Lenninger Tal

„Medizinische Betreuung gab es nicht“

Forschung Gutenberg hat eine bewegte Frauengeschichte. Diese stellen die Journalistin Daniela Haußmann und Sonja Berger vom Naturschutzzentrum Schopfloch bei einer Führung vor. Von Anne Marquardt

Daniela Haußmann (rechts) und Sonja Berger besprechen sich bei einem Ortstermin. Foto: Markus Brändli
Daniela Haußmann (rechts) und Sonja Berger besprechen sich bei einem Ortstermin. Foto: Markus Brändli

Hausfrau und Mutter - sah so das Leben von Gutenberger Frauen im 18. und 19. Jahrhundert aus? Daniela Haußmann: Das Rollenkonzept, das zwischen den Geschlechtern eine Arbeitsteilung vornimmt, entstand als Idee des Bürgertums im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Auf Frauen der Arbeiter- und Bauernschaft ließ sich das Modell kaum übertragen. Ihre Erwerbsarbeit war für den Unterhalt der Familie notwendig. Ihre Lebensrealität stand also in völligem Kontrast zum bürgerlichen Konzept. Das galt auch für Gutenberg. Im Übrigen propagierten moralische Wochenschriften, die auch Ideen der Aufklärung verbreiteten, bis Mitte des 18. Jahrhunderts ein Rollenmodell, in dem Frauen gebildet sein sollten. Obwohl es damals keine systematische Mädchenbildung gab.

Wie haben sich Frauen in bäuerlichen Haushalten organisiert?

Haußmann: Das Ausüben landwirtschaftlicher Tätigkeiten war in erster Linie eine Gemeinschaftsarbeit von Frauen und Männern im Familienbetrieb. Meistens arbeiteten Frauen in der Innen- und Männer in der Außenwirtschaft. In der Praxis ließ sich das aber gerade auf kleineren Höfen nicht durchhalten. In den Haushalten lebten gewöhnlich drei Generationen unter einem Dach, sodass die Arbeit nach Alter und Verfassung verteilt wurde. Junge und ledige Frauen, die auf dem Feld arbeiteten, entlasteten so Ältere und Verheiratete, die auf dem Hof tätig waren. Alte und Schulmädchen verrichteten leichte Arbeiten oder passten auf kleine Kinder auf.

Sie wurden auf die Übernahme des Hofes vorbereitet?

Haußmann: Forschungsliteratur aus dem frühen 20. Jahrhundert legt das nahe und Studien des Soziologen Max Weber bestätigen das. Bäuerinnen leiteten die Innen- und Männer die Außenwirtschaft. Größere Ausgaben wurden gemeinsam beraten. Wie der Dialog aussah, variierte je nach Persönlichkeit oder Partnerbeziehung. Männer verfügten nicht zwangsläufig über ein Alleinbestimmungsrecht.

Wie veränderte die Industrialisierung den landwirtschaftlichen Familienbetrieb?

Haußmann: In Gutenberg spielte eine Rolle, dass die Bevölkerung zwischen 1824 und 1874 um 17,2 Prozent wuchs. Hinzu kam die Realteilung, mit der sich die landwirtschaftlichen Flächen und damit die Lebensgrundlage vieler Familien verkleinerten. Not und Arbeitsmangel führten dazu, dass die Zahl der Handwerker und Gewerbetreibenden stieg. Frauen, die auf kleinen Höfen ohnehin auf dem Feld mitarbeiteten, fielen so noch mehr Aufgaben in der Außenwirtschaft zu, weil der Mann nicht mehr voll mitarbeitete. Bis in die 1950er-Jahre setzte sich diese Entwicklung fort, sodass manche Haushalte unter weiblicher Leitung standen, weil der Mann im Krieg war oder in der Industrie arbeitete.

Wie ging es damals den Kindern?

Sonja Berger: Mit sieben Jahren mussten die Gutenberger Kinder mitarbeiten. Falls sie so alt wurden. Allein zwischen 1814 und 1822 starben im Ort 193 Menschen. 48,2 Prozent davon waren Kinder unter sieben Jahren. Die Pfarrer, darunter auch Gußmann, kritisierten, dass Mütter Säuglinge und Kleinkinder nicht richtig versorgten. Neugeborene wurden etwa in Wein- und Schnapsbädern gereinigt. Laut einem Erziehungsratgeber aus dem 18. Jahrhundert starben 75 Prozent der Kinder wegen falscher Ernährung. Ihnen wurden Oblaten, Kartoffeln oder Anistee verabreicht. Säuglinge wurden oft so fest in ein Tuch gewickelt, dass sie kaum atmen konnten und Schäden davontrugen, die im schlimmsten Fall zum Tod führten.

Gab es eine Schonzeit für Schwangere?

Berger: Die Frauen arbeiteten bis zur Geburt, medizinische Betreuung gab es nicht. Allein die Hebamme kam vielleicht einmal zur Beratung vorbei, wie uns eine 1931 geborene Gutenbergerin erzählte. In der Ortschronik ist eine Geburt beschrieben, bei der es zum Genickbruch kam, weil der Bader so fest am Kind zog. Da es vor und nach der Geburt keine Pausen gab, waren viele Frauen geschwächt und anfällig für Krankheiten, die sie nicht auskurieren konnten. Nicht umsonst hatten Männer eine höhere Lebenserwartung.

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