Lenninger Tal

Kaffeetrinkend integrieren

Ein Begegnungs-Café ermöglicht es Owenern, ihre neuen und alten Nachbarn kennenzulernen

Der Owener AK Asyl hat einen neuen Treffpunkt nicht nur für Flüchtlinge geschaffen: Wer sich ständig auf der Straße sieht, kann sich endlich kennenlernen.

Owen. Neue Leute in Owen kennenlernen? Es gibt dankbarere Aufgaben. Im Ort kennt man sich, sieht man sich, grüßt man sich. Selbst wenn man eigentlich gar nichts miteinander zu tun hat, ist man sich in den vergangenen Jahren wahrscheinlich oft genug über den Weg gelaufen, dass es für ein „Grüß Gott“, ja vielleicht sogar einen kurzen Schwatz zwischen Tür und Angel reicht. Und die zugezogenen Flüchtlinge? „Merkt man überhaupt nicht“, sagt eine Owenerin. Was als Kompliment gemeint ist, ist für die Neuen in mancher Hinsicht eher Fluch als Segen. Wie soll man so Kontakte knüpfen?

Die ersten Schritte in einer neuen Stadt sind immer schwer. In Owen hatte sich deswegen gleich nach der ersten Informationsveranstaltung zur Flüchtlingssituation im Januar ein großer AK Asyl gebildet, der den Anfang in Owen erleichtern soll. Für jede der fünf Flüchtlingsunterkünfte gibt es inzwischen zwei bis drei Betreuer. Eine Menge Einheimische kümmern sich seither darum, dass es den Geflüchteten im Ort an nichts mangelt, was freiwillige Helfer beschaffen können: Dokumente, Sprachkurse, Arbeitsplätze, Orientierung. Die Liste ist lang.

Was auch darauf steht: Bekanntschaften. Denn auch, wenn streitbar ist, ob soziale Kontakte wirklich überlebensnotwendig sind: In Sachen Integration spielen sie in einer Liga mit Sprachkenntnis und Arbeitsplatz.

Susanne Stiehler und Waltraud Kiedaisch gehören zu der Gruppe, die aus diesem Anlass das Begegnungs-Café initiiert hat. Kontakt nach außen herzustellen, liegt ihnen besonders am Herzen. Stiehler weiß, wovon sie redet. Sie wohnt selbst erst seit vier Jahren in der Stadt. „Es ist toll, endlich die Leute kennenzulernen, die seit Jahren wissen, wo man wohnt“, sagt sie scherzhaft. Wer in Owen ankommen wolle, komme um eines nicht herum: sich selbst auf den Weg zu den anderen zu machen. Mit der Aussicht auf Kaffee, Kuchen und einer willkommenen Abwechslung zum Alltag fällt das gleich leichter.

Das Café soll ein Ort sein, der frei ist von Bürokratie und Formularen. „Wir wollten keine Erste-Hilfe-Anlaufstelle für Flüchtlinge schaffen“, sagt die Zugezogene Stiehler. Es soll ausschließlich zum Kennenlernen da sein. Ein Ort, an dem sich selbst die Alteingesessenen vermischen: An einem der Tische sitzen vier Owenerinnen, die sich noch nie zuvor unterhalten hatten, obwohl sie sich vom Sehen kennen. An einem anderen spielen Flüchtlinge und Einheimische „Mensch ärgere Dich nicht“. Manar Scharif, eine der syrischen Frauen, die im Owener Bahnhofsgebäude Unterschlupf gefunden haben, wirft ein kleines Kind in die Luft. Es kreischt vor Freude. Ausgelassenheit – für ein paar Stunden.

Den Alltag der jungen Frau diktieren sonst Grenzen. Sie darf nicht arbeiten, darf zu Hause keinen Fernseher haben, darf kein Internet daheim installieren. Die Bürokratie lässt sie nicht. Im Landkreis Esslingen ist WLAN in Flüchtlingsunterkünften immer noch eine Seltenheit. Manar Scharif würde auch selbst dafür bezahlen – am liebsten von ihrem selbst verdienten Geld, das sie nicht hat. „Ich langweile mich“, sagt sie – 30 Tage im Monat. Am 31. im Gemeindehaus ist sie nicht nur „Flüchtling“, sondern eine Owenerin unter vielen, die neue Leute kennenlernt. Leute, die sie sicherlich schon mal durch den Ort spazieren gehen gesehen haben.

Das Konzept geht auf: Die Erwartungen der Planer wurden bis jetzt nur übertroffen: Das Gemeindehaus platzte schon beim ersten Begegnungs-Café aus allen Nähten.

Das nächste BEO-Begegnungs-Café findet am Dienstag, 7. Juni, im katholischen Gemeindehaus, Rebenweg 82, in Owen statt. Weitere Infos gibt es bei Waltraud Kiedaisch unter der Telefonnummer 0 70 21/8 60 56 52. Die Initiatoren freuen sich über mitgebrachten selbst gebackenen Kuchen.

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