Lenninger Tal

Hör mal, wer da singt

Natur Vögel haben viel zu erzählen. Was Goldammer, Buchfink und Co beschäftigt und wer von ihnen welches Lied anstimmt, vermittelt Thomas Haug in einem Singvogel-Bestimmungskurs. Von Daniela Haußmann

Wer in die Welt gefiederter Sänger eintauchen will, kann mit Thomas Haug rund ums Naturschutzzentrum auf Vogelpirsch gehen.Foto:
Wer in die Welt gefiederter Sänger eintauchen will, kann mit Thomas Haug rund ums Naturschutzzentrum auf Vogelpirsch gehen.Foto: Daniela Haußmann

Die Spatzen pfeifen es sprichwörtlich von allen Dächern - der Frühling ist wieder da. Von den Wipfeln der Bäume herab, aus Hecken, Sträuchern und Büschen trällern Goldammer, Buchfink und Co munter ihr Liedchen. Wer seinen Wecker nach den Piepmätzen stellt, wird früh am Morgen mit einem vielstimmigen Konzert belohnt. Ornithologe Thomas Haug hält inne. Im Geäst der Buchen und Tannen ist der Teufel los. Das gerade noch so liebliche, harmonische Geträller am Rande von Schopfloch weicht einem wilden, fast schrillen Zwitschern. Was für den Laien anmutet wie ein einziges Wirrwarr an Stimmen, lässt den Fachmann die Ohren spitzen. Die gefiederten Sänger erzählen eine Geschichte.

Neben wütenden Drohungen, die Feinde in die Flucht schlagen und Reviereindringlinge vertreiben, begeistern Vögel ihre Zuhörer mit einem breiten Spektrum an Gesängen. Ob Bettel-, Kontakt- oder Fluglaute - die Klangvielfalt, die die Natur hier bietet, ist schier unermesslich. Nicht weniger interessant ist das Gezeter zweier liebestoller Streithähne um die Gunst eines Weibchens. Für Thomas Haug ist das Naturerleben pur. Mit seiner Begeisterung will der studierte Forstwissenschaftler andere anstecken. Deshalb bietet er im Naturschutzzentrum Schopflocher Alb (NAZ) einen Kurs an, der Anfänger an das Bestimmen von Vogelstimmen heranführt.

Der Fachmann will sensibilisieren. Das Insektensterben geht auch an der Vogelwelt nicht spurlos vorüber, weiß Thomas Haug. Insekten sind für etliche Vögel eine wichtige Nahrungsquelle. In Deutschland sind in den vergangenen 27 Jahren 75 Prozent der Insekten verschwunden, wie eine Studie der holländischen Universität Nijmengen ergeben hat. „Mittlerweile diskutieren wir deshalb, ob Vögel auch von Frühjahr bis Sommer vom Menschen Futter erhalten sollten, damit die Bestände nicht einbrechen“, berichtet Thomas Haug. Er beobachtet mit Sorge, dass Landwirte das Gras auf den Wiesen immer öfter mähen und sofort einholen. „Dadurch haben die Samen kaum eine Chance, auf den Boden zu fallen und aufzukeimen. Die Folge: weniger Blüten, weniger Insekten.“

Wer frühmorgens mit dem Experten zu einer Exkursion aufbricht, kann die Natur bewusster entdecken. Vorausgesetzt, man lässt sich darauf ein, über längere Zeit ruhig auszuharren, zu lauschen und durchs Fernglas zu beobachten. Anders als bei Apps, über die sich Vogelstimmen ganz einfach abrufen lassen, steht beim NAZ-Seminar das ganzheitliche Naturerlebnis im Mittelpunkt.

Noch vor wenigen Wochen war um das NAZ noch alles still. Doch Zugvögel, wie Feldlerche oder Star, die vor dem Winter in den Süden zogen, sind wieder im Ländle. „Die Jahreszeiten entstehen durch den Winkel der Erdachse zur Sonnen-Umlaufbahn“, weiß Thomas Haug. Es ist also die Schrägstellung der Erdachse, die über den Grad der Lichtsteuerung entscheidet und so den Hormonhaushalt von Zugvögeln beeinflusst. Dieser veranlasst sie dazu, in den Süden zu fliegen oder zurückzukehren.

Wer sich eingehender mit den gefiederten Sängern beschäftigt, stößt jenseits des Seminars auf viele faszinierende Details. Kleine Vögel fliegen laut Thomas Haug aus Sicherheitsgründen nur bei Nacht jeder für sich ins südliche Winterquartier. „So reduzieren sie das Risiko, auf dem Flug von Beutegreifern gefressen zu werden“, klärt der Experte auf.

Doch woher wissen Zugvögel, wohin sie vor Wintereinbruch ziehen müssen? Antwort darauf gibt ein elsässisches Weißstorch-Projekt, das die Art bei der Bestandserholung unterstützte. Die Tiere pflanzten sich in Gefangenschaft fort und wurden anschließend ausgewildert. „Die meisten Störche zogen später in den Süden“, berichtet Thomas Haug. „Das beweist, dass die Info, wohin die Reise geht, genetisch verankert ist.“

Es sind solche Aspekte, die den Ornithologen an der Vogelwelt faszinieren. Diese Begeisterung will er weitergeben, auch, damit sich wieder mehr Menschen für die Tiere engagieren.

Info Wer wissen will, welcher Vogel im Garten oder beim Spaziergang ein Liedchen anstimmt, kann den „Singvogel-Bestimmungskurs für Einsteiger“ des Naturschutzzentrums besuchen. Zusammen mit einem Experten gehen die Teilnehmer am 14., 15., 20. und 21. April auf Vogelpirsch. Bei der Einführung am 13. April werden unter anderem Methoden zur Vogelbestimmung vorgestellt. Der Kurs richtet sich hauptsächlich an Erwachsene, die bereit sind, schon gegen 6 Uhr Piepmätze zu beobachten. Anmeldungen werden bis Montag, 9. April, telefonisch unter der Nummer 0 70 26/95 01 20 entgegengenommen.

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