Lenninger Tal

Nachwuchskritiker erleben großes Kino

Cannes Fünf Neuntklässler der Oberlenninger Realschule nahmen an einem Workshop der „Semaine de la Critique“ teil. Highlight war der Gang über den roten Teppich der Filmfestspiele. Von Anke Kirsammer

Sie sind mit vielen tollen Eindrücken aus Cannes an die Oberlenninger Realschule zurückgekehrt (Foto links): Die Französischlehr
Sie sind mit vielen tollen Eindrücken aus Cannes an die Oberlenninger Realschule zurückgekehrt (Foto links): Die Französischlehrerin Angela Doll, Julia Hartsch, Marie Gruel, Klara Barner, ­Sabina Smajlovic und Johannes Brinkmann (von links).Fotos: pr/Markus Brändli

Meer, Palmen, Stars und Glamour - so kennt man die Filmfestspiele von Cannes. Fünf Lenninger Realschüler durften hinter die Kulissen schauen und haben dort eine Menge „Normalität“ entdeckt. Als Nachwuchskritiker spielten sie nicht nur die Rolle von Randfiguren. - Vier Tage Filmluft schnuppern, statt Schulbank drücken, CÔte d‘Azur statt „blauer Mauer“. Was für Regisseure die Einladung zu den Filmfestspielen, war für die Neuntklässler die Zusage, zusammen mit Hamburger Abiturienten sowie Gymnasiasten aus Paris und Marseille an einem Workshop der „Semaine de la Critique“ teilnehmen zu dürfen. „Man hat gefühlt, dass der Film uns von allen Seiten umgibt. Das Treiben, die Leute und natürlich die Gegend“, erzählt Julia Hartsch pathetisch. „In unserer Freizeit haben wir uns einfach an den Strand gesetzt und ließen uns vom Leben in Cannes und der Welt des Films berauschen.“

Viel Zeit, um sich vom „Savoir-vivre“ und dem mondänen Flair der Stadt verzaubern zu lassen, blieb den Schülern allerdings nicht: Für die insgesamt 20 deutschen und französischen Jugendlichen gab es ein dicht gedrängtes Programm. Dazu gehörte nicht nur, sich im Kinosessel zurückzulehnen, sondern auch, sich intensiv mit den Filmen auseinanderzusetzen. Für reichlich Diskussionsstoff sorgte in der Gruppe beispielsweise der Ausgang des polnischen Films „Fuga“ von Agnieszka Smoczynska. Darin verliert eine Frau ihr Gedächtnis. Dass die Protagonistin am Ende sogar ihr Kind verlässt, war für die Schüler nur schwer nachvollziehbar.

Eindruck hinterließ ein Interview mit dem Regisseur Elias Belkeddar (Un jour de mariage). „Er war richtig nett, fast bodenständig“, sagt Klara Barner. Überhaupt sind die Leute aus der Filmbranche viel lockerer als gedacht, so lautet die Erkenntnis der Schüler. Besonders ergiebig fanden sie die Schreibwerkstatt, in der der Filmkritiker Lukas Stern mit ihnen erarbeitete, worauf es beim Verfassen einer Kritik ankommt. Marie Gruel ist überzeugt davon, dass sie durch den Workshop viel dazugelernt hat. „Ich hatte vor Cannes schon Interesse an Filmen“, sagt Sabina Smajlovic, „aber jetzt schaue ich sie ganz anders an. Ich achte zum Beispiel auf die Musik und in welchen Szenen es düster wird.“ Johannes Brinkmann, dessen Familie sich freitags und samstags oft zum Filmgucken vor dem Fernseher versammelt, überlegt sich jetzt mehr als bisher, was ein Regisseur mit einem Film aussagen möchte, und auch für Julia haben Kinobesuche seit Cannes eine andere Bedeutung bekommen. Weil sie sich gerne mit Texten beschäftigt, kann sie sich sogar vorstellen, später Filmkritiken zu schreiben.

Der Französischlehrerin Angela Doll, die die Lenninger begleitet hat, ist die soziale Komponente des Workshops wichtig. Die Zusammenarbeit unter den Schülern sei toll gewesen. „Die Hamburger hatten ja schon ihr Abi in der Tasche, aber ihr hattet nie das Gefühl, die Kleinen zu sein“, sagt sie und erntet eifriges Kopfnicken. Johannes Brinkmann profitierte zudem davon, dass er sich mit den französischen Jungs ein Zimmer teilte und sich ziemlich gut mit ihnen verstand. „Das habe ich dann auch gespürt, wenn wir zusammen gearbeitet haben.“

Bei der Frage nach den Highlights müssen die Jugendlichen nicht lange überlegen: „Der Gang über den roten Teppich“, sagt Klara. Viel Zeit, um Ausschau nach den Filmstars zu halten, blieb nicht, doch erspähte sie auf dem „tapis rouge“ Kristen Stewart, die durch ihre Rolle als Bella Swan in den Twilight-Filmen bekannt wurde. Bereits am Nachmittag waren die Lenninger in Abendkleidern beziehungsweise im Smoking auf einem Boot empfangen worden, um zwar keine „goldenen Palmen“, wohl aber Urkunden für den Workshop zu bekommen.

Deutsch-Französischer Workshop

Die „Semaine de la Critique“ ging dieses Jahr zum 57. Mal über die Bühne. Sie findet parallel zu den Filmfestspielen von Cannes statt. Ihre Aufgabe ist unter anderem, neue Kinotalente zu fördern und sie bekannt zu machen. Gewürdigt werden auch bislang unbekannte Erstlingswerke von Regisseuren. Zu Filmemachern, die während der Semaine de la Critique entdeckt wurden, gehören Philippe Garel, Ken Loach und Wong Kar Wai.

Präsentiert werden während der Semaine de la Critique zehn Kurzfilme sowie sieben Spielfilme aus der ganzen Welt, die alle an einem Wettbewerb teilnehmen, außerdem zwei weitere Spielfilme sowie ein Eröffnungs- und ein Abschlussfilm.

Das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) macht es sich seit seiner Gründung im Zuge des Elysee-Vertrags 1963 zur Aufgabe, das Interesse und die Neugierde für das Nachbarland Frankreich zu wecken, und es unterstützt das interkulturelle Lernen von Jugendlichen. Ziel ist unter anderem, zur Entwicklung eines politischen und europäischen Verantwortungsbewusstseins in Deutschland und Frankreich beizutragen. Das Kino spielt die Rolle eines kulturellen Vermittlers. Durch die Interpretation der Filme entwickeln die Jugendlichen ein kritisches Beurteilungsbewusstsein, und sie müssen ihre Weltsicht und Wertesysteme hinterfragen.

Zusammen mit der Semaine de la Critique organisiert das DFJW jedes Jahr einen Workshop für Schüler aus Deutschland und Frankreich. Vier Tage lang bekommen die 20 Jugendlichen Kurzfilme und Spielfilme gezeigt, die zur Auswahl des Filmfestivals gehören. Zum Programm gehören Seminare zum Verfassen von Filmkritiken, die von Kritikern geleitet werden.ank

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