Lenninger Tal

Richtet nicht . . .

Es gibt eine schöne indianische Redensart: „Urteile nicht über den anderen, bevor du nicht eine Meile in seinen Mokassins gelaufen bist.“ Dieses Sprichwort will uns darauf aufmerksam machen, dass wir einen Menschen nur dann wirklich beurteilen können, wenn wir willens sind, auch mal unseren eigenen Standpunkt zu verlassen, unseren Blickwinkel zu wechseln und uns in die Situation und in die Gefühle des anderen hineinzuversetzen. Wenn uns das gelingt, dann stellen sich Dinge, die wir vorher so nicht gesehen oder beachtet haben, auf einmal anders dar, und unser Urteil über den Mitmenschen muss korrigiert werden.

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Es trägt zum friedlichen Zusammenleben der Menschen bei, wenn wir immer wieder versuchen, die Perspektive des anderen einzunehmen, quasi in seine Haut zu schlüpfen. Das gelingt vor allem, wenn wir die Begegnung mit all denen suchen, über die wir so vorschnell urteilen. Oft werden Kinder und Jugendliche in Schulen gemobbt, weil man sich nicht die Situation vergegenwärtigt, in der sich das Opfer befindet, weil man den Kontakt meidet und dadurch nicht erfährt, warum ein Mitschüler so ist, wie er ist und dass er vielleicht ein persönliches Problem mit sich herumschleppt.

Oft werden Andersdenkende und Anderslebende schlechtgemacht, obwohl man noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt und sich direkt mit ihren Ansichten auseinandergesetzt hat. Oft zieht man pauschal über Muslime oder Flüchtlinge her, ist ihnen aber noch nie persönlich begegnet und hat dabei entdeckt, wie menschlich, herzlich und friedvoll die überwiegende Mehrheit von ihnen ist. Es ist interessant, dass gerade dort, wo wenig Fremde leben, die Fremdenfeindlichkeit am größten ist.

In seinem neuesten Buch „Flüchtling“ fragt Franz Alt: „Barmherzigkeit, Warmherzigkeit, Nächstenliebe, Empathie – wo bleiben sie bei den Fremdenhassern?“ Es gibt den treffenden Satz: „Man kann sie nicht mehr hassen, wenn man sie kennt.“ Und von Jesus stammt das Wort aus seiner Bergpredigt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Denn jeder von uns hat wie alle Menschen seine Fehler und Schwächen.

Eignen wir uns einfach die Art und Weise an, wie Jesus damals den Menschen begegnete, vor allem denen, die von anderen abgeurteilt wurden. Er war immer ganz nahe an den Menschen dran. Deshalb kannte er sie und ihre Situation genau, deshalb konnte er sie verstehen, deshalb vertrauten sie sich ihm an und deshalb waren sie auch, wo nötig, bereit, sich zu verändern. Und dann noch ein wichtiger Satz von Paulus im Philipperbrief, der uns im Umgang mit anderen leiten kann: „In Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst!“

Pastoralreferent Reinhold Jochim

Katholische Kirchengemeinde

Sankt Ulrich, Kirchheim