Lenninger Tal

„Ich habe Bürgerkriege miterlebt“

Pfarrer Dr. Hanna Nouri Josua spricht in Oberlenningen über den Krisenherd im Osten

Der Saal im Julius-von-Jan-­Gemeindehaus war voll. Die Männer vom „Stammtisch 50plus“ lauschten gespannt den Ausführungen des Seelsorgers.

Lenningen. Die Flüchtlingsthematik ist auch in Lenningen Hauptgesprächsthema. Bevor eine schlechte Stimmung gegenüber den Asylbewerbern entsteht, will der „Stammtisch 50plus“ über Vorurteule aufklären. Dazu lud das Team den Flüchtlingsexperten Hanna Josua ein. Er sprach über die Krisen im Nahen Osten.

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Der libanesische Pfarrer stieg mit seinen persönlichen Erlebnisse aus den Bürgerkriegen im Libanon ein. Einerseits erlebte er als kleiner Junge 1958 die ersten Kämpfe und auch das längste Kriegsgeschehen von 1975 bis 1991. Er sagt von sich: „Ich bin kein Schreibtischmensch, ich habe die Gräueltaten selber miterlebt.“

Josua fragt sich immer wieder, wie Menschen behaupten können, die Flüchtlinge hätten keinen Grund, ihr Land zu verlassen. Männer, Frauen und Kinder müssen zusehen, wie ihr Hab und Gut zerstört wird, wie zum Teil die eigenen Eltern massakriert werden und immer wieder Bomben ganze Stadtteile zerstören. „Wo man gestern noch Kaffee getrunken hat, ist heute nur noch Schutt und Asche.“

Zudem bekommen die Menschen in den arabischen Ländern genau mit, wie in Europa gelebt wird. Leben in Jemen mehrere Generationen einer Familie in einem Zimmer, so hat in Deutschland jedes Kind ein Zimmer für sich. Die Menschen denken dank der Globalisierung, dass das Leben im Westen tausend Mal besser sei – obwohl das Wetter und die Gemüsevielfalt im Osten besser sind.

Erschreckend, so erzählt der Flüchtlingsbeauftragte der evangelischen Kirche weiter, ist die Tatsache, dass mehr als 50 Prozent der Menschen im Osten Analphabeten sind. Der muslimische Glaube unterscheide sich auch: es gibt die streng Gläubigen und die Liberalen, die sich mehr und mehr vom muslimischen Glauben lossagen. Wer sich entschließt, seine Heimat zu verlassen, macht sich auf einen gefährlichen Weg. „Die Schlepper sind skrupellos, die sind nur am Geld interessiert“, sagt Josua. Das Menschenleben zählt nichts. Es gibt mittlerweile rund 1 800 Kilometer Küste in den Grenzgebieten, und da liegt die Überfahrt übers Mittelmeer nahe. Der Pfarrer weiß aber auch von Menschen, die den Weg über Moskau, Sibirien oder Norwegen auf sich nahmen, um nach Deutschland zu gelangen.

Er findet, dass die Europäische Gemeinschaft zu lange gewartet hat, um Geld in die Hand zu nehmen. Eine Perspektive in den Nahostländern hätte den Flüchtlingsstrom vermutlich deutlich verringern können. „Der Frieden kostet was“, ruft Hanna Josua und relativiert: „Die südlichen und östlichen Teile der Mittelmeerregion werden immer Krisenherde bleiben.“ Da nutze alles Geld der Welt nichts.

Die Repressionen durch die Diktaturen können gemäß Josua eine Zeit lang gut gehen. Es sei aber nur eine Frage der Zeit, bis das Volk aufsteht und sich die schlechte Behandlung nicht mehr gefallen lässt. „Diese Länder bleiben instabil, solange sich die Demokratie nicht durchsetzen kann“, ist der Pfarrer überzeugt.

Hanna Josua fordert die Islamische Community auf, sich neu zu orientieren und die Religionsfreiheit zu akzeptieren. Wenn der Druck und Zwang wegfällt, wäre dies schon ein großer Schritt in Richtung Weltfrieden.