Lenninger Tal

Mehr als nur Kriegsschauplatz

Auftaktveranstaltung der Syrien-Reihe der Kirchen am Albtrauf

Eine Veranstaltungsreihe der evangelischen Kirchen am Albtrauf stellt Syrien vor. In der Dreifaltigkeitskirche in Hochwang sprach Pfarrer Heinrich Georg Rothe, Islambeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, zum Thema „Syrien – ein Land mit reicher Geschichte und Kultur“.

Lenningen. So voll ist die Dreifaltigkeitskirche in Hochwang sonst nur an Heiligabend. Aus vielen Gemeinden, von Altbach über Neuhausen bis Böhringen, waren Menschen am ersten Abend der Reihe „Syrien – Kulturland und Kriegsschauplatz“ gekommen, unter ihnen etwa 40 Syrer. Nura Ramadan, Studentin am Zentrum für Islamische Theologie in Tübingen, übersetzte. Manche Flüchtlinge brauchten keine Übersetzung – so gut ist ihr Deutsch bereits.

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Für die Veranstalter, die evangelischen Kirchengemeinden am Albtrauf, begrüßte die Pfarrerin vom Ort, Brigitte Turnacker. Pfarrerin Frida Rothe, Islambeauftragte des Kirchenbezirks, beschrieb das Anliegen der Abende: Syrien nicht nur durch die Brille des aktuellen Kriegs und der Flüchtlinge wahrzunehmen, sondern einen weiteren Horizont aufzuzeigen. Bekannt in Deutschland sind Schriftsteller wie Rafik Schami und Ali Ahmad Said Esber mit dem Künstlernamen Adonis, der im vergangenen Jahr den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis erhielt. Aber auch im heutigen Syrien bieten Künstler und Kulturschaffende den Kriegsparteien die Stirn, wie Kunstwerke an zerbombten Fassaden und mitten in Trümmerlandschaften zeigen.

Wie reich die Geschichte des Landes ist und welche vielfältigen und prägenden Bezüge sie zur abendländischen Kultur hat, zeigte Heinrich Georg Rothe, Islambeauftragter der Evangelischen Landeskirche, an vielen Beispielen auf: der Erfindung des Alphabets in Ugarit, Statuen von Göttern, die Bibelleser aus dem Alten Testament kennen und dem römischen Theater in Bosra, mit 15 000 Sitzen bestens erhalten. Einmalig ist die Synagoge von Dura Europos, die heute im Nationalmuseum von Damaskus ausgestellt ist. Sie war komplett ausgemalt mit biblischen Geschichten.

Erinnert wurde auch an die berühmte Zenobia, die wagemutige Herrscherin der Oasenstadt Palmyra, die im dritten Jahrhundert für einige Jahre ein Reich eroberte, das bis nach Ägypten und Kleinasien reichte. Dem historischen Erbe dieser Stadt hat Khaled al-Asaad vier Jahrzehnte seines Berufslebens gewidmet, bevor er als 82-Jähriger vom „Islamischen Staat“ gefoltert und ermordet wurde. Wie tief Europa mit dem syrischen Christentum verbunden ist und was der dortige Islam zur Weltkultur beitrug, zeigte Rothe an weiteren Beispielen.

Im Anschluss an den Vortrag meldeten sich viele der Syrer spontan zu Wort – auf Deutsch, Englisch oder Arabisch. Sie wandten sich an die Deutschen und dankten für ihre Aufnahme und die Gastfreundschaft. Von Ängsten und Vorbehalten wissen sie, das sagten sie auch. Mehrere versicherten, alles zu tun, um aktiv in der Gesellschaft mitzuarbeiten und keine Belastung zu sein. Sie seien gesetzestreu.

Die Gemeinden am Albtrauf hoffen, dass die Reihe erfolgreich fortgesetzt wird. „Hätte ich gewusst, dass es hier Übersetzung gibt, hätte ich ‚meine Syrer’ mitgebracht“ – das hörten Brigitte Turnacker und Frida Rothe nicht nur einmal. So freuen sie sich, am Freitag, 10. Juni, wieder Übersetzung zu haben. Weil am 7.  Juni der islamische Fastenmonat Ramadan beginnt, hoffen sie, am 10.  Juni nach der Veranstaltung ab 21.30 Uhr zum Fastenbrechen der Muslime eine festliche Mahlzeit anbieten zu können. „Das wäre doch toll, wenn wir da Gastfreundschaft zeigen könnten“, meinen die beiden. Dazu brauchen sie noch Unterstützer. fr