Lenninger Tal

„Leben heißt, meinen Weg zu gehen“

Das Fundraising-Team der katholischen Kirchengemeinde holt Pater Anselm Grün nach Oberlenningen

Mut, Entscheidungen zu treffen, machte Anselm Grün in der katholischen Kirche in Oberlenningen. Gut 370 Besucher füllten das Gotteshaus.

Für den Benediktinerpater und Autor spiritueller Bücher Anselm Grün führt jede Entscheidung durch Engpässe. Entscheidungshilfen
Für den Benediktinerpater und Autor spiritueller Bücher Anselm Grün führt jede Entscheidung durch Engpässe. Entscheidungshilfen sind für ihn unter anderem Klugheit, Vertrauen und das Gebet.Foto: Markus Brändli

Lenningen. Mit Melva Houston hatte das Fundraising-Team der katholischen Kirchengemeinde St. Maria bereits im November vergangenen Jahres für volle Kirchenbänke gesorgt. Jetzt zog Anselm Grün die Besucher magnetisch an. Der Reinerlös des Vortrags fließt in die dringend notwendige Renovierung der Kirche.

Das ganze Leben ist durchtränkt mit Entscheidungen. Rund 20 000 mal am Tag gilt es, sich festzulegen. Aufstehen oder nicht?, Kaffee trinken oder Tee?, die blaue Hose anziehen oder die schwarze? In seinem 2011 erschienenen Buch „Was will ich? Mut zur Entscheidung“ wirbt Anselm Grün unter anderem für Rituale oder gute Gewohnheiten, weil sie im Alltag helfen, Energie zu sparen. In seinem Vortrag am Montag ging er Hindernissen bei der Entscheidungsfindung genauso auf den Grund wie möglichen Hilfen.

„Entscheidungen machen immer auch ein Stück einsam“, lautet einer der einprägsamen Sätze des Paters. So ist für ihn der im Matthäusevangelium beschriebene breite Weg, der ins Verderben führt, kein schlechter Weg, sondern der, den alle gehen. „Leben heißt, meinen Weg zu gehen“, sagt Anselm Grün. Viele Menschen wollen die absolut richtige Entscheidung treffen. Die gibt es aber nicht, sondern nur kluge Entscheidungen. Zum Wesen der Entscheidung gehört, angreifbar zu sein, jedoch auch sich einzuengen. Denn sich für etwas zu entscheiden, bedeutet immer, anderes auszuschließen und nicht, sich alle Türen offenzuhalten. Der Pater rät, den Alternativen nicht nachzutrauern, sondern sie zu betrauern und dann von ihnen Abschied zu nehmen. Jede Entscheidung führt Anselm Grün zufolge durch Engpässe. „Man muss durch den Tunnel, damit sich der Weg wieder weitet.“

Ideologien mit festen Normen geißelt der Pater als Vaterersatz. Ihnen anzuhängen, bedeute, keine eigenen Entscheidungen fällen zu müssen. Fundamentalisten führten kein Leben in Freiheit, sondern ein erstarrtes und oft aggressives Leben.

Eine Entscheidungshilfe ist für Anselm Grün neben der Klugheit auch das Vertrauen. Um Entscheidungen zu treffen, empfiehlt er, nicht nur auf den Kopf, sondern insbesondere bei Beziehungsfragen auch auf den Bauch zu hören. Bei sich selbst zu bleiben und nicht auf das zu achten, was andere denken, ist ein weiterer Tipp, und nicht zuletzt rät der Benediktinermönch zum Gebet.

In größere Entscheidungen bewusst hineinzugehen und sich vorzustellen, wie es einem damit nach zehn Jahren geht, kann gemäß Anselm Grün ebenfalls helfen, sich zu entscheiden. Beispielhaft nennt er berufliche Entscheidungen, die einen größeren Umzug beinhalten. „Lebendigkeit, Freiheit, Friede, Liebe – die Entscheidung, die mehr von diesen Elementen enthält, ist die bessere“, so Anselm Grün. Exemplarisch greift er die Vita eines Landarztes heraus, der in einer Klinik die Stelle eines Oberarztes angeboten bekommen hatte. Die Vorstellung, weitere zehn Jahre in seiner Praxis zu bleiben, erzeugte in ihm das Bild, betrunken hinter seinem Schreibtisch zu sitzen. Er nahm die Herausforderung als Oberarzt an und ist nun auf dem Chefarztposten angekommen.

„Menschen, die sich nicht entscheiden können, brauchen einen Berater.“ – So nimmt Anselm Grün Abläufe in manchen Firmen aufs Korn. Entscheidungs- und führungsschwache Chefs erzeugten kein gutes Klima. Auch für Eheleute hat der Mönch Tipps parat wie den folgenden: An einem Wochenende entscheidet der Mann, was unternommen wird, am nächsten die Frau.

Mit dem mittelalterlichen Kirchenlehrer Thomas von Aquin und dem katholischen Theologen Karl Rahner bricht Anselm Grün eine Lanze für Gewissensentscheidungen als oberste Norm, und er macht Mut, zu Entscheidungen zu stehen. „Wir sind nicht festgelegt, sondern wir übernehmen Verantwortung für unser Leben, indem wir Entscheidungen treffen“, sagt Anselm Grün.

Ihre Entscheidung, den Vortrag zu besuchen, hatten die Zuhörer nicht bereut. Nach einer Stunde verabschiedeten sie den Pater mit lang anhaltendem Beifall.

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