Lenninger Tal

„Gut, wenn jemand Hilfe böte“

Ewald Löw aus Brucken setzt sich für Sehbehinderte ein

Der Bruckener Ewald Löw hält Aufklärung für besonders wichtig. Der 54-jährige ist seit acht Jahren Leiter der Bezirksgruppe Nürtingen des Blinden- und Sehbehindertenverbands Württemberg. 1999 hatte er einen schweren Arbeitsunfall. Seitdem ist er stark sehbehindert und hat eine mittelstarke Hörschädigung.

Wie geht es Ihnen in Lenningen?

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EWALD LÖW: In meinem Wohnort in Brucken hat sich in den letzten Jahren nicht viel verändert. Dort kenne ich mich gut aus. Durch die Arbeit von „Unser Netz“ sind die Menschen in Lenningen viel nachdenklicher, aber auch offener geworden. Unsere Anliegen kommen auch viel mehr an die Öffentlichkeit als früher.

 

Engagieren Sie sich denn dort?

LÖW: Ja, im "Netz" und im Inklusionsforum. Mir ist es wichtig, vor Ort was zu machen. Nach meinem Unfall habe ich viel Hilfe gebraucht. Jetzt kann ich anderen helfen.

 

Was würden Sie sich konkret in der Gemeinde wünschen?

LÖW: Im Lenninger Tal ist es wegen der Bundesstraße wichtig, alle Ampeln mit einem Akustiksignal auszustatten. Bei Treppen sollten die erste und die letzte Stufe gekennzeichnet sein. Gut ist die Lösung an der Bernhardskapelle in Owen. Da sind die Stufen mit Edelstahlnägeln versehen. Zu den Problemen von Rollstuhlfahrern kann ich allerdings nicht viel sagen. Wichtig ist, dass die Gemeinden darüber informieren, wenn sie etwas ändern. Ich habe zum Beispiel nur durch Zufall rausgekriegt, dass es bei mir im Ort eine Ampel mit Akustik gibt.

 

Wie sieht es beim Öffentlichen Personennahverkehr aus?

LÖW: So oft benutze ich Bus und Bahn nicht, aber im Großen und Ganzen kann man da nichts sagen. In der S-Bahn ist die Durchsage jetzt so laut, dass man sie versteht. Das war früher anders. Wer sich nicht auskennt, landet in Brucken allerdings auf dem Rasen, wenn er aus dem Zug aussteigt. Wer Bescheid weiß, steigt im mittleren Abteil aus.

 

Womit könnten Ihnen Ladenbesitzer behilflich sein?

LÖW: Auch dort bräuchten wir eine Stufenkennzeichnung. Ich kenne Leute aus dem Blindenverband, die gehen immer in den gleichen Laden, weil sie sich da auskennen. Unser Nachteil ist aber, dass wir kaum erfahren, wenn es ein neues Produkt gibt. Gut wäre auch, wenn jemand Hilfe anbieten würde.

 

Das gilt sicher prinzipiell?

LÖW: Absolut. Das Wichtigste ist Aufklärung. Wie ich festgestellt habe, ist das mit Kindern am einfachsten. Deshalb gehe ich regelmäßig in Schulklassen.

 

Wie sind Ihre Erfahrungen in Kirchheim?

LÖW: Die Stadt Kirchheim ist sehr vorbildlich. Das gilt für Übergänge, die mit Riffelsteinen ausgestattet sind, für Ampeln, die vielfach ein akustisches Signal haben und den neuen Streifen an der Schlossmauer. Auch vor dem Bau des Krone-Kreisels waren alle Behindertenverbände einbezogen.

 

Am Alten Haus in Kirchheim queren Fußgänger den Alleenring auf einem leicht erhöhten Zebrastreifen. Was halten Sie von dem Übergang?

LÖW: Ich finde, das ist das Sicherste, was es gibt. Die Autos fahren Schritt, dort geht alles auf Sichtkontakt. Eine normale Bundesstraße, auf der Tempo 50 gilt, kann ich nicht alleine queren. Ein Problem sind für mich natürlich auch Elektroautos und Fahrräder.

 

Vieles scheitert am Geld. So beispielsweise der Einbau von Aufzügen.

LÖW: Manche Dinge lassen sich ganz einfach machen. Wie gesagt, bei einer Treppe hilft es einem Sehbehinderten zum Beispiel schon, wenn die Kanten mit schwarz-gelben Streifen abgeklebt sind.

 

Wo stoßen Sie im Alltag an Grenzen?

LÖW: Toiletten sollten mit großen Schildern versehen sein. Um erkennen zu können, ob es eine Damen- oder eine Herrentoilette ist, muss ich oft ganz nah an die Tür gehen. Wenn dann gerade eine Frau rauskommt, ist das peinlich. Schwierig sind für uns auch Seifenspender und Wasserhähne. Alle funktionieren anders. Viele Menschen laufen vorbei, anstatt einem zu zeigen, wie‘s geht. Auch einen Geldautomaten kann ich nicht alleine bedienen. Was nicht geht, lasse ich eben.

 

Scheitern manche Lösungen nicht auch an den unterschiedlichen Bedürfnissen von Geh- und Sehbehinderten?

LÖW: Das Problem ist tatsächlich, dass die Verbände, die sich für Seh- beziehungsweise Gehbehinderte einsetzen, oft nicht zusammenfinden. Dabei kann man viel erreichen. Alles bringt man nicht unter einen Hut, aber es gibt Kompromisse. Rollstuhlfahrer beispielsweise haben am liebsten gar keine Bordsteinkanten. Sehbehinderte brauchen aber eine Kante zur Orientierung. Die Lösung ist bei Übergängen ein 1,50 Meter breiter Streifen, der auf null abgesenkt ist und am Ende ein kleiner Absatz von drei Zentimetern.

 

Als Tandemfahrer nutzen Sie gerne das Bild vom Tandem.

LÖW: Ja, gemeinsam sind wir stark. Das ist einfach so. Das gilt eben auch für die Behindertenverbände.