Lenninger Tal

„Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“

Geschichte Der ländliche Raum hat auch noch heute Schwierigkeiten im Bereich der medizinischen Versorgung. Gemessen an den Verhältnissen vergangener Tage sind diese jedoch gering. Von Daniela Haußmann

Schon im Mittelalter war die heilende Wirkung der Ringelblume bei Verdauungsbeschwerden, Entzündungen und Wunden bekannt. Noch h
Schon im Mittelalter war die heilende Wirkung der Ringelblume bei Verdauungsbeschwerden, Entzündungen und Wunden bekannt. Noch heute werden Tees oder Salben aus der Pflanze hergestellt.

In Zeiten, in denen der Arzt fern und teuer war, blieb den Menschen kaum etwas anders übrig, als Wunden und so manches Zipperlein selbst zu versorgen. Die meisten Krankheiten und Unfälle wurden selbst noch nach dem Zweiten Weltkrieg mit altbewährten Hausmitteln kuriert. Gegen „Gliederreißa“, das die meisten heutzutage als Rheuma kennen, half im Ofen erhitzter Dinkelspelz. In kleine Leinensäckchen gefüllt und auf die schmerzende Stelle gelegt, linderte er die Leiden. Auch bei „Widergäng“, also Blähungen, galt der Spelz als probates Mittel.

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Gegen Halsweh gab’s Kartoffelwickel. „Gekochte Grombiera wurden mitsamt der Schale zerdrückt, auf ein Tuch gelegt und um den Hals gebunden“, weiß der Owener Hobbyhistoriker Fritz Nuffer. Aber auch gegen Husten war ein Kraut gewachsen. Genauer gesagt der Schwarze Rettich. Ausgehöhlt und mit Kandiszucker befüllt ließ sich aus ihm „Rettichsirup“ gewinnen - ein Hustenkiller. Der liebe Gott muss jedenfalls ein wachsames Augen auf die Menschen rings um die Teck geworfen haben. Denn die meisten schwierigen Situationen ließen sich laut Fritz Nuffer dank Hausapotheke meistern. Doch auch die stieß irgendwann an ihre Grenzen. So 1635, als die Pest allein von Januar bis Juni 735 Owener dahinraffte. Risikoreich waren aber auch Schwangerschaften.

Geburtshelferinnen, meist erfahrene Frauen jenseits des gebärfähigen Alters, gab es ab 1661 in allen Gemeinden des Lenninger Tals. Unterschieden wurde zwischen Hebammen und „Geschworenen Weibern“. Letztere erwarben ihre Fähigkeiten in aller Regel, indem sie den Hebammen als Assistentin zur Hand gingen, wie es in der Lenninger Ortschronik heißt. Die Hebammen wurden seit 1687 vom Amtsphysikus geprüft und vor dem Gemeindegericht vereidigt. In Brucken gab es erst ab 1725 eine ortsansässige Hebamme. Bis dahin begleitete eine Geburtshelferin aus Owen die Schwangeren. In Ober- und Unterlenningen hingegen standen ständig eine Entbindungspflegerin und zwei bis drei „Geschworene Weiber“ bereit.

Schwangerschaften waren nur bedingt ein freudiges Ereignis. Eine ungünstige Lage des Kindes, Komplikationen während der Geburt oder Wochenbettinfektionen konnten schnell zum Todesurteil werden. Notgedrungen gingen betroffene Bauern eine zweite und dritte Ehe ein. Oft waren es auch Witwen, die froh waren, wieder versorgt zu werden, wie Siegfried Ruoß in seinem Buch „Rau aber herzlich. Geschichten von der Schwäbischen Alb“ schreibt. Die Menschen lebten im Lenninger Tal und auf der Schopflocher Alb von dem was der Boden hergab. Reichtümer verdienten sie nicht. Dass der Kindersegen daher eine Last sein konnte, ist nachvollziehbar. Abtreibungen gingen mangels ausreichender medizinischer Fachkunde mit einem enormen Risiko einher. Trotzdem landete am 20. Dezember 1576 ein derartiger Fall vor Gericht. Die Schopflocherin Rosina Götz wurde verdächtigt, durch Einnahme von Kräutern und Arzneien eine Frühgeburt und den Tod ihres einjährigen Sohnes verursacht zu haben. Auslöser für die Tat war neben Armut vermutlich der Umstand, dass das ungeborene Kind aus einer unehelichen Beziehung stammte.

Solche Praktiken waren nicht ungewöhnlich, wie Siegfried Ruoß schreibt. Der Nachwuchs konnte oft kaum ernährt werden. Verzweifelte Eltern gaben Neugeborenen verdorbene Sauermilch. Sie starben am folgenden Durchfall. Dass der Tod absichtlich herbeigeführt worden war, ließ sich so nicht nachweisen.

Auf dem Land ließen sich laut Fritz Nuffer nur selten studierte Mediziner nieder. Schwierige Verkehrsverhältnisse und die überschaubaren Finanzen der Bauern machten eine Ansiedlung lange kaum attraktiv. 1883/84 wird die Krankenversicherung für Arbeiter gesetzlich verankert. Allerdings hat sich der Gesetzgeber noch lange auf die existenzsichernde Bedeutung der ländlichen Familie und Erwerbsstrukturen gestützt, ehe er die Versicherungspflicht auf alle Beschäftigten ausdehnte. So überrascht es nicht, dass die Bauern laut Fritz Nuffer bei schweren Krankheiten oder tiefen Wunden auf sich selbst gestellt oder auf Laienheiler angewiesen waren. Wer zum Arzt oder ins Spital wollte, brauchte dem Owener zufolge erst einen Pferdebesitzer. „Die meisten hatten nur Kühe. Schnelle Fahrten nach Kirchheim waren da nicht möglich“, so Nuffer. Das Leben auf dem Land - kein Zuckerschlecken.