Lenninger Tal

Schritte aus der sozialen Isolierung

Demenz Teilnehmer des DOLE-Montagstreffs stellen im evangelischen Gemeindehaus in Brucken ihre Werke aus. Das kreative Schaffen aktiviert das Gehirn. Von Anke Kirsammer

Die Leiterin des Montagstreffs, Judith Sueß-Marz, präsentiert drei Bilder, an denen sie viel über die demenziellen Veränderungen
Die Leiterin des Montagstreffs, Judith Sueß-Marz, präsentiert drei Bilder, an denen sie viel über die demenziellen Veränderungen der jeweiligen Gruppenmitglieder ablesen kann.Fotos: Carsten Riedl

Die wirbelnden Kreise scheinen mal auf den Betrachter zuzukommen, mal sich von ihm weg zu bewegen. Gelbe und blaue Streifen gehen in den Bildern ineinander über. Gemalt wurden sie von Menschen mit demenziellen Veränderungen im Montagstreff der Partnergemeinschaft DOLE, bestehend aus Dettingen, Owen, Lenningen und Erkenbrechtsweiler. „Die Spirale ist für Menschen mit Demenz ein passendes Symbol“, sagt Judith Sueß-Marz, die die achtköpfige Gruppe im evangelischen Gemeindehaus in Brucken leitet. Durch sozialen Rückzug verschlechtert sich die Krankheit. Arbeiten die Patienten von innen nach außen, begreift sie das als Symbol, dass sie sich für die Gesellschaft öffnen. Ein erster Schritt kann der Besuch des Montagstreffs sein, der nächste, zu einem der Märkte zu kommen, auf denen Mal- oder Bastelarbeiten der montäglichen Zusammenkünfte verkauft werden.

Eine Ausstellung, die am kommenden Freitag, 10. November, im Anschluss an einen Demenzgottesdienst im Bruckener Gemeindehaus eröffnet wird, gewährt Einblick in die Werke. Neben den Spiralen finden sich darunter auch eine mit Ballonblumen gestaltete, um Bambusstöcke gewickelte Lichterkette, die den Raum gemütlich beleuchtet, verschiedene mit getrockneten Blumen und Japanpapier dekorierte Windlichter, mit Bucheckern beklebte Kugeln und ein geschmackvolles Blumengesteck. Handgeschöpftes Papier, Pustebilder, ausgestanzte Vögel und Abdrücke von getrockneten Blättern sind hinter Glas gebannt und durch Bilderrahmen veredelt.

„Das Sammeln der Blätter und Pressen hat den Teilnehmern besonders viel Spaß gemacht“, sagt Judith Sueß-Marz. Dass sie dabei in Kindheitserinnerungen abtauchen und um sich herum nichts mehr wahrnehmen, bezeichnet sie als positives Vergessen. Die Leiterin des Treffs legt Wert darauf, dass das Basteln kein Selbstzweck ist, sondern bei den Menschen mit Demenz etwas anregt. Als sie die Gruppe 2014 ins Leben rief, merkte sie schnell, dass eine reine Betreuung ins Leere lief. „Die Leute wollen etwas tun“, betont sie. Deshalb gibt es nach Kaffee und Kuchen immer ein einstündiges „Aktivierungsprogramm“.

Seidentücher, die zur Gymnastik dienen, wurden beispielsweise mit verschiedenen Techniken eingefärbt. „Menschen mit Demenz wollen gern alles festhalten“, erklärt Judith Sueß-Marz. Auszuhalten, dass die Farben auf Seide verlaufen, ist deshalb nicht einfach für die Teilnehmer. Hatte sie früher mit der Gruppe Dinge wie Apfelessig, Kräutersalz oder Rosenöl hergestellt, liegt der Fokus jetzt eher im kreativen Bereich. Um zu sehen, was die Teilnehmer noch verstehen, sagt die 41-Jährige ihnen, was sie tun sollen, wenn es nötig ist, leisten die insgesamt vier Mitarbeiterinnen aber Hilfe.

Je nach Ausprägung der Demenz sehen die Ergebnisse ganz unterschiedlich aus: Beispielhaft zeigt Judith Sueß-Marz das an Werken von drei Teilnehmern: Aufgabe war, ein Bild mit einem Verlauf von hell nach dunkel anzufertigen, indem immer mehr Farbe eingearbeitet wird. Komplettieren sollten die Gruppenmitglieder es mit Nägeln und Perlenfäden. Eine Frau, deren Sozialverhalten durch ihre spezielle Form der Demenz stark verändert ist, hatte den Arbeitsauftrag zwischendurch vergessen, wie die mal helleren, mal dunkleren blauen Querstreifen zeigen. Die Nägel in das Brett zu hämmern, bereitete ihr aber ebenso wenig Probleme, wie die Fäden kreuz und quer zu spannen. Eine andere Frau, in deren Leben alles Struktur haben muss, begann dagegen, mit Dreiecken Formen in ihr Bild zu ziehen, ein Mann wiederum konnte die Aufgabe nur bewältigen, indem er mit jeder Farbnuance laut zählend genau vier senkrechte Pinselstriche auf sein Werk bannte.

Durch die wöchentliche Zusammenkunft ist die Gruppe den Patienten längst vertraut. „Jeder setzt sich an seinen festen Platz“, sagt Judith Sueß-Marz. Weil die meisten ihre Defizite kennen und auch das soziale Umfeld oft das Augenmerk auf das richtet, was nicht mehr geht, legt sie das Gewicht auf das Machbare. „Es ist noch genug da, was schön ist.“ Auch der Verkauf von Gebasteltem bei verschiedenen Anlässen dient nicht nur dazu, die Materialien zu finanzieren, sondern auch das Selbstwertgefühl der Gruppenmitglieder zu stärken, weil sie spüren, dass sie noch etwas leisten können und dafür von anderen Anerkennung bekommen.

Veranstaltungen zum Thema Demenz in Brucken

Demenzgottesdienst

Am kommenden Freitag, 10. November, beginnt um 17 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in Brucken, Postweg 33, ein Gottesdienst für Menschen mit und ohne Demenz. Das Motto des Gottesdienstes, den Pfarrerin Margarete Oberle hält, lautet „Einer trage des anderen Last“.

Ausstellung Im Anschluss an den Gottesdienst eröffnet Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht ebenfalls im Bruckener Gemeindehaus die Ausstellung „Trotz! Demenz“ mit Werken der Teilnehmer des Montagstreffs.

Demenzabend Am Mittwoch, 15. November, findet um 19.30 Uhr, ebenfalls im evangelischen Gemeindehaus in Brucken, ein Demenzabend statt, den die Partnergemeinschaft DOLE organisiert. Unter der Überschrift „Wie kann ich mit einer Demenz umgehen, warum vergessen wir manchmal, und warum ist Vergessen manchmal eine Krankheit?“ hält Judith Sueß-Marz einen Vortrag. An dem Abend besteht noch einmal die Gelegenheit, die Ausstellung des Montagstreffs zu besichtigen.

Judith Sueß-Marz Die Ergotherapeutin, die den Montagstreff für Demenzkranke hauptamtlich leitet, hat sich früh auf das Arbeiten mit älteren Menschen spezialisiert. Die 41-Jährige hat zudem Schulungen besucht, um das Gehirn besser zu verstehen, und sie hat in der Psychiatrie gearbeitet. Inklusives Denken ist Judith Sueß-Marz insbesondere durch eine Tätigkeit in einer Behinderteneinrichtung in Fleisch und Blut übergegangen.ank

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