Lenninger Tal

Hochprozentiges Geschmackserlebnis

Obstbrände Ein Stück Heimat genießen: Brennmeister Andreas Bosch aus Unterlenningen füllt alte Obstsorten in Flaschen und macht so die Streuobstwiesen erlebbar. Von Daniela Haußmann

Hochprozentiges Geschmackserlebnis
Hochprozentiges Geschmackserlebnis

Genuss ist für Andreas Bosch ein Lebensgefühl, ein Stück Heimat und Natur, deren Aromen er einfängt und in einem einzigen intensiven Moment erlebbar macht. Auf dem Hof seiner Brennerei liegt der Duft von Quitte, Luiken, Oberösterreicher Weinbirne und Bittenfelder Apfel in der Luft. Früchte, die der Brennmeister auf seinen Streuobstwiesen rings um Lenningen erntet. Die ältesten seiner Bäume zählen 150 Lenze. Darauf ist Andreas Bosch stolz, denn auf seiner rund acht Hektar großen Anbaufläche finden sich ausnahmslos alte Obstsorten, die frühere Generationen über Jahrhunderte hinweg selektiert und vermehrt haben.

„Allein von der Betzelsbirne gibt es nur noch sieben Bäume in Unterlenningen“, berichtet der 47-Jährige und betont: „Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, den Reichtum lokaler Sorten zu erhalten. Ihr Erbmaterial ist ein Kulturgut, das in seiner Vielfalt im mitteleuropäischen Raum einmalig ist.“

Auf diesem breiten Fundament fußt die Schöpfung feinster Destillate. Ihre Herstellung ist eine Kunst für sich. Bevor das Obst vom Baum in die Brennerei in der Kirchheimer Straße 43 wandert, bestimmt Andreas Bosch erst einmal den Zuckergehalt der Früchte. „Je nach Sorte liegt das Optimum zwischen 50 und 70 Grad Öchsle“, berichtet der Experte, der die Früchte nach der Ernte zu Maische verarbeitet. Dann gibt er eine Reinzuchthefe in das Gemisch, die den Fruchtzucker in Alkohol und Kohlendioxid umwandelt. „Ein Vorgang, der“, Andreas Bosch zufolge, „mehrere Monate in Anspruch nimmt.“

Ist die alkoholische Gärung abgeschlossen, fließt die Maische in die Destillationsanlage. Unter Hitzezufuhr löst sich ein Dampf aus Alkohol und Wasser aus der Maische. Über mehrere Böden wandert er durch die kupferne Anlage, in der die Bestandteile des Dampfes durch Kondensation voneinander getrennt werden. Am Ende aller Mühen fließt 70-prozentiger Alkohol aus der Destillationsanlage, der anschließend mit Wasser auf 40 Volumenprozent verdünnt wird und drei Jahre lagert, ehe er ins Verkaufsregal wandert.

„Um das Endprodukt als Schnaps bezeichnen zu dürfen, muss ein Mindestalkoholgehalt von rund 38 Prozent vorliegen“, so Andreas Boch. 300 Liter Alkohol darf er laut Gesetz jährlich brennen. Gütlesbesitzer dürfen von ihrem eigenen Obst im Jahr 50 Liter Alkohol destillieren lassen. Einige nutzen diese Möglichkeit.

„Der eine oder anderen möchte sein Obst“, laut Bosch, „nicht nur für den Verzehr lagern oder zu Apfelsaft verarbeiten, sondern lange haltbar machen. Obstdestillate sind dafür hervorragend geeignet.“ Aus rund 100 Kilo Äpfel oder Birnen lassen sich nach Angaben des Brennermeisters etwa 15 Liter 40-prozentigen Alkohols herstellen. „Und der lässt sich noch nach Jahrzehnten hervorragend genießen“, betont Andreas Bosch. „Von meinem Großvater bekam ich eine Flasche Kirschwasser, die vor 40 Jahren angebrochen wurde. Der Inhalt schmeckt noch genau wie bei der Abfüllung.“ Der 47-Jährige bedauert, dass es um die Wertschätzung der Streuobstbestände schlecht bestellt ist, und das Wissen darüber, was sich aus den Baumfrüchten alles machen lässt, mehr und mehr verschwindet.

Andreas Bosch, der seinen Nebenerwerbsbetrieb in der dritten Generation führt, erzählt, dass viele seiner Kunden vor allem Streuobstbrände bei ihm einkaufen, weil sie einen Beitrag zur Pflege und Weiterentwicklung der Kulturlandschaft und damit zum Erhalt seiner Brennerei leisten wollen. „Hier im Lenninger Tal gibt es zwar eine hohe Dichte an Brennereien, doch landesweit hat ihre Zahl, mangels Wirtschaftlichkeit, spürbar abgenommen“, berichtet Bosch.

Außerhalb des Lenninger Destillengürtels ist es dem Fachmann zufolge zwischenzeitlich schwierig geworden, beispielsweise an ein Kirschwasser heranzukommen. „Früher gab es bei uns Kirschbäume zuhauf. Heute sieht das anders aus“, sagt der 47-Jährige. „Sortenvielfalt gibt es in den Großbrennereien nicht. Die können nur die kleinen Betriebe mit ihrer Vielfalt an lokalen Obstbeständen liefern.“

Damit das so bleibt, versucht Andreas Bosch seine Bäume zu erhalten und zu vermehren. Denn viele der alten Sorten, die im Erwerbsobstbau keine Rolle mehr spielen, hat zwischenzeitlich keine Baumschule mehr im Angebot, wie der Brennmeister berichtet. So leistet der Lenninger nicht nur einen Beitrag zum Erhalt der Streuobstbestände, sondern auch zur Artenvielfalt der lokalen Pflanzen und Tierwelt.

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