitschriften und dem Evangelischen Gemeindeblatt berichtete sie über kirchliche Ereignisse. Selbstverständlich war sie auch Autorin für den Gemeindebrief in Oberlenningen. „Ich habe zwei linke Hände. Sprache war schon als Kind ein Stück Befreiung für mich“, sagte sie anlässlich der Verleihung der Johannes-Brenz-Medaille. So war es nur logisch, dass Lesen und Schreiben fester Bestandteil ihres Lebens waren. Zum ersten Advent erschien der jüngste Oberlenninger Gemeindebrief – mit einem Text von Erika Hillegaart, den sie wegen ihrer schweren Krankheit diktiert hat.

Wegweisend für ihre Publikationen war das Jahr 1968, in dem sie erstmals den Weltgebetstag besuchte. Heute ist der Weltgebetstag eine weltweite, ökumenische Basisbewegung von Frauen. So verwundert es nicht, dass neben dem christlichen Glauben Frauenthemen immer mehr in den Fokus von Erika Hillegaart rückten. Ihnen widmete sie das Büchlein „Oberlenninger Frauenbilder Müllerinnen – Mütter – Mägde – Musentöchter“, das in diesem Jahr erschienen ist. Darin bekommen die Frauen ein Gesicht, werden vor dem Vergessen bewahrt. Wer weiß schon, dass die Müllerinnen durch Fleiß und Heirat Geld ins Lenninger Tal gebracht haben? Auch die expressionistische Malerin Lotte Lesehr ist in ihrem Geburtsort Oberlenningen kaum mehr bekannt. Ihr widmete sie auch einen Artikel im Teckboten.

Dabei hatte Erika Hillegaart stets das große Ganze im Blick. „Frauen sind nicht die besseren Menschen, sondern die andere Seite“, erklärte sie. Deshalb grub sie auch Geschichten über besondere Männer ihres Orts aus: beispielsweise den Bildchronisten Johannes Bozler, den Oberlenninger Pfarrersohn Carl Theodor Kolb oder den Vogelhannes, Bauer, Fisch- und Vogelzüchter sowie Maler in Personalunion. Ihre Neugier führte sie zu den unterschiedlichsten Themen: Wasser mit Lauter und Flurnamen, Denkmäler, Marktrecht und Krämermarkt, Autos, Architektur. Die Auswanderung dokumentierte sie am Beispiel eines Wanderbuchs, das dem Oberlenninger Bäcker- und Müllerburschen Mathäus Sessle gehörte.

Erika Hillegaart schrieb nicht nur über christlichen Grundwerte, sie verkörperte sie auch. Nach ihrer Ausbildung zur Katechetin und der Dienstprüfung für Religionspädagogik unterrichtete sie Religion in Oberlenningen. Präsent war sie dank ihrem vielfältigen Engagement im Ort an vielen Stellen – und im Sommer ganz privat fast täglich im Freibad. Ihr „Bädle“ schätzte sie über alles und legte den kurzen Weg dorthin gerne in Bademantel und Badeschuhen zurück.

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