Lenninger Tal

Mysteriöse Begräbniskultur

Geschichte In Oberlenningen tauchten vor vier Jahren Gefäße auf, in denen die Plazenta bestattet wurde. Von Daniela Haußmann

Spuren aus grauer Vorzeit haben Franz Weiss schon immer fasziniert. An historischen Schauplätzen und Friedhöfen, in alten Gemäuern und staubigen Archiven nach Antworten zu suchen, begeistert den Hobbyarchäologen vom Förderverein für Archäologie, Kultur und Tourismus (FAKT) in Erkenbrechtsweiler. Seiner leidenschaftlichen Neugier und einem Tipp aus der Bevölkerung ist es letztlich zu verdanken, dass die Überreste von 37 Nachgeburtsgefäßen aktuell für die Nachwelt aufbereitet werden.

Von späteren Generationen vergessen, schlummerten die tönernen Henkeltöpfe - nicht weit vom Oberlenninger Schlössle entfernt - im Boden. Gleich neben dem Platz, wo früher einmal die Zehntscheuer stand, drehte 2014 ein Bagger das Erdreich um. Ohne es zu wissen, gruben die Arbeiter einen Gewölbekeller aus, der in früheren Epochen zu einem sogenannten Widumhof gehörte. „Diese kirchliche Einrichtung wurde auch als Spital genutzt, in dem ganz sicher eine Hebamme gearbeitet hat“, weiß Franz Weiss. „In dem Gebäude muss über einen langen Zeitraum medizinische Hilfe angeboten worden sein. Und zwar für ein Einzugsgebiet, das über Lenningen hinausreichte.“ Anders ist die große Zahl an Nachgeburtsgefäßen für den FAKT-Vertreter nicht erklärbar. Hinzu kommt, dass die 37 Fundstücke nur einen Bruchteil der materiellen Hinterlassenschaft abbilden, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach im Untergrund des Widumhofes befunden hat.

„Ein Teil des Kellers war von den Arbeitern bereits zugeschüttet worden“, gibt Weiss zu bedenken. Außerdem wurde FAKT beim Abriss der Zehntscheuer nicht eingebunden. „Deshalb ist nicht auszuschließen, dass dort weitere Nachgeburtsgefäße liegen“, so der Hobbyarchäologe, den es umso mehr freut, dass ein Tipp aus der Bevölkerung half, diese Kulturgüter zu bewahren. Die Behältnisse, die derzeit aus Scherben wieder zusammengesetzt werden, stammen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert.

Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges entvölkerten Kampfhandlungen, Hungersnöte und Seuchen ganze Landstriche, wie das FAKT-Mitglied berichtet. Durch die so angestoßenen Wanderbewegungen gelangte der Brauch, die Plazenta zu bestatten, auch hierher.

Das 1618 vom Zaun gebrochene Gemetzel im Namen der Religion, das sich zu einem Flächenbrand entwickelte, in den nahezu alle europäischen Mächte verwickelt waren, veränderte laut Franz Weiss die Glaubensvorstellungen. Dass mit der Bestattung von Nachgeburten der Aberglaube einherging, so den Teufel und damit Schaden von der Familie abzuwenden, verwundert den Grabungsleiter daher nicht.

In der Nachgeburt vermuteten die Menschen ein geistiges Wesen, das eine Verbindung zum Kind und der Mutter hat. Daher wurde die Plazenta nicht einfach verbrannt oder irgendwo vergraben, sondern im Keller des eigenen Hauses oder eines Spitals respektvoll zu Grabe getragen. „An diesen Orten konnte die Geruchsbelästigung einigermaßen reduziert und - was viel wichtiger war - der bestmögliche Schutz für die Überreste garantiert werden“, meint Weiss.

Deshalb ist es nicht überraschend, dass auf manchen Gefäßen Zeichen zu finden sind, die Schaden abwehren sollten. In Oberlenningen tauchten mit Pentagrammen versehene Töpfe auf. Einer war sogar gepflöckt worden. Erkennbar ist das an einem Schatten, der beim Verrotten des Holzes auf der Keramik zurückgeblieben ist und am Schadensmuster, das beim Eintreiben des Pflocks entstanden ist. Vollzogen wurde das Ritual an Gefäßen, in denen sich Früh- oder Totgeburten befanden, wie Franz Weiss vermutet. „Es sollte verhindern, dass das Kind zum Wiedergänger wird.“

Die Gefäße, die FAKT bislang provisorisch zusammengeklebt hat, fassen schätzungsweise einen halben Liter. Für Weiss steht deshalb fest: „Plazenta und Nachfluss füllte man in mehrere Gefäße.“ Die verraten auch etwas über den sozialen Status der Eltern. Einige der Fundstücke sind von minderer Qualität. Das zeigen Material und Verarbeitung. Andere weisen Rußspuren auf. „Wahrscheinlich wurden einige Gefäße zum Kochen über dem offenen Feuer verwendet“, schlussfolgert Weiss. „Die Eltern waren arm und konnten sich kein besseres Behältnis leisten.“ Bei den Grabungen in Oberlenningen kamen auch tierische Skelette zum Vorschein. „Vermutlich sollten sie den Keller schützen. Mehr lässt sich erst sagen, wenn feststeht, um welche Tiere es sich hier handelt“, bilanziert der Hobbyarchäologe, der hofft, dass FAKT die restaurierten Fundstücke bald im Museum präsentieren kann.

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