Lenninger Tal

Großputz unterm Kirchendach

Sechs Wochen lang wurde die Orgel der Gutenberger Nikolauskirche generalüberholt

Wer in den vergangenen Wochen die evangelische Nikolauskirche in Gutenberg betrat, hat vergeblich Ausschau nach der 1954 installierten Orgel gehalten. Das Instrument wurde generalüberholt, um pünktlich zum ersten Advent die Besucher des Gottesdienstes mit strahlendem Klang zu erfreuen.

Nach der Inspektion von Andreas Schmutz kommt die Gutenberger Kirchenorgel wieder zurück in die Nikolauskirche.Foto: Daniela Hau
Nach der Inspektion von Andreas Schmutz kommt die Gutenberger Kirchenorgel wieder zurück in die Nikolauskirche.Foto: Daniela Haußmann

Lenningen. In der Gutenberger Kirchenorgel war der Wurm drin – genauer gesagt, der Holzwurm. Andreas Schmutz deutet mit dem Finger auf kleine Häufchen aus feinem Holzmehl. Der Nagekäfer hat sich an einigen wenigen Stellen des Gehäuses einquartiert. Die betroffenen Teile hat der Orgelbaumeister entfernt und durch neue ersetzt. Zuvor hatte er sämtliche Pfeifen ausgebaut. 866 Stück an der Zahl. Der Spezialist greift zu Wasser und Bürste, um jeden einzelnen der aus Zinn und Blei gefertigten Tonerzeuger feinsäuberlich von Verunreinigungen zu befreien. „Die letzte Inspektion war vor 30 Jahren“, so Schmutz. „Da sammelt sich über die Jahre schon einiges an.“

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Jedes Mal, wenn die Orgel im Gottesdienst ertönt und ihr strahlender Klang durch die Nikolauskirche hallt, kommen Staub- und Schmutzpartikel in Bewegung. „Denn zum Spiel auf der Orgel braucht es Luft“, wie der Fachmann erklärt. „Die wird im elektrischen Gebläse erzeugt.“ Von dort aus gehen die Partikel mit dem Windstrom auf die Reise durch die gesamte technische Anlage. „Die Luft wird im Windwerk komprimiert“, so Andreas Schmutz. „Von dort zieht sie mithilfe eines Magazinbalgs in den Windkanal, der die Luft zu den Windladen leitet, von wo aus sie auf die Pfeifen verteilt wird, die auf der Oberseite der Windladen sitzen.“

Pfarrerin Frida Rothe betont, dass es dringend an der Zeit war, das Kircheninstrument einer Generalüberholung zu unterziehen. „Denn bei der Kirchenrenovierung hat sich zusätzlich Staub und Schmutz angesammelt“, erzählt sie.

Beim Ausbau der drei Windladen, die die Ventiltechnik zum Anspielen der einzelnen Töne und zum Ein- und Ausschalten der Register enthalten, entdeckte Schmutz auf einer von ihnen Risse. Deshalb muss er auch sie überarbeiten und mit Leder beziehen, damit sich Klimaschwankungen besser ausgleichen lassen. Der Spezialist zeigt auf den Balg. „In ihm setzt sich der größte Staubanteil ab, da er die vom Gebläse gelieferte Luft speichert“, berichtet er. „Vor Jahren ist der Balg, der quasi die Lunge des Instruments darstellt, in den Ecken gebrochen.“ Der Schaden sei zwar behoben worden, aber das Bauteil werde jetzt komplett überarbeitet und neu mit Leder bezogen, damit der Gutenberger Orgel in den kommenden zwei Jahrzehnten bis zur nächsten Inspektion nicht die Puste ausgeht.

Wer in den vergangenen Wochen in die evangelische Nikolauskirche gekommen ist und sich den Spieltisch vor dem leeren Orgelgehäuse genauer ansah, konnte dort, wo an der Frontseite sonst eine Verkleidung den Blick auf das Innere versperrt, feine Holzleisten – die ­Abstrakten – erkennen. Sie stellen eine mechanische Verbindung zwischen den Tasten auf der Klaviatur und den Tonventilen her. Auch sie wurden gesäubert und von Andreas Schmutz ganz genau in Augenschein genommen, um festzustellen, ob auch sie repariert oder ersetzt werden müssen. Die Klaviatur wurde ebenfalls komplett überarbeitet. „Sie war einmal mit einer Heizung ausgestattet, die dazu führte, dass sich die Tasten wölbten und abgeblättert sind“, so Schmutz, der das Bauteil entfernte, ins Auto lud und in seine Werkstatt nach Donnstetten transportierte.

Die Arbeit von Andreas Schmutz ist aufwendig. Wenn er gezwungen ist, an einer Kirchenorgel Teile zu ersetzen, muss er sie nachbauen. „Bei Holzbauteilen wird in aller Regel Fichte verwendet, damit auch nachfolgende Generationen in 200 Jahren problemlos eine Überarbeitung bewerkstelligen können“, erklärt der Experte, der auch schon in Damaskus im Rahmen eines Staatsauftrags eine Orgel überholt hat. Nicht selten greift er auf Bauteile von ausrangierten Kirchenorgeln zurück. „Neun Stück habe ich in meiner Werkstatt eingelagert“, erzählt Andreas Schmutz. „Für gebrauchte Bauteile gibt es einen großen Markt, da bei jeder Sanierung die Kosten überschaubar bleiben sollten und es natürlich auch viel Zeit in Anspruch nimmt, alles nachzubauen.“