Lenninger Tal

Rechtzeitig handeln bei Demenz

Altern Wer erfährt, dass er an Demenz erkrankt ist, hat viele Fragen. Experten raten, sich frühzeitig zu informieren und Vorkehrungen zu treffen. Von Daniela Haußmann

Menschen mit Demenz können trotz der niederschmetternden Diagnose noch lange zu Hause leben. Sport ist eine Methode, die hilft,
Menschen mit Demenz können trotz der niederschmetternden Diagnose noch lange zu Hause leben. Sport ist eine Methode, die hilft, das Fortschreiten der Erkrankung hinauszuzögern.Foto: Daniela Haußmann

Den Schlüssel verlegen, einen Termin oder den Namen von Menschen vergessen, kann jedem passieren - aber Demenz geht weit über gewöhnliche Vergesslichkeit hinaus. Alltägliche Abläufe koordinieren, logische Zusammenhänge erkennen oder die Orientierung behalten - was für einen gesunden Menschen ganz selbstverständlich ist, wird für Demente mit fortschreitender Erkrankung mehr und mehr zur unüberwindbaren Hürde. Der schleichende Verlust des Gedächtnisses stellt Betroffene und Angehörige vor enorme Herausforderungen.

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„Die Diagnose Demenz ist für viele ein Schock“, wie Gabriele Riecker vom Verein „Unser Netz“ mit Sitz in Lenningen weiß. „In unserer intellektuell geprägten Gesellschaft zählt der Verlust geistiger Fähigkeiten zu den schwersten Beeinträchtigungen, die wir uns vorstellen können.“ Die Erkrankung verursacht Ängste, wirft Sorgen auf und Unsicherheiten im Umgang mit den Betroffenen. Wichtig ist laut Riecker, dass sich Erkrankte ihren Angehörigen schnell anvertrauen. „So besteht die Chance, sich bei Beratungsstellen frühzeitig über Demenz, ihren Verlauf und professionelle Hilfsangebote zu informieren, die zur Entlastung der Verwandten beitragen“, betont die Expertin. Schließlich erfordert die Betreuung Betroffener ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, Akzeptanz und Wissen über die Krankheit. Ein unreflektierter Umgang kann laut Gabriele Riecker gerade im fortgeschrittenen Stadium der Demenz bei allen Beteiligten zu Konflikten und Stress führen.

Im Frühstadium der Demenz ist es noch möglich, dass Betroffene selbst Vorsorge für spätere Phasen der Erkrankung treffen. Dazu gehört aus Sicht von Sylvia Kern eine notariell beurkundete Vollmacht oder Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung. „Entscheidungen, die der Patient in einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit nicht mehr selbst treffen kann, lassen sich so auf eine Person seines Vertrauens übertragen“, erklärt die Geschäftsführerin der in Stuttgart ansässigen Alzheimer-Gesellschaft Baden-Württemberg. Angehörige, wie zum Beispiel der Ehepartner, haben Kern zufolge nicht automatisch das Recht, anstelle des Demenzkranken Entscheidungen zu treffen. „Das ist nur auf Basis einer schriftlichen und in jedem Detail der Zuständigkeit geregelten Vollmacht oder im Rahmen einer durch das Gericht eingerichteten‚ gesetzlichen Betreuung möglich“, so Sylvia Kern.

Wer die Diagnose Demenz erhält, kann in Abhängigkeit von der individuellen Situation noch lange zu Hause bleiben. „Gehen die Angehörigen tagsüber arbeiten, können Betroffene beispielsweise in einem Tageszentrum untergebracht werden und die Nächte daheim verbringen“, berichtet die Expertin. „Wenn Störungen im Tag-Nacht-Rhythmus auftreten, ist das für die Familie sehr belastend. Aber auch hier gibt es Tipps und Tricks, die helfen, die Situation zu meistern.“ Irgendwann kann es sein, dass Angehörige an ihre Grenzen stoßen und die Pflege nicht mehr leisten können. Oder das Risiko der Selbstgefährdung für die Erkrankten wird zu groß, weil sie zum Beispiel vergessen, den Herd abzustellen. Dann ist es aus Sicht von Gabriele Riecker sinnvoll, sich über eine stationäre Unterbringung zu informieren.

„Zwischenzeitlich gibt es hier neue Konzepte, wie Wohngemeinschaften für Demenzkranke oder Heime mit integrierten Demenzstationen, die auch dem Bewegungsdrang der Betroffenen Rechnung tragen. Dort leben sie mit Bewohnern zusammen, die nicht an Demenz erkrankt sind und so weitestgehend noch ein normales Leben führen können“, berichtet Riecker. Die betreffenden Einrichtungen haben Wartelisten. „In die kann man sich schon früh eintragen lassen. Wird ein Platz frei, fragt die Einrichtung nach, ob ein Umzug ins Heim spruchreif ist“, so Sylvia Kern. „Wird das verneint, bleibt der Betroffene weiter im Wartestatus.“

Demenz trifft nicht nur Senioren. Sylvia Kern kennt Fälle, in denen Menschen im Alter von 40 oder 50 Jahren an der Krankheit leiden und damit eigentlich noch voll im Berufsleben stehen. Große Unternehmen haben sich zwischenzeitlich auf Arbeitnehmer mit Frühdemenz eingestellt und kündigen den Erkrankten nicht zwangsläufig. Laut Professor Arnd Diringer, Leiter der Forschungsstelle für Arbeitsrecht an der Hochschule Ludwigsburg, dürfen Unternehmen gegenüber Beschäftigten, die an Demenz leiden, die krankheitsbedingte Kündigung aussprechen. Denn eine derartige Erkrankung wirft aus Sicht des Juristen für den Arbeitgeber etliche versicherungs- und arbeitsrechtliche Fragen auf.

Alzheimer-Gesellschaft

Demenzkranke und deren Verwandte können sich mit ihren Fragen an die kostenlose Beratung der Alzheimer-Gesellschaft wenden. Unter der E-Mail-Adresse beratung@alzheimer-bw.de oder unter der Telefonnummer 07 11/24 84 96 63 erteilen die Experten der Gesellschaft Auskunft. Das Beratungstelefon kann von Montag bis Freitag zwischen 10 und 12 Uhr und von Montag bis Donnerstag zwischen 14 und 16 Uhr angerufen werden. Umfassende Informationen bietet auch die Internetseite www.alzheimer-bw.de. dh