Lenninger Tal

Grünes Licht für den Naturkindi

Betreuung Die Gemeinde Lenningen möchte im September einen Naturkindergarten einrichten. Entstehen soll eine Gruppe für 20 Kinder. Von Anke Kirsammer

Wo momentan noch ein verwaistes Tor (Bildmitte) steht, soll die Schutzhütte für den Naturkindi hinkommen. Die Baukosten liegen b
Wo momentan noch ein verwaistes Tor (Bildmitte) steht, soll die Schutzhütte für den Naturkindi hinkommen. Die Baukosten liegen bei rund 100000 Euro. Foto: Jean-Luc Jacques

Die Lenninger Kindergartenlandschaft wird bunter: Läuft alles glatt, öffnet bereits im September ein Naturkindergarten. Eingerichtet wird der Kindi unter freiem Himmel im „Buch“ in Unterlenningen. Spielen hat dort Tradition. Früher gab es auf dem weitläufigen Gelände einen großen Spiel- und Bolzplatz. Vor allem aufgrund der langen Rutsche besaß er für heute 50-Jährige in Kindertagen magische Anziehungskraft.

Schon seit ein paar Jahren geis­tert die Idee eines Naturkindergartens durch den Lenninger Gemeinderat. Jetzt zwingt der immense Betreuungsbedarf die Räte dazu, rasch zu handeln. „Die Nachfrage bei den Drei- bis Sechsjährigen können wir im Moment gerade noch so decken“, sagte der Hauptamtsleiter Günther Kern. Anders sieht es ab Herbst aus.

Um sich zu informieren, hat die Verwaltung mehrere Natur- oder Waldkindergärten besucht. „Wir waren bei minus sieben Grad in Hengen und haben gebibbert“, so Günther Kern. Den Kindern habe die Kälte gar nichts ausgemacht. Im Gegenteil, es sei eine Freude gewesen, ihnen beim Spielen zuzusehen. „Ich bin ein richtiger Fan von Naturkindergärten geworden“, bekannte der Hauptamtsleiter.

Für extremes Wetter braucht es dennoch eine spartanische Unterkunft. Sie wird auf dem Grundstück aufgestellt, wo derzeit noch ein verlassenes Fußballtor steht. In dem Holzhäuschen muss neben einem Ofen und ein paar Aufbewahrungsmöglichkeiten Platz für 20 Kinder und die Erzieherinnen sein. Die Lage des fest umgrenzten Gebiets ist ideal, auch der Wald nicht allzu weit entfernt. Die Naturschutzbehörde und das Jugendamt haben in Aussicht gestellt, für das Vorhaben ihr Okay zu geben. Der Naturschutz konnte inzwischen auch davon überzeugt werden, dass die Behausung zehn auf drei Meter groß sein muss. Auf ein Vordach zu verzichten, ist der Kompromiss. Ursprünglich hatte die Behörde lediglich die Genehmigung einer Hütte mit sechs auf drei Metern in Aussicht gestellt. Doch das hätte bedeutet, dass darin jedes Kind gerade einmal einen halben Quadratmeter Platz gehabt hätte.

Die Gemeinde rechnet mit Planungs- und Investitionskosten in Höhe von rund 100 000 Euro. Hinzukommen jährliche Ausgaben fürs Personal von 130 000 Euro. Organisatorisch angegliedert wird der Naturkindi an den Kindergarten in Brucken, der nicht weit entfernt ist. Bürgermeister Michael Schlecht begrüßte nicht nur, dass der Kindi im Grünen rund eine halbe Million Euro günstiger ist als ein herkömmlicher Bau. „Das ist nicht nur eine Notlösung, sondern eine tolle Ergänzung unseres Angebots“, betonte er.

Gemeinderat Karl Boßler hält nicht nur den Standort für gut, sondern er kann sich auch vorstellen, in der Kommune noch eine zweite Gruppe zu öffnen, sollte der erste Naturkindergarten ein Erfolg werden. Außerdem regte er an, aufgrund der geringen Kosten geringere Gebühren zu verlangen. Das sieht Michael Schlecht genauso. „Hier kann man nicht den regulären Beitrag verlangen.“

Eingerichtet wird bei dem Naturkindi eine Komposttoilette. Unterwegs haben die Erzieherinnen zudem immer einen Spaten dabei. Armin Diez wunderte sich darüber, warum im Gutenberger Kindergarten die Toiletten aufgerüs­tet werden müssen, im Naturkindergarten aber ein Klo für Erzieherinnen und Kinder reicht. Auch mit Strom und Frischwasser durch den Bauhof wird die Einrichtung versorgt. Das sagte Günther Kern auf Nachfrage von Falk Kazmaier. Gretel Jaudas bejubelte den Naturkindergarten: „Das liegt voll im Trend. Ich kenne einige Eltern, die ihr Kind sofort dort hinschicken würden.“ Volker Hofmann freute sich darüber, dass die „Fangemeinde“ unter seinen Ratskollegen mittlerweile so groß ist. Einstimmig wurde beschlossen, den Kindergarten einzurichten. Das sei vor ein paar Jahren noch anders gewesen. Ob der Start tatsächlich im September erfolgen kann, hängt nun von der Erlaubnis der Behörden ab.

Vorgesehen hatte die Gemeinde, eine Grobkonzeption zu erstellen und dann zu einer Infoveranstaltung einzuladen. Daraus wird nun wegen der Coronakrise erst einmal nichts. Vielleicht werde stattdessen erst einmal das Interesse abgefragt, so Michael Schlecht.

Über den Tellerrand geschaut

In Holzmaden gibt es seit zwei Jahren einen Naturkindergarten. Gegründet wurde er auf Betreiben einer Eltern­initiative. „Wir haben damals dringend Kindergartenplätze benötigt“, sagt die Bürgermeisterin Susanne Ihrion. Als „riesen Erfolg“ bezeichnet sie den Infoabend mit dem Waldkindergarten-Vorreiter Rudolf Hettich. „Nach dem Abend waren die Listen voll“, sagt die Rathauschefin. Bei reinen Interessensbekundungen blieb es nicht. Auch die Gruppe ist proppenvoll. Wie bei den Holzmadener Kindergärten üblich, ist die evangelische Kirchengemeinde Trägerin des Naturkindergartens. Die Gemeinde stellt den Bauwagen, den Platz und die Ausstattung und bezahlt das Personal.

In Bissingen startete der Naturkindi im Herbst 2019. Voraus ging der Eröffnung ein aufwendiges Genehmigungsverfahren. Angesiedelt sind die „Teckspatzen“ hinter dem Sportplatz. „Wir haben genug Anmeldungen, würden uns aber noch über ein paar naturbegeisterte Mädels freuen“, sagt Bissingens Bürgermeister Marcel Musolf. ank

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