Lenninger Tal

Goekeler macht die Woche kürzer

Industrie Statt auf Kurzarbeit setzt der Messtechnik-Spezialist aus Oberlenningen auf ein neues Arbeitszeitmodell mit Lohnausgleich. Von Andreas Kaier

Timo Gökeler, Geschäftsführer von Goekeler Messtechnik, mit einer Kalibriereinheit für Computertomografen.  Foto: Andreas Kaier
Timo Gökeler, Geschäftsführer von Goekeler Messtechnik, mit einer Kalibriereinheit für Computertomografen. Foto: Andreas Kaier

Wovon viele Arbeitnehmer träumen, ist für die 17 Beschäftigten von Goekeler Messtechnik in Oberlenningen seit Anfang Juni bereits Realität: Sie müssen nur noch vier Tage in der Woche arbeiten - und das bei vollem Lohnausgleich. Während andere Unternehmen auf die Corona-Pandemie mit Kurzarbeit reagieren, setzt Timo Gökeler auf die Vier-Tage-Woche, obwohl auch er mit den Auswirkungen der Krise zu kämpfen hat und die Aufträge spürbar zurückgegangen sind. Der geschäftsführende Inhaber des Unternehmens nutzt die Zeit, um die Digitalisierung in seinem Betrieb voranzutreiben, Arbeitsprozesse zu optimieren und Kräfte zu bündeln.

„Wir haben es inzwischen geschafft, Prozesse so zu verschlanken, dass wir dafür weniger Arbeitszeit benötigen“, sagt Gökeler. Anstatt seinen Mitarbeitern immer mehr Arbeit obendrauf zu packen, wolle er den Zeitgewinn an sie zurückgeben. Zwar soll die endgültige Entscheidung für das neue Arbeitszeitmodell erst am Jahresende fallen - bis dahin soll die Testphase laufen. Doch der Unternehmer geht schon heute davon aus, dass es sich bewähren wird. Als Gegenleistung erhofft sich Gökeler ein verstärktes Engagement und eine noch größere Loyalität seiner Belegschaft. Schon jetzt ist für ihn klar, dass er auch dann nicht zur Fünf-Tage-Woche zurückkehren wird, wenn die Konjunktur wieder anzieht. „Dann werde ich Leute einstellen“, versichert er. Die Arbeitsbelastung und der Stress der Beschäftigten seien in den vergangenen Jahren immer größer geworden. Deshalb wolle er seine Mitarbeiter entlasten und schützen. „Sonst sind sie irgendwann ausgebrannt“, sagt er.

Gegründet wurde das Unternehmen von Timo Gökelers Vater im Jahr 1984, „als typische Garagenfirma“. Sein Vater hatte damals damit begonnen, für die Qualitätssicherung seines Betriebs, wo er fest angestellt war, dringend benötigte Taster für 3-D-Koordinatenmessmaschinen selbst zu fertigen. Diese hoch präzisen Zubehörteile werden dazu benötigt, um die Genauigkeit von Werkstücken auf den tausendstel Millimeter genau zu vermessen und um die Rauheit von Oberflächen zu bestimmen. Als die Aufträge immer mehr wurden, kündigte er zwei Jahre später seine Festanstellung und machte sich selbstständig.

Timo Gökeler stieg in den Betrieb ein, der in das Gewerbegebiet Oberer Sand in Oberlenningen umgezogen war, und übernahm ihn kurz darauf. Mitten in der damaligen Finanzkrise gründete er im Jahr 2009 eine GmbH und investierte erst kürzlich kräftig in einen modernen Neubau - ein mögliches wirtschaftliches Wachstum fest im Blick. „Wir sind hier zwar auf dem Land, aber im Hinblick auf unsere Arbeitsplätze absolut auf dem neuesten Stand“, sagt er selbstbewusst. Schon seit Jahren ist Goekeler Messtechnik auf den Weltmarkt ausgerichtet und zählt inzwischen zu den Top Fünf der Branche. „Wir sind heute auch in den USA, Japan und China bekannt“, sagt Gökeler. Für einen Betrieb seiner Größe sei das eine absolute Besonderheit. Weil er wisse, wo seine Wurzeln liegen, habe er in Oberlenningen investiert.

Sein Arbeitszeitmodell mit der Vier-Tage-Woche sieht der Unternehmer als „Investition in die Zukunft“ und als Mittel, Arbeitskräfte zu binden. „Welchen Grund sollte jemand haben, in Lenningen arbeiten zu wollen?“, fragt Gökeler mit Blick auf die großen Arbeitgeber in der Region Stuttgart. Dass er damit richtig liegt, zeigt die positive Reaktion seiner Mitarbeiter. „Das neue Arbeitszeitmodell ermöglicht es mir, mich viel entspannter um meine 92 Jahre alte Mutter zu kümmern“, sagt Anita Kazmaier-Mol, die die neue Arbeitszeitregelung „super klasse“ findet. Die 58-Jährige hätte sich selbst dann auf die Vier-Tage-Woche eingelassen, wenn sie mit Lohneinbußen verbunden gewesen wäre. „Ältere Leute brauchen nicht mehr so viel Geld wie jüngere“, sagt sie. Der Faktor Zeit werde mit dem Alter immer wichtiger.

Matthias Feller steckt die zusätzliche Freizeit in sein ehrenamtliches Engagement als Fußballtrainer. Er hat inzwischen mehr Zeit für die Spielvorbereitung. Die neue Arbeitszeitregelung bezeichnete er als „gute Geschichte“ und für ein Unternehmen in der Größe von Goekeler Messtechnik als „einzigartig“. Jeder gebe jetzt unter der Woche mehr Gas, um schon donnerstags mit der Arbeit fertig zu sein.

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