Lenninger Tal

Robust und genügsam

Viele Jahrzehnte lang war das Teckrind für die Bauern ein wichtiges Nutztier

BUs: Eidechsen bevorzugen als Lebensraum offene Landschaften, von denen es laut Tierzuchtfachmann Dr. Ulrich Jaudas immer wenige
BUs: Eidechsen bevorzugen als Lebensraum offene Landschaften, von denen es laut Tierzuchtfachmann Dr. Ulrich Jaudas immer weniger gibt. Die Hinterwälderrinder von Familie Griesinger weiden von April bis November an den Schlattstaller Hängen und schaffen so nicht nur für Eidechsen, sondern auch andere, teils gefährdete Tier- und Pflanzenarten, optimale Bedingungen.70 Jahre erwies das Teckrind den Bauern rings um die Teck gute Dienste, bevor es verschwand. Wer wissen möchte, wie die im 18./19. Jahrhundert verbreitete Rasse aussah, kann in der Stuttgarter Wilhelma einen Blick auf die dortige Hinterwälderherde werfen.Familie Griesinger aus Schlattstall ist stolz auf ihre Hinterwälderherde, denn in ihr lebt die Geschichte des Teckrindes fort, das von 1780 bis 1850 rings um die Teck vorkam.

Lenningen. Wenn Wolfgang Griesinger auf der Weide nach dem Rechten sieht, begrüßt ihn seine Hinterwälderherde mit lautem Muhen schon von Weitem. Angeführt von Leitkuh

Lotte trottet die aus 20 Tieren bestehende Herde von April bis November gemächlich über die saftigen Wiesen an den Schlattstaller Hängen. Dort halten sie die Fläche offen und fördern die Biodiversität, da gerade Licht liebende Pflanzen von dieser Bewirtschaftungsform profitieren. Wolfgang Griesinger ist stolz auf seine Rinder, und das aus gutem Grund.

Vor fast 20 Jahren haben sich er und sein Bruder ganz bewusst für die Hinterwälder entschieden. „Ein Verwandter, der Metzger ist, plädierte für eine Rasse, die einen hohen Fleischertrag bietet“, erinnert sich der Landwirt. „Aber das Augenmerk lag auf einer Rasse, die berggängig, robust, witterungsfest und genügsam ist.“ Und genau diese Eigenschaften fanden sich im Hinterwälderrind, das heute vor allem im Südschwarzwald gehalten wird.

In ihr sind laut Tierzuchtfachmann Dr. Ulrich Jaudas auch Gene des Teckrindes aktiv, das von 1780 bis 1850 rund um die Teck verbreitet war. Die Rinder von Wolfgang Griesinger tragen damit ein Stück Kulturgeschichte in sich. Die Bauern brauchten damals widerstandsfähige und genügsame Tiere, wie Ulrich Jaudas berichtet. „Im Vordergrund stand die Risikominimierung“, erzählt er. „Die Tiere mussten Zeiten überstehen, in denen sie nicht optimal mit Nährstoffen versorgt werden konnten.“

Gegen Seuchen konnten die Bauern im 18./19. Jahrhundert zwar nichts ausrichten, aber gerade deshalb war es wichtig, dass die Rinder bei geringerem Futterangebot im Verlauf der Wintermonate keine gesundheitlichen Schäden davontrugen. Bedingt durch die Realteilung hatten die Bauern kleine Flächen, auf denen ein sehr überschaubares Futterangebot herrschte.

„Um 1730 importierten die herzoglichen Meiereien rings um Kirchheim Simmentaler aus der Schweiz“, so Ulrich Jaudas weiter. „Durch die Kreuzung mit dem Albrind entstand der alte Teckschlag, der aufgrund seiner Züchtungsgeschichte quasi die Cousine des Hinterwälderrindes darstellt.“ Wer also wissen will, wie ein Teckrind aussah, muss sich laut Jaudas nur die Herde von Wolfgang Griesinger ansehen. Ab 1817 schafften die Meiereien auch Holländer an, die eine höhere Milchleistung erzielten. Durch die Kreuzung des alten Teckschlags mit dieser Rasse entstand der neue Teckschlag.

Mit einer Schulterhöhe von rund 120 Zentimetern und einem Gewicht von etwa 400 Kilogramm verraten die Tiere an den Schlattstaller Hängen viel über die Anforderungen, denen der Teckschlag gerecht werden musste. Einerseits passte er hervorragend auf die kleinen Parzellen. Andererseits wies er eine gute Muskelbildung auf, die ihn zu einem guten Zugtier machte, das auch in steilen Arealen trittsicher war. „Eine größere Rasse kann einen Hang ebenfalls erklimmen, allerdings tut sie sich aufgrund ihres Gewichts, das bei 800 Kilogramm liegen kann, beim Abstieg schwer und kann erhebliche Trittschäden hervorrufen“, sagt Ulrich Jaudas.

Ein Vorteil war laut Wolfgang Griesinger auch, dass das Teckrind dank weitstehender Beckenknochen und einem geraden Rückgrat ohne menschliche Hilfe gebären konnte. „So traten bei Geburten kaum Komplikationen auf“, sagt der Landwirt. „Auch meine Tiere sind leichtkalbig und darüber bin ich froh, denn das Geburtenrisiko ist gering und ein Eingreifen des Tierarztes selten notwendig.“

Das Teckrind hat Ulrich Jaudas zufolge ebenso wie das Hinterwälderrind keine großen Milch- oder Fleischmengen geliefert. „Aber den damaligen Bauern ging es auch nicht darum, Überschüsse für den Verkauf zu erzielen“, so Jaudas. „Die Produktion diente in erster Linie der Selbstversorgung.“ Erst mit der Verkehrserschließung, vorrangig dem Bau von Eisenbahnlinien ab Mitte des 19. Jahrhunderts, änderte sich das. Frischmilch konnte vom ländlichen Raum in Ballungsräume, wie Stuttgart, Esslingen und Göppingen transportiert werden. „Damit avancierte das Milchgeld zu einer regelmäßigen und sicheren Einnahmequelle“, weiß Ulrich Jaudas. „Das gab den Anreiz zur Züchtung auf eine höhere Milchleistung, die durch eine Verdrängungskreuzung mit Simmentalern erreicht wurde.“

Damit verlor das Teckrind seine Bedeutung und verschwand. Doch seine Eigenschaften, die Wolfgang Griesinger so schätzt, blieben im Hinterwälderrind erhalten, das mit seinen Anlagen, Fähigkeiten und Vorzügen die Geschichte des Teckrindes bewahrt und weitererzählt.

Die Hinterwälderrinder von Familie Griesinger weiden von April bis November an den Schlattstaller Hängen und schaffen so nicht n
Die Hinterwälderrinder von Familie Griesinger weiden von April bis November an den Schlattstaller Hängen und schaffen so nicht nur für Eidechsen, sondern auch für andere, teils gefährdete Tier- und Pflanzenarten optimale Bedingungen.Fotos: Daniela Haußmann
Robust und genügsam
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