Lenninger Tal

Lokale Geschichte zum Anfassen

Archäologie Am Tag des offenen Denkmals machte auch der Förderverein Archäologie, Kultur und Tourismus Erkenbrechtsweiler seine Türen auf. Von Daniela Haußmann

Mehr als nur Scherben: Die Funde sind für die Archäologen tönerne Zeitzeugen.Foto: Daniela Haußmann
Mehr als nur Scherben: Die Funde sind für die Archäologen tönerne Zeitzeugen.Foto: Daniela Haußmann

Scherben bringen Glück - zumindest den Archäologen. Das gilt auch am Heidengraben. Wer sich am Tag des offenen Denkmals auf den Weg nach Erkenbrechtsweiler machte, konnte sich in der Unteren Straße 6 persönlich davon überzeugen, dass es Fortuna mit den Altertumsforschern dort oben auf der Alb gut meint.

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Dutzende Kisten mit unzähligen Scherben stapeln sich in den Gängen und Räumen. Alles Funde, die die Mitglieder des Fördervereins Archäologie, Kultur und Tourismus (FAKT) mit viel Geduld und Begeisterung über Tage, Monate und teils Jahre zusammengetragen haben. Zwischen Nachgeburtsgefäßen, Fachbüchern und Ausstellungsstücken hat sich Richard Löw in eine kleine Ecke zurückgezogen. Vor ihm liegen, auf einem Tisch ausgebreitet, Hunderte Scherben. Unter ihnen sucht der Hobbyarchäologe das passende Teilchen für einen Topf, den er für den Restaurator provisorisch zusammenklebt. Was für viele anmutet wie die nervenaufreibende Suche nach der berüchtigten Nadel im Heuhaufen, ist für Richard Löw und seine FAKT-Kollegen ein spannendes Abenteuer. Wieder und wieder greift der Hobbyforscher in den Scherbenhaufen, hält die Kanten der tönernen Bruchstücke aneinander, vergleicht und dreht sie zwischen den Fingern hin und her.

Otto Kraus schaut Richard Löw gerne über die Schulter. Denn wann kann man schon mal hautnah miterleben, wie jahrhundertealte Fragmente Stück für Stück wieder ihre ursprüngliche Gestalt annehmen? „Ich finde, dass FAKT eine wichtige Arbeit leistet“, sagt der Besucher aus Erkenbrechtsweiler. Der Verein hat nicht nur nahhaltig zur Erforschung keltischen Lebens und Wirkens am Heidengraben beitragen. Auch aus anderen Epochen der lokalen Menschheitsgeschichte haben die Hobbyarchäologen Zeugnisse und Erkenntnisse zusammengetragen. „Die Vorfahren vieler Familien lebten schon vor langer Zeit hier“, so Otto Kraus. „Hier bei FAKT erfahren sie daher etwas über ihre eignen Wurzeln.“

Unterdessen geben sich die Besucher die Klinke in die Hand. Vor den Vitrinen mit uralten Amphoren, Schalen, Kacheln und sakralen Bodenplatten lauschen viele den Erzählungen von Franz Weiss. Vorsichtig zieht er zwei gerade einmal daumengroße Exponate aus dem Glasschrank, die wie Kelche geformt sind. „Das sind römische Tränengläser“, erzählt das FAKT-Mitglied. „Die haben wir bei Owen gefunden. Dort gab es mal eine römische Straße.“ Einst hielten sich die Menschen bei Bestattungen Gläser unter die Augen, um die Tränen aufzufangen und zu zeigen, wie viel einem der Tote wert war.

Und es gibt noch mehr zu entdecken: Eine faustgroße Sandstein-Kugel wandert durch die Hände der wissbegierigen Besucher. „Das ist eine Kanonenkugel aus dem 13./14. Jahrhundert, die vom Hohenneuffen aus abgefeuert wurde“, so Franz Weiss. „Sandstein war billiger als Metall und ließ sich, anders als Kalkstein, leicht bearbeiten.“ Die gusseisernen Kanonen, aus denen die Kugeln abgefeuert wurden, mussten nach jedem Schuss 30 Minuten abkühlen, damit sie wegen der entstandenen Spannung den Soldaten nicht um die Ohren flogen.

Bei Wilma Huber aus Oberlenningen stoßen vor allem die Nachgeburtsgefäße auf Interesse. „Wir wohnen neben der Fundstelle, und die Mutter meines Mannes war Hebamme“, erzählte sie. Familie Huber lebt aber schon lange in Oberlenningen. Da die Fundstücke 150 bis 200 Jahre alt sind, ist es laut Wilma Huber nicht abwegig, dass eines dieser Zeitzeugnisse einem Vorfahren gehörte.

Rund 30 bis 50 Interessierte kommen beim Tag des offenen Denkmals alljährlich zu FAKT - dieses Mal ausschließlich zum Staunen, Bewundern und Lernen. Immer wieder bringen Besucher aber auch Funde mit, die sie von Franz Weiss bestimmen lassen möchten. Wieder andere schenken dem Verein historische Stücke. „Wer Beratungsbedarf hat oder sich engagieren will, darf immer gerne vorbeischauen“, so Richard Löw.

Verein finanziert sich aus Spenden

Der Förderverein für Archäologie, Kultur und Tourismus (FAKT) geht jetzt in die Herbst- und Winterpause. Seine Türen sind ab dem Frühjahr wieder geöffnet. Wer aber Fundstücke hat, die er gerne bestimmten lassen würde, oder Interesse an einer Führung durch die Ausstellungsräume hat, kann mit FAKT in Erkenbrechtsweiler jederzeit Kontakt aufnehmen. Die entsprechenden Informationen sind auf der Vereinshomepage zu finden. Der Förderverein ist auf Spenden angewiesen. Finanzielle Unterstützer sind willkommen.dh