Lenninger Tal

Halb so wild - Interview mit Veterinärmediziner Thomas Stegmann

Veterinärmediziner Dr. Thomas Stegmanns erkärt, wieso der Verzehr von Wild aus dem Landkreis unbedenklich ist

Weniger als ein Kilo Wildbret konsumiert jeder Bundesbürger pro Jahr. Laut Dr. Thomas Stegmanns gibt es gegenüber Wildbret mitunter ­Vorbehalte.

Viele mögen den Wildbraten an Weihnachten, aber nicht die Jagd. Weshalb ist sie erforderlich?

STEGMANNS: Eine verantwortungsvolle Jagd sorgt für angepasste Wilddichte und erhält das ökologische Gleichgewicht. Dies ist wichtig, um strukturreiche, naturnahe Mischwälder zu erhalten. Überhöhte Wildbestände führen zu Schäden in der Landwirtschaft – dem soll die Jagd entgegenwirken. Außerdem soll sie den Ausbruch von Seuchen verhindern. Das bedeutet aber nicht, dass Jäger massenweise Wildtiere schießen, denn das bei der Jagd anfallende Wildbret muss vermarktet werden und Abnehmer finden.

 

Mancherorts ist Fleisch von Wildschweinen radioaktiv belastet. Muss sich der Konsument Sorgen machen?
STEGMANNS: Das gilt nur für Regionen, die 1986 nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vom Fallout betroffen waren. Damals hat sich mit dem Regen Cäsium 137 im Boden angereichert. Wildschweine durchwühlen das Erdreich und fressen die dort vorkommenden Lebewesen und den Hirschtrüffel. Dabei nehmen sie Cäsium 137 auf. In den betroffenen Gebieten werden die Wildschweine deshalb untersucht und bei positivem Befund nach der Jagd entsorgt. Im Landkreis Esslingen wurden keine erhöhten Werte festgestellt, daher kann das Fleisch der in ihm lebenden Wildschweine bedenkenlos verzehrt werden. Das bestätigen auch regelmäßige Stichprobenuntersuchungen.

 

Welcher Grenzwert entscheidet, ob ein Wildschwein belastet ist oder nicht?

STEGMANNS: Der Grenzwert liegt bei 600 Becquerel pro Kilogramm. Allerdings bauen die Wildschweine die Belastung auch wieder ab. Außerdem handelt es sich um einen niedrigen Grenzwert, bei dessen Überschreitung keine akuten Gesundheitsgefahren auftreten. Keines der belasteten Wildschweine wies bei Untersuchungen körperliche oder organische Veränderungen auf – auch keine Tumore. Es muss sich jedenfalls niemand Sorgen machen, dass ihm Schlimmes widerfährt, wenn er zufällig einmal betroffenes Wildschweinfleisch essen sollte.

 

Die Radioaktivität ist bei anderen Wildtieren kein Thema?

STEGMANNS: In deren Nahrungsgrundlage konnte Cäsium 137 nicht nachgewiesen werden. Das gilt auch für Regionen, die vor 30 Jahren vom radioaktiven Niederschlag betroffen waren. Deshalb ist das Fleisch von Wildtieren, die sich anders ernähren als Wildschweine, selbst dort nicht radioaktiv belastet.

 

Wie wirken sich bleihaltige Munitionsrückstände auf die Lebensmittelsicherheit aus?

STEGMANNS: Wild, das mit bleihaltiger Munition erlegt worden ist, enthält natürlich mehr Blei als Tiere, die mit bleifreier Munition erlegt wurden. Eine Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung hat gezeigt, dass eine gesundheitliche Gefahr durch Bleibelastung im Wild nur in Jägerhaushalten oder bei Personen, die extrem viel Wild verzehren, und dort nur für die Risikogruppe der Schwangeren und Kinder, besteht. Wer über das Jahr verteilt immer wieder mal Wild isst, bekommt keine Bleivergiftung.

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