Lenninger Tal

In den Mostpressen herrscht Ebbe

Apfelernte Der Ertrag liegt gegenüber anderen Jahren bei mageren fünf Prozent. Statt viermal in der Woche mostet der Unterlenninger Harald Schneider in diesem Herbst wöchentlich nur einen halben Tag. Von Anke Kirsammer

Mosterei Most Schneider Harald Kinder Äpfel Kindergarten Apfelsaft
Foto: Carsten Riedl

Rotbackige, grüne und goldgelbe Äpfel aus kleinen Kisten oder Säcken rumpeln über eine schiefe Ebene und plumpsen spritzend ins Wasserbad. „Da werden sie gewaschen!“, ruft ein Mädchen. „Genau, manchmal ist noch Laub und Schmutz dran. Das machen wir, damit wir einen sauberen Saft bekommen“, erklärt Harald Schneider. In der vierten Generation betreibt er in Unterlenningen eine Mosterei. Doch während gut tragende Streuobstbäume in anderen Jahren für voll beladene Anhänger auf dem Hof an der Kirchheimer Straße sorgen, wird das Rolltor in diesem Herbst nur selten nach oben gezogen. „Sonst moste ich viermal in der Woche, dieses Jahr reicht der halbe Samstag“, sagt Harald Schneider.

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Ende der 1960er, Anfang der 1970er - so genau erinnert sich der Unterlenninger nicht mehr an das Jahr - habe es das letzte Mal eine so schlechte Ausbeute gegeben. Auf fünf Prozent einer normalen Ernte schätzt er den Ertrag im Tal. Während der Schwiegervater im Herbst normalerweise wochenlang auf eigenen und gepachteten Wiesen Äpfel aufliest, verschwindet die Ernte heuer im Handumdrehen in ein paar Kisten. Auch die Sortenvielfalt - sonst eine der Besonderheiten im Streuobstparadies - lässt zu wünschen übrig. Brettacher oder Bittenfelder - so lautet bei den Äpfeln meist die magere Auswahl.

Äpfel in Hülle und Fülle: Doch das Bild trügt, denn strenger Frost während der Blüte hat dem Obst auf vielen Wiesen im Lenninger
Äpfel in Hülle und Fülle: Doch das Bild trügt, denn strenger Frost während der Blüte hat dem Obst auf vielen Wiesen im Lenninger Tal den Garaus gemacht. Foto: Carsten Riedl

Weil er Obst zugekauft hat, kann Harald Schneider wenigstens einmal auch unter der Woche die Mostpresse anwerfen und Sprösslingen vom örtlichen Kindergarten zeigen, wie aus Äpfeln leckerer Saft gewonnen wird. Mit Feuereifer sorgen die Kids für Nachschub: Jeden Apfel, der auf den Boden purzelt, heben die kleinen Hände auf und schicken ihn auf die Reise Richtung Presse. Da sich viele Arbeitsschritte wie der „Schneckenlift“, das Aufschneiden und das Mahlen des Obstes den Kinderaugen entziehen, beschreibt Harald Schneider anschaulich, was in dem Metallgehäuse vor sich geht: „Die Mühle müsst ihr euch vorstellen wie eine Waschmaschinentrommel“, erklärt er. Die Jungen und Mädchen lassen sich nicht zweimal auffordern, als er sie dazu einlädt, das stückige, fruchtig-duftende Apfelmus, das in großen Batzen aus der Mühle tropft, zu kosten. „Mmh, lecker!“, entfährt es einer Fünfjährigen, nachdem sie genüsslich ihren klebrigen Finger abgeschleckt hat.

Harald Schneider und seine Frau Silvia sind ein eingespieltes Team: Die Arme mit langen Handschuhen geschützt, verstreichen sie die Masse gleichmäßig in einem Metallrahmen, der mit einem Presstuch ausgekleidet ist. Nachdem die Ecken eingeschlagen sind, legt der 55-Jährige einen Rost aus biegsamem Akazienholz darauf. Erst nach rund zehn Stockwerken senkt sich eine Stahlplatte auf den Schicht für Schicht sauber eingepackten Apfelmusturm. Ein Druck von 260 Kilogramm pro Quadratzentimeter quetscht dem Obst noch den letzten Tropfen Saft aus dem Fruchtfleisch. „Heute verarbeite ich 60 Zentner. Das gibt 2 000 Liter Most“, so der Unterlenninger. Doch erst einmal rinnt Süßmost in eine große Wanne, der nicht nur seiner Frau und ihm, sondern auch den Kindern schmeckt. Fehlen darf natürlich auch nicht der Blick auf die „Apfelpizza“, wie Harald Schneider den Trester scherzhaft nennt. Die Pressrückstände bekommt teils der Nachbar für die Kühe, teils verfüttern Jäger sie an das Wild.

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Foto: Carsten Riedl

Regelmäßig setzen Passanten den Blinker, die keine Baumwiesen haben, um frischen Süßmost zu kaufen. Viele Kunden schätzen aber, dass sie bei Harald Schneider den Saft aus dem eigenen Obst bekommen. „Früher hatten wir mehr Leute, die Most gemacht haben - nicht wenige bis zu 5 000 Liter“, so Harald Schneider. Doch diese Zeiten sind vorbei. Längst würde es sich für ihn auch nicht mehr lohnen, die Mosterei allein wegen der Lenninger Wiesenbesitzer aufzumachen. „Weil Kollegen schließen, haben wir inzwischen mehr Zulauf. Zu uns kommen sogar Kunden aus Esslingen“, erzählt der Unterlenninger. Etwas Magengrimmen bereitet ihm das Alter der Packpresse, die bereits über 60 Jahre auf dem Buckel hat. Ersatzteile gibt es dafür nicht mehr. Doch bislang konnte sich der Werkzeugmacher auf sein handwerkliches Geschick beziehungsweise das des Elektrikers Dieter Klepp verlassen, der schon über 40 Jahre in der Mosterei mit anpackt. Harald Schneider lebt vom Branntweinhandel, die Mosterei betreibt er mit einer guten Portion Idealismus. Doch obwohl sie bei Weitem nicht einmal den Mindestlohn abwirft, hält er an der Familientradition fest. „Ich mag den Umgang mit Leuten, Bei uns herrscht immer eine gute Stimmung“, sagt er.

Dass auch den Kindern der Besuch in der „Moschte“ gefallen hat, sieht man ihnen an, als sie mit ihren Erzieherinnen fröhlich mit einem Kanister voller Süßmost den Rückweg antreten.

Ein halber Eimer statt fünf Tonnen

Foto: Carsten Riedl

Lenningen. Wir sind dieses Jahr froh über jeden Apfel“, sagt Thomas Bosch, Chef der gleichnamigen Mosterei, die auch Fruchtsäfte vertreibt. Gerademal 60 000 Liter Apfelsaft hat der Unterlenninger Betrieb bislang gepresst. „Vielleicht schaffen wir es noch auf 90 000 Liter“, sagt Thomas Bosch. „Damit kämen wir noch mit einem blauen Auge davon.“ Gemessen an der sonst üblichen Menge von über einer Million Litern ist die Ausbeute allerdings ein Klacks. Bei Bioäpfeln verzeichnet die Mosterei sogar einen Totalausfall. Auswirkungen hat die magere Ernte auch auf die Annahmestelle von Bosch in Hepsisau, die der Obst- und Gartenbauverein betreut. Weil so wenig Äpfel auf den Bäumen hängen, hat der Verein beschlossen, dieses Jahr kein Obst entgegenzunehmen.

Durch die Ebbe in der Presse stockt auch der Verkauf an große Betriebe: „Wir können keinen Saft abgeben“, so Thomas Bosch, der sonst Unternehmen in Baden-Württemberg, Bayern und in der Lausitz beliefert. Wer sich für das wenige Obst bückt, wird wenigstens mit etwas mehr Geld belohnt: „Wir zahlen 18 Euro für den Doppelzentner. Letztes Jahr war es nur die Hälfte“, sagt Bosch. Das wird sich jedoch auch auf die Kunden auswirken: „Es wird uns nichts anderes übrig blieben, als den Preis anzuheben“, so der Saftproduzent. Die Misere hatte Thomas Bosch im April kommen sehen, als alle Bäume in voller Blüte standen und die Temperaturen in den Keller rauschten. „Am 19. April hatten wir im Lenninger Tal nachts acht bis neun Grad minus und am 20. April morgens starken Sonnenschein, der die Blüten verbrüht hat.“ Ein weiterer Frost in der darauffolgenden Nacht habe den Obstbäumen den Rest gegeben.

Kein Tag der offenen Tür

Einschneidend wirkt sich die miserable Apfelernte auch auf die Mosterei von Hans-Otto Schilling in Owen aus. „Eigentlich wollte ich dieses Jahr gar nicht aufmachen“, sagt er. Weil ihn aber ein paar Kunden dazu gedrängt haben, mostet er wenigstens drei oder vier Tage. - Kein Vergleich zu anderen Jahren, in denen er die Presse von Anfang September bis Mitte November jede Woche an zwei bis drei Tagen anwirft. Wie drastisch die Einbußen sind, verdeutlicht Hans-Otto Schilling an einer Wiese, die sonst fünf Tonnen Äpfel abwirft: „Dort haben wir gerademal einen halben Eimer aufgelesen.“ Den Kopf steckt der Owener deshalb trotzdem nicht in den Sand und verweist auf viele gute Jahre in der jüngeren Vergangenheit. Den Tag der offenen Tür hat er heuer aber abgeblasen und meint optimistisch: „Den machen wir nächstes Jahr.“ Anke Kirsammer