Lenninger Tal

Mit dem Pritschenwagen in den Urlaub

Ehejubiläum Charlotte und Erich Gamper aus Oberlenningen feiern morgen das Fest der eisernen Hochzeit. 1945 begegneten sich die beiden am Kirchheimer Bahnhof zum ersten Mal. Von Anke Kirsammer

Seit 65 Jahren gehen Charlotte und Erich Gamper durch dick und dünn. Neben der Familie bestimmten die Arbeit im Baugeschäft und
Seit 65 Jahren gehen Charlotte und Erich Gamper durch dick und dünn. Neben der Familie bestimmten die Arbeit im Baugeschäft und zahlreiche Reisen ihr Leben.Foto: Carsten Riedl

Wenn Charlotte und Erich Gamper aus Oberlenningen erzählen, wie sie sich kennengelernt haben, taucht man ein in alte Zeiten: „Er kam von der Farrenversteigerung in Ulm, ich vom Schwarzmarkt in Reichenbach, wo ich Rohrstiefel gekauft habe“, sagt Charlotte Gamper. Das war 1945. Auf dem Bahnhof in Kirchheim begegneten sich die beiden an jenem Abend das erste Mal. Sieben Jahre später heirateten sie. Morgen feiert das Paar die eiserne Hochzeit und blickt auf ein Eheleben mit vielen Höhen, aber auch Tiefen zurück.

„Mir verratet et älles“, sagt die 87-Jährige zwar gern, und ihr Mann lacht schelmisch dazu. Aber dann packen sie doch aus, erzählen vom Garagenbrand, der im Wohnbereich den Boden „lupfte“, und von anderen „Schlagern“. Eine der schönen Geschichten ist die des ersten Zusammentreffens: „Ich war mit meinem Vetter unterwegs, mein späterer Mann dachte, das sei mein Freund“, so Charlotte Gamper verschmitzt. Es war 20 Uhr und kein Zug fuhr mehr ins Lenninger Tal. Den Weg zu Fuß anzutreten, blieb ihnen erspart, denn wie durch eine glückliche Fügung bot sich der „Sandhannes“ mit seinem Laster als Taxi an. Dem Zapfenstreich um 22 Uhr, der in den Postenhäuschen streng überwacht wurde, konnte nun gelassener entgegengesehen werden.

Entscheidend bei der Eheanbahnung war das Bähnchen nach Kirchheim. Die Oberlenningerin fuhr regelmäßig in die Nähschule, der Gutenberger nahm den Zug, um während seiner Schreinerlehre in die Berufsschule zu kommen. Einmal, es war Gallusmarkt, zog er ein Schemelchen aus seinem Rucksack, das sie sich gewünscht hatte. Das brachte das Eis zwischen den beiden vollends zum Schmelzen. „Von da an hat man immer geguckt, dass man beiei­nander saß“, sagt Charlotte Gamper. Das „Schemele“ benutzt sie noch heute.

Regelmäßig trafen sich Charlotte und Erich Gamper beim Tanz. Gelegenheit dazu gab es in den Gastwirtschaften oder in der Oberlenninger Turnhalle zur Genüge. „Ich hab sie immer aufgefordert. - Was sonst?“, meint der 89-Jährige trocken. Im Winter ging es häufig auf die Alb zum Skifahren. Ansonsten gehörten der Sportplatz, Wanderungen zum Konradsfels oder zum Wielandstein zum Freizeitprogramm.

Weil es in Gutenberg ein halbes Dutzend Schreiner gab und der zukünftige Schwiegervater August Steudle ein Baugeschäft hatte, begann Erich Gamper nach der Gesellenprüfung 1950 eine Maurerlehre. Neun Jahre später übernahm er das Geschäft, in dem anfangs noch von Hand betoniert und mit Pferdefuhrwerken die Kieslieferungen vom Bahnhof abgeholt wurden. Nach und nach kaufte der neue Chef - längst den Meisterbrief in der Tasche - verschiedene Maschinen. Seine Frau kümmerte sich neben der Erziehung der beiden Kinder, Rosemarie und Friedrich, dem Garten und der Hobbyschäferei um die Büroarbeit. Die Kreissparkasse, die Volksbank und die neuapostolische Kirche im Ort sind wie zahlreiche Privathäuser und Projekte in der Papierfabrik Scheufelen Gebäude, die Gamper gebaut hat. Das eigene Haus an der Gutenberger Straße bezog die Familie Ende der 1950er-Jahre. 1973 folgte der Anbau inklusive Hallenbad und Sauna. „Noch vor zwei Jahren bin ich jeden Morgen geschwommen“, sagt Charlotte Gamper.

Ein Patentrezept für ein so langes Eheleben lassen sich die beiden Oberlenninger nicht entlocken. Doch aus den Erzählungen wird klar: Neben der Arbeit gönnten sie sich auch so manches: Zig Urlaube verbrachten sie in Südtirol bei einer Jägerfamilie. Davon zeugen zahlreiche Geweihe und ausgestopfte Tiere an den Wänden. Nach wie vor steht ein Wohnmobil im Schuppen, das bei vielen Fahrten mit den Enkelkindern zum Einsatz kam. Für den Kauf hat Charlotte Gamper eine Lebensversicherung „verklepft“. Das Fahrzeug ersetzte eine Doppelkabine, einen kleinen Laster, mit dem das Paar zuvor gereist war. Die mit Matratzen ausgelegte und mit einem Zelt verdeckte Pritsche tat dem „fahrenden Volk“ gute Dienste und entlockte auch manchem Grenzer ein Schmunzeln.

Gut erinnern sich die beiden an ihre Hochzeit, nachdem sie bereits „fünf Jahre miteinander rumgesprungen“ waren. Gefeiert wurde mit 100 Gästen. Ein Bus chauffierte Verwandte, Nachbarn, Belegschaft und Schulfreunde nach Gutenberg. Wie bei der goldenen und der diamantenen Hochzeit spielte eine Kapelle. Die Fastenzeit, in der das Tanzen verboten war, begann erst eine Woche später. Morgen geht es trotz Schmotzigam Doschdig beschaulicher zu. Ihre eiserne Hochzeit feiern Gampers im Familienkreis.

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