Lenninger Tal

Lenningen – Mehr als nur ein Ort

Geschichtsbuch vor großer Kulisse in der Oberlenninger Turn- und Festhalle präsentiert

Auch wenn die Aufgabe laut Kreisarchivar Manfred Waßner einer „Quadratur des Kreises“ glich – das Projekt ist geglückt: Lenningen besitzt nun ein Geschichtsbuch für die Ortsteile Brucken, Hochwang, Ober- und Unterlenningen sowie Schlattstall. In der voll besetzten Turn- und Festhalle Oberlenningen wurde es am Freitag vorgestellt.

Große Freude herrschte am Tag der Vorstellung des Lenninger Geschichtsbuchs bei Kreisarchivar Manfred Waßner, Lenningens Bürgerm
Große Freude herrschte am Tag der Vorstellung des Lenninger Geschichtsbuchs bei Kreisarchivar Manfred Waßner, Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht und seinem Amtsvorgänger Gerhard Schneider, Erster Vorsitzender des Fördervereins Chronik Lenningen (v. li.).Foto: Rainer Hoffelner

Lenningen. Angesichts des großen Besucherandrangs war Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht fast sprachlos: „Ich weiß meine Gefühle gar nicht richtig einzuordnen, weil wir so viele sind“, sagte er. Mit dem Geschichtsbuch für die fünf Ortsteile Ober- und Unterlenningen, Brucken, Hochwang und Schlattstall gehe ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung. Gutenberg und Schopfloch spielen in dem Buch eine untergeordnete Rolle. Die Geschichte der beiden Dörfer ist 1998 beziehungsweise 2004 bereits erschienen. „Lenningen – Mehr als ein Ort“. So lautet der mehrdeutige Titel der 336 Seiten dicken Neuerscheinung, die auf hochwertigem, gespendetem Scheufelen-Papier gedruckt wurde.

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Vertieft dargestellt sind unter anderem die Landschaftsgeschichte des oberen Lenninger Tals, die Vor- und Frühgeschichte, das Mittelalter mit der Geschichte der Burgen, die Lenninger Gemeinden zur Zeit des Königreichs Württemberg, die Weimarer Republik und der Nationalsozialismus sowie die Jahrzehnte vom Weltkrieg zur Wohlstandsgesellschaft. Der freiberufliche Archäologe und Bauforscher Tilman Marstaller nimmt die Bau-, Kunst- und Kulturschätze mit dem Forscherblick unter die Lupe und kommt zu teilweise verblüffenden Ergebnissen. Zusammen mit dem Herausgeber, Kreisarchivar Manfred Waßner, haben neun Autoren das Buch verfasst, darunter Christoph Bizer, ehemaliger Konrektor der Lenninger Realschule.

„Das Besondere an dem Buch ist, dass es sowohl wissenschaftlich und lehrreich als auch unterhaltsam und aufschlussreich ist“, so Michael Schlecht. Für ihn symbolisiert der Buchtitel nicht nur die Ortsteilstruktur, sondern auch die Vielfalt der Heimat. „Heimat ist der Raum, den wir selbst gestalten und zu dem wir in einer besonderen Verantwortung stehen.“ Auch zu diesem Bewusstsein von Heimat werde das Buch beitragen können. Erfreut zeigte sich der Rathauschef darüber, dass man statt der ursprünglich angenommenen esamtkosten von 120 000 voraussichtlich bei 105 000 Euro landen werde. Schlecht würdigte in diesem Zusammenhang die Verdienste seines Amtsvorgängers Gerhard Schneider, der den Vorsitz des Fördervereins Chronik Lenningen bekleidet.

Das Lenninger Tal habe sich seit dem 19. Jahrhundert so stark verändert wie zuvor in rund tausend Jahren nicht, so Manfred Waßner in seinem Festvortrag. Das belegte er zum einen mithilfe der Bevölkerungszahl, die 1834 in Brucken, Ober-, Unterlenningen und Schlattstall zusammen 2 166 betrug und bis 2013, einschließlich Hochwang, auf 6 650 anwuchs. Zum anderen zeigten dies die Berufe: Hingen die Menschen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Landwirtschaft und Kleinhandwerk ab, so verdienen die Einwohner heute ihr Geld in der Industrie, im Dienstleistungssektor und im Handwerk. „Die Landwirtschaft prägt nach wie vor die Landschaft, aber nicht mehr den Alltag. Das Gesicht der Gemeinde hat sich dadurch geändert“, sagte Waßner. Das Buch könne und wolle die Lenninger Geschichte nicht in allen Einzelheiten darstellen. Vielmehr solle es die Menschen, die die Geschichte ihrer Gemeinde gestalten, zu neuen Fragen an die Vergangenheit führen. Waßner machte Appetit darauf, in dem Schmöker zu blättern. So erfuhren die Besucher, dass die Lauter im heutigen Hasental vor einem „Kampf der Giganten“ in die umgekehrte Richtung geflossen ist. Dazu unternahm er einen Abstecher in die Zeit vor 17 Millionen Jahren, als der Albtrauf noch in die Gegend bis Stuttgart reichte. Weiter warf Waßner ein Schlaglicht auf Christoph Bizers Beitrag zu den vorgeschichtlichen Albsteigen. Danach waren die Kelten wahrscheinlich die Erbauer und Nutzer der Raubersteige sowie einer Steige, die unterhalb des Brucker Fels beginnt und auf der Hochfläche zum Tor G des keltischen Oppidums Heidengraben führt.

Einen Ausflug unternahm Waßner auch zur Auswanderungsbewegung im 19. Jahrhundert, die aus Missernten und Teuerungsjahren resultierte. Im Gemeindearchiv erhaltene Briefe belegen, dass viele Menschen dem Lenninger Tal den Rücken kehrten und sich insbesondere in Amerika ein besseres Leben erhofften.

Lobend ging Waßner auf die Zusammenarbeit mit dem Hause GO Druck Media ein. Den Verantwortlichen sei zu verdanken, dass nicht nur ein inhaltsreiches, sondern auch ein schönes Buch entstanden sei. Dafür, dass der Abend einen gebührenden Rahmen bekam, sorgte der Musizierkreis der Lenninger Musikschule unter der Leitung von Vera Reinold.