Lenninger Tal

Nicht das Schwätzle unterschätzen

Dorfentwicklung Der genossenschaftliche Dorfladen in Hülben kommt gut an: Er bringt Leben in den Ortskern, und manche Hülbener stellen sogar ihr Einkaufsverhalten um. Jetzt war der Landrat zu Besuch. Von Alexander Thomys

Der Laden ist mehr als ein Beitrag zur Grundversorgung. Da sind sich die Einkäufer einig. Foto: Alexander Thomys
Der Laden ist mehr als ein Beitrag zur Grundversorgung. Da sind sich die Einkäufer einig. Foto: Alexander Thomys

Bei seinem Besuch im Hülbener Dorfladen blickte Landrat Thomas Reumann nur in strahlende Gesichter: in die der Mitarbeiter und Ehrenamtlichen der Genossenschaft des Hülbener Dorfladens, natürlich in das von Bürgermeister Siegmund Ganser und in die der zahlreichen Einkäufer, die wohl nicht alle ganz zufällig an diesem Vormittag ihren Einkaufswagen durch den Dorfladen schoben.

Zufrieden mit dem erfolgreich gestarteten Laden gegenüber dem Rathaus waren sie allesamt. Ebenso wie Hannes Bartholl von der Leader-Geschäftsstelle. Das Förderprojekt der Europäischen Union für die Entwicklung des ländlichen Raums hatte die Gründung des Dorfladens mit 29 000 Euro unterstützt. „Ihr Dorfladen passt genau zum Ansatz von Leader“, lobte Landrat Reumann. Denn der Laden samt kleinem Café verhindere nicht nur Leerstände im Ort, sondern sei auch wesentlicher Teil eines lebendigen Ortskerns - und damit auch eines lebendigen Gemeinwesens.

Der Landrat verteidigte das Leader-Programm zugleich vor Kritik, dass es zu schwerfällig und bürokratisch sei. „Im Juli 2016 haben sie den Antrag gestellt, im Januar 2017 eröffnet“, erinnerte Reumann. „So langsam und schwerfällig ist Leader also nicht.“ Stattdessen warb der Landrat für das Programm, das im Mai in eine vierte Antragsrunde starten wird. Wie der Hülbener Dorfladen zeige, „lohnt es sich, hartnäckig zu sein und am Ball zu bleiben.“

Das eigentliche Erfolgsrezept des Dorfladens sei aber das große ehrenamtliche Engagement, erkannte Reumann: „Ich habe großen Respekt davor, wie sie hier die Sache selbst angegangen sind.“ Hülben sei damit „beispielhaft“. Aus seiner Zeit als Erster Bürgermeister in Reutlingen wisse er, wie schwierig die Gründung eines solchen genossenschaftlich getragenen Ladens sei. „In Reutlingen wurde das Projekt damals nicht angenommen.“

Denn es sei wichtig, so Reumann weiter, regelmäßig im Dorfladen einzukaufen und „nicht nur das Viertelpfund Butter, das man im Discounter vergessen hat“. Reumann sprach die Einkäufer deshalb direkt an und motivierte diese, auch in Zukunft im Ort einzukaufen. Und einige der Angesprochenen bekannten sogleich glaubwürdig, ihr Einkaufsverhalten „umgestellt“ zu haben: Nur noch, was es im Dorfladen nicht gebe, würde außerhalb Hülbens gekauft.

Carina Gleß aus der Steuerungsgruppe hörte das natürlich gern. Mit insgesamt rund 80 Ehrenamtlichen, die sich unterschiedlich regelmäßig und zeitlich engagieren, und den drei Mitarbeiterinnen des Dorfladens hält sie den Betrieb am Laufen. „Die meisten kommen tatsächlich zu Fuß“, hat sie das Kundenverhalten beobachtet. Vor allem viele Kinder würden sich auf diesem Wege mit Süßigkeiten eindecken. Das Konzept der „kurzen Wege“ im Ort habe sich dadurch bestätigt, freut sich auch Hülbens Bürgermeister Siegmund Ganser. Zugleich hätten Bürgerschaft und Gemeinde damit aktive Leerstandsbekämpfung geleistet und eine „Hauptschlagader für die Gemeinde Hülben“ geschaffen. „Wir haben hier einen Treffpunkt geschaffen.“

Das unterstrichen auch die Einkäufer. „Das Schwätzle beim Einkaufen darf man nicht unterschätzen“, war da die klare Ansage. Unter die Kundschaft mischte sich gestern auch Helma Mock. Die 63-Jährige hatte mit ihrem Mann bis zuletzt den Lebensmittelmarkt in Hülben geführt, sich mit der Gründung des Dorfladens aber in den Ruhestand verabschiedet. Im Oktober 1984 hatte das Ehepaar die damalige Rewe-Filiale im Ort übernommen und firmierte später als Edeka, ehe das Unternehmen 2004 die Belieferung einstellte. Der inhabergeführte Laden hatte zu wenig Umsatz gemacht. Das Einkaufsverhalten habe sich geändert, mit der Schulmensa und den Essen-auf-Rädern-Angeboten seien weitere Kunden abhanden gekommen. Jetzt hilft Mock mit ihrer Erfahrung beim Dorfladen, den sie „wunderbar“ findet. In einem Haus mit Geschichte: Einst war dort der Gasthof Lamm beheimatet, später ein Schuhgeschäft und zuletzt die Schlecker-Filiale.

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