Lenninger Tal

„Große Sprünge kann man nicht machen“​

Jörg Schmid kämpft als Schafhalter in Owen erfolgreich gegen die Krisenstimmung einer ganzen Branche

Sie liefern, Milch und Käse, Fleisch und Wolle und sind ganz nebenbei die billigsten Landschaftspfleger. Trotzdem ist die Schäferei im Land vom Aussterben bedroht. Betriebe finden vor allem dort noch ein Auskommen, wo sie naturschützerische Aufgaben übernehmen, wie das Beispiel eines Teck-Schäfers aus Owen zeigt.

Ein Bild, das Generationen schon kennen: Der Schäfer und seine Herde gehört zur Alb wie die Maultasche zur schwäbischen Küche. J
Ein Bild, das Generationen schon kennen: Der Schäfer und seine Herde gehört zur Alb wie die Maultasche zur schwäbischen Küche. Jörg Schmid (Foto unten) hält die Tradition mit seinem Betrieb in Owen am Leben. Fotos: Jean-Luc Jacques

Owen. Ein hübsch bepflanzter Schäferwagen ist das erste, was Besuchern auf dem Weg zum Schafstall über Owen in den Blick fällt. Wenn Jörg Schmid Schulklassen durch seinen Stall führt oder wie im vergangenen Sommer für die Gläserne Produktion seine Türen öffnet, ist der schmucke Karren immer ein beliebtes Zielobjekt. „Wir müssen mehr Werbung machen für unseren Beruf“, sagt Schmid. „Damit die Leute verstehen, warum die Arbeit, die wir machen, wichtig ist.“

Dass die Kulturlandschaft der Schwäbischen Alb ohne Schäfer heute anders aussehen würde, ist unstrittig. Für die Pflege von Magerrasen und Wacholderheiden, wie sie droben am Bölle direkt an den Schafstall grenzen, sind Schafe unerlässlich. Trotzdem schlägt der Landesschafzuchtverband (LSV) seit Jahren Alarm, weil immer mehr Betriebe schließen und der Nachwuchs fehlt. Das Problem: Die meisten Schäfer leben überwiegend von der Flächenprämie, die die EU zahlt. Doch Weideflächen sind rar. Seit immer mehr Landwirte auf die Erzeugung von Biogas setzen, werden leicht zu bewirtschaftende Großflächen verstärkt durch konventionelle Landwirtschaft genutzt. Den Schäfern bleibt das, was aufgrund von Lage und Beschaffenheit als Problemzone gilt.

Was für viele Schafzüchter im Land ein ernstes Problem darstellt, ist für Jörg Schmid Glück. Sein Stall, den schon der Vater von der Stadt gepachtet hat, liegt am Rand des Naturschutzgebietes um die Teck. Hier betreiben die Schmids seit 14 Jahren Landschaftspflege. Anfangs zur Unterstützung der Landschaftspflegetrupps des Schwäbischen Albvereins, inzwischen ist der Owener Schäfer der einzige seiner drei Kollegen um die Teck, der neben der Beweidung auch die maschinelle Pflege der geschützten Flächen übernimmt. Mit Freischneidern und speziellen Mulchgeräten geht er gegen Dornengestrüpp und Wacholderbüsche vor. Dazu kommen drei bis vier Weidegänge pro Jahr, die der Vater mit der Herde an den Flanken des Teckbergs unternimmt. So steht es im Landschaftspflegevertrag, den die Schmids mit dem Landratsamt unterzeichnet haben und der streng überwacht wird. Der Schäfer muss strenge Regeln einhalten und ein Weidetagebuch führen. Eine wichtige Arbeit, die sich das Land, das die Flächenprämie in Schutzzonen in diesem Jahr deutlich aufgestockt hat, 400 Euro pro Hektar kosten lässt. Für Jörg Schmid, der den elterlichen Betrieb vor vier Jahren übernommen hat, macht dies inzwischen die Hälfte seiner Einnahmen aus. Und er hat Spezialisten angeschafft: Zu den 500 Mutterschafen kommen 90 Ziegen, für die er gerade den Stall erweitert. Die unerschrockenen Fresser machen sich auch im schwer zugänglichen Gelände mit Wonne über Dornenbüsche her.

Der Mann mit der hohen Stirn ist mitteilsam. Wenn ihm eine Sache wichtig ist, redet er schnell. Jammern ist nicht sein Ding. Trotzdem bleibt er skeptisch. Er weiß, es gibt Kollegen, die sind schlechter dran. Die leben von der deutlich geringeren Prämie, die die EU ausbezahlt. Allein auf Flächen-Entgelt für die Beweidung zu setzen, hält er für gefährlich. „Wer das tut“, sagt der 41-Jährige, „macht sich abhängig“. Politik ist kurzlebig. Förderrichtlinien können in wenigen Jahren schon wieder ganz anders sein. Aufzucht und Verkauf seiner Lämmer sind für ihn deshalb ein wichtiges Standbein. Dreimal im Jahr wird „abgelammt“ wie es in der Fachsprache heißt. 250 Lämmer sind bei ihm im März hinzugekommen. Ein Viertel davon zieht er groß, um den Herdenbestand zu sichern. Der Rest wird verkauft. Seit zwei Jahren ist er Mitglied in der Erzeugergemeinschaft „Württemberger Lamm“, sein Betrieb ist zertifiziert. Wegen des Preisverfalls durch Fleisch aus Übersee, würde sich die Zucht für viele Schäfer nicht mehr lohnen, meint er.

Er hat viel investiert in den vergangenen Jahren. In Gerätschaft, in Erweiterungsbauten, in moderne Fütterungstechnik. 500 Schafe zu füttern ist eineinhalb Stunden Arbeit für eine Person. 99 Prozent des Futters stammt aus eigener Produktion. Dafür sorgen rund 40 Hektar Grünland, die die Schmids neben der Schafhaltung bewirtschaften.

Die jüngste der beiden Töchter steht im Stall und gibt einem Lämmchen die Flasche. Seine Frau kümmert sich nebenan um die Fütterungstechnik. Erst wenn es dunkel ist, kehrt der Vater mit der Herde heim. „Wenn es dämmert“, erzählt Jörg Schmid, „dann fressen die Tiere alle noch mal“.

Der Schafstall unterm Bölle in Owen ist ein reiner Familienbetrieb. Ob er sich einen anderen Beruf vorstellen könnte? „Große Sprünge machen, kannst du damit nicht“, sagt Jörg Schmid mit einem Lachen und wird schnell wieder ernst: „Aber es ist eine Arbeit, die zufrieden macht.“ 365 Tage im Jahr, sieben Tage die Woche. „Wenn andere in den Urlaub fahren“, sagt er mit einem Schulterzucken, „stehen wir im Stall.“

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„Der Rückgang ist erschreckend“Interview

Wie dramatisch ist aus Ihrer Sicht die Lage der Schäfer und Schafzuchtbetriebe im Land?

WOHLFAHRT: Wir haben einen Rückgang von 30 Prozent der Betriebe und der Schafzahlen in Baden-Württemberg in den letzten zehn Jahren. Da lässt sich nichts beschönigen. Dieser Rückgang ist erschreckend.

Warum ist es für das Gemeinwesen so wichtig, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Schäfereibetriebe verbessert werden?

WOHLFAHRT: Es werden etwa 60 000 Hektar Fläche in Baden-Württemberg mit Schafen gepflegt. Dies sind Flächen mit hohem naturschutzfachlichen Wert, welche nach der FFH-Richtlinie (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union, Anm. d. Redaktion) besonders artenreich und daher geschützt sind. Diese Flächen sind nur durch die Beweidung mit Schafen entstanden und können auch nur durch die Beweidung mit Schafen in ihrem Zustand erhalten werden. Das Land trägt europaweit eine besondere Verantwortung für diese Flächen. Nach dem Naturschutzrecht dürfen sich diese Lebensräume innerhalb und außerhalb der Kulisse nicht verschlechtern. Die Arbeitszeit eines selbstständigen Schäfers beträgt etwa 14 Stunden am Tag, rund ums Jahr. Das Ganze bei einem Stundenlohn von 4,30 Euro.

Womit haben die Betriebe am meisten zu kämpfen?

WOHLFAHRT: Überzogene Bürokratie, Flächenknappheit, bedingt auch durch die Konkurrenz von Biogasanlagen. Es gibt kaum noch Winterweideflächen. Dazu kommen Nachwuchssorgen und Probleme durch Mindestlohn und Fachkräftemangel.

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