Lenninger Tal

„Können keinen Schlussstrich ziehen“

Anerkennung Mit einem Gedenkort im Garten der St. Martinskirche in Oberlenningen ehrt die Evangelische Kirche Pfarrer Julius von Jan. Er war durch seine mutige Bußtagspredigt von 1938 bekannt geworden. Von Anke Kirsammer

Bei der Einweihung des Gedenkorts für Julius von Jan. Foto: Markus Brändli
Landesbischof July, Dr. Richard von Jan, dessen Ehefrau, Susanne Jakubowski vom Vorstand der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg und Pfarrer Dirk Schmidt (von rechts) weihen den Gedenkort für Julius von Jan im Garten der St. Martinskirche ein.Fotos: Markus Brändli

"Oh Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ So hatte vor 81 Jahren die Bußtagspredigt von Julius von Jan in der Oberlenninger St. Martinskirche begonnen. Der Pfarrer war einer der wenigen in der Evangelischen Kirche in Deutschland, die während des Nationalsozialismus den Mut gehabt hatten, die Greueltaten der Nazis öffentlich anzuprangern. Am Sonntag wurde im Kirchgarten ein Gedenkort eröffnet. Der Grabstein des 1964 in Korntal verstorbenen Pfarrers, eine Gedenktafel und der an einer Mauer angebrachte Schriftzug „Oh Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“, erinnern an Julius von Jan. Eine Bank lädt Besucher zum Innehalten ein. Mit dem Gedenkort würdigen die Evangelische Julius-von-Jan-Kirchengemeinde Lenningen und die Evangelische Landeskirche Württemberg den schwäbischen Kirchenmann. Anlass war die Ehrung von Jans in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. 2018 war ihm dort der Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen worden.

Mit Zitaten Julius von Jans und von Zeitzeugen nahmen Marius Schünke und Bernd Löffler vom Vorbereitungsteam die Besucher der Gedenkfeier in der St. Martinskirche mit hinein in die Geschichte. Eindrücklich auch: Auf derselben Kanzel, auf der Julius von Jan 1938 seine aufrüttelnden Worte gesprochen hatte, hielt Marius Schünke noch einmal die aufsehenerregende Bußtagspredigt. Stimmig umrahmt wurde die Feier mit lokalen Klängen von Gudrun Walther und Jürgen Treyz sowie mit Klezmer-Musik von Gerold Schwarz und Volker Schumann.

Angesichts des Angriffs auf die Synagoge in Halle an der Saale vor wenigen Tagen wies der Oberlenninger Pfarrer Dirk Schmidt auf die Aktualität der Predigt von Jans hin: „Als wir zu der Feier eingeladen haben, hatte niemand von uns diese niederträchtige Tat vor Augen.“ Unter diesen Vorzeichen habe das Zusammenkommen das Gedenken längst verlassen. „Durch unsere Gemeinschaft als Menschen jüdischen und christlichen Glaubens stellen wir uns jeglicher Form des Antisemitismus entgegen“, so Schmidt. Juden-Feindlichkeit sei nicht Geschichte. „Einen Schlussstrich können wir nicht ziehen“, sagte der Pfarrer. Mit ihrer Anwesenheit setzten die Gäste ein Zeichen: „Wir treten damit all denen in den Weg, die Juden angreifen“, betonte Schmidt.

Nachdenkliche und ebenfalls mahnende Worte schlug Landesbischof Dr. Frank Otfried July an. Hätte Julius von Jan sich entschieden, lieber doch zu schweigen, hätte im Dritten Reich eine wichtige Stimme in der Evangelischen Kirche gefehlt. Wiederholt stellte July die Frage: „Was wäre, wenn?“ Wenn Julius von nicht nur in Oberlenningen gehört worden wäre, wenn er nicht alleine gewesen wäre, wenn mehr Leute aufgestanden wären? Geschichte sei nie festgeschrieben. „Was wäre, wenn?“, ist gemäß dem Landesbischof auch eine Gegenwarts- und Zukunftsfrage sowie eine Frage der Hoffnung. Er sieht darin das Angebot einer Neuausrichtung, eine Aufforderung, zu Menschen zu stehen, die Opfer von Gewalt werden und einen regelmäßigen Austausch mit jüdischen Gemeinden zu pflegen. Der Landesbischof rief dazu auf, nicht beim „Was wäre, wenn?“ zu bleiben, sondern aufzustehen und Gesicht zu zeigen.

Susanne Jakubowski, Vorstandsmitglied der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, erklärte, Julius von Jans Denken und Handeln sei vorbildhaft. Seine Worte hätten nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Die Saat des Hasses sei inzwischen wieder ausgesät worden. „Wir alle müssen verhindern, dass sie wieder aufgeht.“ Dass die Landessynode der Evangelischen Kirche Württemberg vergangene Woche eine Synagoge besucht hatte, sei ein Zeichen der Solidarität. „Solche Zeichen werden von uns gesehen und geschätzt.“

Dr. Richard von Jan, Julius von Jans Sohn, zeigte sich gerührt von der Intensität, mit der in Oberlenningen das Andenken an seinen Vater gepflegt wird. Die Ehrung in Yad Vashem wertete er auch als Anerkennung für die Anstrengungen in der Gemeinde. Richard von Jan kündigte an, die Ehrenurkunde und die Medaille an die Kirchengemeinde zu übergeben. „Sie gehören hierher in die St. Martinskirche.“

Grabstein, Gedenkort und Schriftzug erinnern an Julius von Jan. Foto: Markus Brändli
Grabstein, Gedenkort und Schriftzug erinnern an Julius von Jan. Foto: Markus Brändli
Julius von Jan, Pfarrer in Oberlenningen zwischen 1935 und 1938 sowie von 1945 bis 194960 Jahre Kriegsende. Foto: Gemeindearchiv
Julius von Jan, Pfarrer in Oberlenningen zwischen 1935 und 1938 sowie von 1945 bis 1949. Foto: Gemeindearchiv Lenningen

Die Bußtagspredigt rief einen Schlägertrupp auf den Plan

Mit der Bußtagspredigt vom 16. November 1938, die Julius von Jan in der evangelischen St. Martinskirche gehalten hatte, reagierte der Pfarrer auf die Novemberpogrome eine Woche zuvor. Dabei waren von den Nazis Juden ermordet, Synagogen, Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört worden. Mit Bezug auf den Propheten Jeremia geißelt er die Anhänger der Nationalsozialisten: „Wo ist der Mann, der im Namen Gottes und der Gerechtigkeit ruft, wie Jeremia gerufen hat: Haltet Recht und Gerechtigkeit, errettet den Beraubten von des Frevlers Hand! Schindet nicht die Fremdlinge, Waisen und Witwen, und tut niemand Gewalt, und vergießt nicht unschuldig Blut! Gott hat uns solche Männer gesandt! Sie sind heute entweder im Konzentrationslager oder mundtot gemacht. Die aber, die in der Fürsten Häuser kommen und dort noch heilige Handlungen vollziehen können, sind Lügenprediger wie die nationalen Schwärmer zu Jeremias Zeiten und können nur ‚Heil‘ und ‚Sieg‘ rufen, aber nicht des Herrn Wort verkündigen.“

Am 25. November wurde Julius von Jan von Schlägertrupps aus Nürtingen misshandelt, angepöbelt und abgeführt. Drei Tage später erließ das Kirchheimer Amtsgericht Haftbefehl gegen ihn. Es folgten die Ausweisung aus Württemberg sowie die Verurteilung zu 16 Monaten Haft, von denen er fünf Monate absitzen musste. Die Kirchenleitung tadelte den politischen Inhalt der Predigt von Jans, was zur Suspendierung und einem Disziplinarverfahren gegen ihn führte. Mitte 1943 wurde er mit einer Strafkompanie an die Ostfront in Russland und in der Ukraine geschickt. Eine Gelbsucht ermöglichte ihm bereits nach vier Monaten die Heimkehr. Nach weiteren Stationen kehrte er im September 1945 noch einmal für vier Jahre nach Oberlenningen zurück. Darauf folgte eine Pfarrstelle in Zuffenhausen. Wegen Nierenversagens und eines Herzinfarkts gab er 1958 das Amt auf. 1964 starb er 67-jährig in Korntal. In der Evangelischen Brüdergemeinde hatte der dem schwäbischen Pietismus verbundene von Jan seinen Ruhestand verbracht. ank

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