Lenninger Tal

Lust auf Natur und Streuobst machen

Heidi Schubert begeistert Schulklassen für die Natur vor der Haustüre

Streuobstwiesen sind wertvolle Biotope. Deshalb tauchen Streuobstpädagogen mit Schülern in die einzigartige Kulturlandschaft ein und stärken das Bewusstsein für ihren Erhalt .

Heidi Schubert bringt Heranwachsenden die Bedeutung der heimischen Streuobstwiesen nahe.Foto: Daniela Haußmann
Heidi Schubert bringt Heranwachsenden die Bedeutung der heimischen Streuobstwiesen nahe.Foto: Daniela Haußmann

Owen. Heidi Schubert ist Streuobstpädagogin, eine von 40 im Landkreis Esslingen. Die Owenerin ist eng mit der Natur, der Landwirtschaft und den Streuobstwiesen groß geworden. Ob Ameisenbläuling, Fledermaus, Halsbandschnäpper, Neuntöter, Steinkauz, Igel, Dachs, Herbstzeitlose oder Schafgarbe – die Kulturlandschaft vor der Haustüre ist ein wichtiger Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten. Der Erhalt und der Schutz dieses einzigartigen Biotops liegt Schubert, die auch als Natur-, Erlebnis- und Museumspä­dagogin tätig ist, am Herzen.

Schulklassen, die mit ihr im Verlauf der vier Jahreszeiten auf Entdeckungsreise gehen, erfahren allerhand über die Schätze, die die Streuobstwiesen zu einem wertvollen Ökosystem machen. Im Frühjahr und Sommer gibt es auf den Wiesen jede Menge zu entdecken. „Essbare Wiesenkräuter und -blumen lassen sich bestimmen und mit Quark zu einem leckeren Brotaufstrich oder Salat verarbeiten“, erzählt Heidi Schubert. „Vögel, Insekten und Säugetiere können beobachtet und Obstsorten oder auch Bäume bestimmt werden.“ Die Schüler erfahren, wie Bienen die Blüten bestäuben, artenreiche Blumenwiesen entstehen und wie das Ökosystem Streuobstwiese funktioniert.

Im Spätsommer und Herbst geht es mit der Obsternte weiter. Die Früchte der Bäume werden verwertet. In ihrer Kindheit und Jugendzeit hat Heidi Schubert selbst Äpfel und Birnen aufgelesen, Zwetschgen und Kirschen geerntet. Für Generationen war das, was die Wiese hergab, eine wichtige Nahrungsgrundlage. „Das Obst wurden im Keller für den Verzehr gelagert. Aus den Äpfeln wurde Kompott hergestellt oder ein Kuchen gebacken“, berichtet die Streuobstpädagogin. „Ein Teil der Äpfel wurde gekeltert und zu Apfelsaft, aber auch Most weiterverarbeitet, aus dem sich Essig machen lässt.“

Diese Kenntnisse möchte Heidi Schubert an Schüler weitergeben. Sie will der Wissenserosion entgegenwirken und helfen, die Wertschätzung für die Kulturlandschaft vor der Haustüre genauso zu fördern, wie den respektvollen Umgang mit der Natur. Sie stellt mit Schülern Dörrobst her, geht mit ihnen ins Backhaus, um Brot zu backen, oder besucht mit ihnen eine Kelter, wo die Ernte zu Saft verarbeitet wird. Den Heranwachsenden wird so die Bedeutung von Obst im Rahmen einer bewussten und gesundheitsfördernden Ernährung nahegebracht, wie Heidi Schubert berichtet.

Was die Streuobstpädagogin bietet, ist lebendige Wissensvermittlung, bei der alle Sinne angesprochen und Kinder wie Jugendliche durch einen hohen Praxisbezug zu Gestaltern ihres eigenen Lernprozesses werden. Im Winter sind die Klassen Wildtieren auf der Spur. Sie suchen nach Fährten im Schnee, erfahren mehr über die Überwinterungsstrategien der Tiere und wie sich deren Nahrungssuche in der kalten Jahreszeit gestaltet.

Ob Projekttage, Schullandheimaufenthalte, Workshops oder Kindergeburtstage – laut Heidi Schubert bieten sich viele Möglichkeiten, um jungen Menschen das Thema Streuobst nahezubringen. „Schulen können über das Landratsamt ein Rundum-Paket buchen, das sich ohne großen Aufwand in den Unterricht integrieren lässt“, berichtet die Expertin, die seit vier Jahren als Streuobstpädagogin tätig ist und ihr Wissen an Schulen weitergibt. Sie ist überzeugt, dass der Streuobst-Unterricht nachhaltig das Interesse an der Kulturlandschaft fördert.

„Vielleicht erinnert sich der eine oder andere später im Leben an die Erlebnisse im Streuobst-Unterricht zurück und fängt an, selbst eine Wiese zu bewirtschaften“, so Heidi Schubert. „Das wäre der Idealzustand.“ Gleichzeitig soll der Unterricht rund ums Streuobst auch bei den Eltern Impulse setzen. Wenn Kinder begeistert von den Stunden berichten, die sie in der Natur verbracht haben, wird in den Familien das Interesse geweckt, wie die Fachfrau erklärt. Das Konzept eigne sich nicht nur für Grundschulen, sondern auch für die Klassenstufen fünf bis acht und die Erwachsenenbildung.

Die Begeisterung weckenInterview

Corina Schweikardt
Corina Schweikardt

Frau Schweikardt, Kinder blühen im Streuobstparadies sofort auf. Was hat der Unterricht rund um die Kulturlandschaft zu bieten?

CORINA SCHWEIKARDT: Der Streuobst-Unterricht hat jede Menge zu bieten. Vor allem ist er erlebnisorientiert. Unsere 40 Streuobstpädagogen machen die Natur für Schüler erlebbar. Kenntnisse rund um das Streuobst und die Kulturlandschaft werden nicht im Frontalunterricht vermittelt. Die Kinder werden auf den Wiesen zu Forschern und Entdeckern. Inhalte lassen sich durch aktives Erleben leichter einprägen. Außerdem stärken gemeinsame Erlebnisse außerhalb des Unterrichtsraums den Klassenzusammenhalt.

Mit welchem Ziel wurden das Projekt „Streuobstpädagogen“ ins Leben gerufen?

SCHWEIKARDT: Die Streuobstpädagogen sollen vorrangig Kinder in den Klassenstufen drei und vier für die Streuobstwiesen begeistern. Bei der jüngeren Generation soll ein Bewusstsein für das Thema Streuobst und die Natur geschaffen werden. Langfristig betrachtet geht es darum, Impulse zu setzen, die dazu beitragen, dass sich künftig wieder mehr Menschen für die Bewirtschaftung der landschaftsprägenden Obstbestände begeistern. Die Nachwuchsförderung ist, neben dem Erhalt und Schutz der Streuobstwiesen, also ein wichtiges Ziel.

Welche Kosten fallen an?

SCHWEIKARDT: Die Schulen können unter drei Paketen wählen, die zwischen 360 Euro und 660 Euro kosten. Das Landratsamt und die Stiftung der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen beteiligen sich mit je 25 Prozent, sodass die Schulen 50 Prozent der Kosten selbst tragen müssen. Der Streuobstpädagoge begleitet die Schulklasse dann im Verlauf des Streuobstjahres. Die Fördergelder stehen für die nächsten fünf Jahre bereit.

Wie viele Schulen machen mit?

SCHWEIKARDT: Aktuell sind im Landkreis 12 Pädagogen in 22 Klassen in 12 Schulen im Einsatz. Für das Schuljahr 2016/17 können sich die Schulen schon jetzt beim Landratsamt anmelden. Informationen können unter der E-Mail-Adresse schweikardt.corina@lra-es.de angefordert werden.

Was wird den Streuobstpädagogen in der Ausbildung vermittelt?

SCHWEIKARDT: Die Ausbildung umfasst 72 Unterrichtsstunden, in denen neben viel Pädagogik und Didaktik natürlich auch Kenntnisse über das Ökosystem Streuobstwiese vermittelt werden. Baumschnitt, Obstarten und Obstsorten, Pflanzen- und Tierkunde, die Pflege von Streuobstbeständen, Wiesenmahd oder die Nutzung von Obst und seine Bedeutung in der Ernährung sind unter anderem Bestandteil der Ausbildung. Außerdem müssen die angehenden Streuobstpädagogen im Verlauf der 72 Stunden auch bei einem anderen Streuobstpädagogen im Streuobstunterricht hospitieren.

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