Lenninger Tal

Hinterm Steuer: ​​​​​​Anekdoten um die „Pappe“

Serie Der alte Führerschein, liebevoll „Pappendeckel“ genannt, stirbt aus. Nach und nach muss er umgetauscht und ungültig gestempelt werden. Die Jahrgänge von 1953 bis 1958 sind bereits zur Rückgabe der geschichtsträchtigen Dokumente aufgefordert. Für den Teckboten ist das Anlass, Anekdoten und Histörchen aus dem Verbreitungsgebiet rund um die Pappe zu präsentieren.

Der Führerschein von Martha Kobs stammt aus dem Jahr 1934.

 

Oma war 20 Jahre alt, als sie den Molkerei-Lkw ihres Chefs auf ihrer ersten Fahrt im Jahr 1934 in einen Zaun setzte

Eine furchtlose Reiterin war meine Großmutter Martha Siewert, geborene Kobs, auf dem Gutshof ihrer Eltern in Pommern. Später gelang der mutigen Frau mit vier Kindern die Flucht in den Westen und weiter ins boomende Ruhrgebiet, wo ich geboren wurde. Das jedoch stellte mit seinen qualmenden Industrieschloten keine heile Welt dar. So zogen wir weiter in den Südwesten, nach Esslingen. Wir wohnten mit Oma und Opa im selben Haus. Fernsehen war in den 1960er Jahren noch kein Thema. Oma war mein Fernseher. Ich liebte es, wenn sie von früher erzählte, zum Beispiel lustige Geschichten rund um ihren Führerschein. Als junge Frau arbeitete sie als Sekretärin in der Molkerei von Gustav Conrad in Drawehn. Damals gab es Pferdefuhrwerke, doch Conrad war bereits stolzer Besitzer eines LKW. „Eines Tages sagte mein Chef zu mir, auch ich müsse diesen Wagen fahren können“, erzählte Großmutter. Mit 20 Jahren, damals vor der Volljährigkeit, machte sie den Führerschein, den ich heute noch besitze. Da versteht man, warum diese Dokumente als „Lappen“ bezeichnet wurden. Es ist tatsächlich ein Stück Stoff, mausgrau, aber mit allen wichtigen Daten und gerettet bis heute. Oma hatte 1934 zwar den Führerschein, aber auf dem Lkw fahren hatte sie nicht wirklich gelernt. Kein Wunder, dass die erste Tour gründlich daneben ging: „Ich kam vom Weg ab und landete in einem Zaun“, erzählte sie. Weil der Lastwagen nicht so schwer war, sei kaum etwas passiert. „Doch der Hausbesitzer kam angeschossen, machte viel Aufhebens und sagte, er hole die Polizei.“ Oma ließ sich nicht einschüchtern: „Machen Sie das. Ich warte hier solange“, sagte sie ruhig. Natürlich kam die Polizei nie, jemand von der Molkerei reparierte den Zaun, alles war gut. Gabriele Böhm

 


Ganz schön beherzt für eine 20-Jährige im Jahr 1934: Martha Kobs (links im Bild) scheute sich nicht, den Molkerei-Lkw zu steuern.
Der ganze Stolz des "Fräulein Kobs": ihr Führerschein.
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