Lenninger Tal

Senkrechtstart eines Flügelflitzers

Sport Der Oberlenninger Amil Seferovic wurde in die bosnische U 19-Nationalmannschaft berufen. Ein Profivertrag ist der Wunschtraum. Von Anke Kirsammer

Der Werdegang von Amil Seferovic klingt verblüffend: In der letzten Saison kickte der 18-Jährige Oberlenninger noch in der A-Jugend des TSV Weilheim. Nachdem der bosnische Verband ihn „schon länger auf dem Radar hatte“, wurde er jetzt in die U 19-Nationalmannschaft von Bosnien-Herzegowina berufen und hofft, demnächst bei den Qualifikationsspielen für die Europameisterschaft dabei zu sein. „Es war immer mein Ziel, für mein Land zu spielen“, sagt Amil voller Stolz.

Ein anderer Wunschtraum ist, eines Tages einen Profivertrag zu unterschreiben. Dafür geht der Gymnasiast einen ganz eigenen Weg: Seit dieser Saison verstärkt er das Mittelfeld der A-Junioren des Bundesligaclubs SV Darmstadt 98, die am vergangenen Sonntag an die Tabellenspitze der Hessenliga geklettert sind. Bei Fitnesstests der „Junglilien“ schneidet der durchtrainierte 18-Jährige regelmäßig mit am besten ab. „In Darmstadt waren sie sehr verwundert, dass ich aus einer Bezirksligamannschaft so eine Kondition mitbringe“, sagt der Lenninger mit fröhlich blitzenden Augen, spielen seine Teamkollegen doch meist schon seit Jahren höherklassig.

Was nach einem Senkrechtstart des explosiven Flügelspielers aussieht, ist Lohn harter Arbeit. Mehrmals in der Woche schnürte der ehrgeizige Schüler früher bereits vor dem Unterricht die Joggingschuhe und lief auf die Alb. Als kleines Kind war der quirlige Junge pausenlos auf der Straße mit dem runden Leder unterwegs. „Seit ich laufen kann, renne ich dem Ball hinterher“, so beschreibt Amil die Anfänge seiner Fußballbesessenheit. Sein Vater nahm ihn regelmäßig zum Boxtraining mit und animierte den Jungen dazu, mit Liegestützen Muskeln aufzubauen. Mit vier oder fünf - so genau kann Amil es nicht mehr sagen - meldeten seine Eltern ihn beim TSV Oberlenningen an. Als wichtigen Schritt bezeichnet er den Wechsel zum VfL Kirchheim. Bei einem Hallenturnier in Frickenhausen wurden die Teckstädter auf den Jugendlichen aufmerksam. Dreimal pro Woche setzte sich der Lenninger Realschüler in den Bus nach Kirchheim. Nach zweieinhalb Jahren wechselte er zum TSV Weilheim. Zwei Freunde und das temporeiche Spiel der Limburgstädter lockten den damals 15-Jährigen. Taxi Mama? - Wiederum Fehlanzeige. Die Hausaufgaben erledigte er vor dem Training in der Kirchheimer Stadtbücherei. Auch in Weilheim stellte sich der Erfolg ein. In der B-Jugend spielte Amil in der Verbandsliga, der bis dahin höchsten Klasse vor seinem Transfer nach Darmstadt. Mit der A-Jugend wurde er ungeschlagen Meister in der Bezirksliga und verabschiedete sich mit zwölf Treffern als bester Torschütze der Liga.

„Ich bin nie zu einem Probetraining gegangen, obwohl ich schon immer Fußballprofi werden wollte“, sagt Amil rückblickend. Die Teilnahme an einem Camp für talentierte bosnische Spieler in München, für das ihn sein Vater auf den letzten Drücker zwei Tage vor Beginn angemeldet hatte, brachte ihm vergangenes Jahr seinen ersten Beratervertrag ein. Zu messen hatte er sich unter anderem mit Spielern von Ajax Amsterdam und Eintracht Frankfurt. Eine Einladung nach Zenica in ein Camp der bosnischen U 19-Mannschaft folgte. „Beide Male habe ich die meiste Aufmerksamkeit bekommen“, sagt Amil selbstbewusst. Nach Zenica unterschrieb er bei einer Agentur, die ihn nach wie vor unter Vertrag hat und die ihm den Transfer nach Darmstadt empfahl.

„Jetzt bin ich mittendrin“, so beschreibt Amil sein momentanes Leben. „Mittendrin“, das heißt, nah an den Profis dran zu sein. Neben seinem Club Darmstadt 98 pflegt er einen ganz engen Kontakt zu dem Eintracht-Frankfurt-Profi und Schweizer Nationalspieler Haris Seferovic, der in Bosnien im gleichen Dorf aufgewachsen ist wie Amils Vater. „Eigentlich sind wir nur weitläufig verwandt, aber Haris erzählt allen, dass ich sein Cousin bin“, sagt der Lenninger amüsiert.

Die Herausforderung, der sich Amil stellt, ist, Schule und Fußball bestmöglich unter einen Hut zu bringen. Mit seinem Umzug nach Hessen wechselte der 18-Jährige vom Kirchheimer WG an ein allgemeinbildendes Gymnasium. „Ich möchte auf jeden Fall das Abi machen“, erklärt er. Denn wie schnell der Traum von der Profikarriere beispielsweise durch Verletzungen platzen kann, ist ihm bewusst. Sein Tagesablauf ist eng durchgetaktet: Bis gegen 17 Uhr dauert der Unterricht, anschließend geht‘s auf den Sportplatz. Mittwochs hat er vormittags zwei Freistunden, um im Nachwuchsleistungszentrum zu trainieren. „Essen, den Stoff nachholen und lernen, das mache ich abends meistens gleichzeitig“, sagt Amil. An den gedeckten Tisch setzen kann er sich allerdings nicht. Denn der Wechsel nach Darmstadt war verknüpft mit einer eigenen Wohnung. „Beim Kochen hätte ich meiner Mutter häufiger zuschauen sollen“, meint der 18-Jährige rückblickend. Doch Cevapcici - das Leibgericht des Bosniers - und die übrigen, viel Fleisch und Kohlehydrate enthaltenden Mahlzeiten, klappen immer besser. „Notfalls skype ich mit meinen Cousinen, um sie nach den Rezepten zu fragen“, erzählt Amil. Seiner Mutter präsentiert er dann stolz die fertigen Gerichte.

Wie es fußballerisch für ihn weitergeht, überlässt der Lenninger komplett seinem Vater und seinem Spielerberater. „Mein Job ist auf dem Platz“, sagt der 18-Jährige. „Ich versuche immer, so gut wie möglich zu spielen.“ Besonders im taktischen Bereich gab es Nachholbedarf. Doch inzwischen hat er sich die Laufwege gut eingeprägt. Seine Stärken sieht der mit 1,65 Meter nicht gerade große Dribbelkünstler im Spiel eins gegen eins, in präzisen Flanken und nicht zuletzt in seiner Kondition. An der arbeitet er nach präzisen Vorgaben des Trainers gewissenhaft auch im Heimaturlaub. Lässig präsentiert er den Plan auf seinem Handy. Ein schelmisches Grinsen huscht über Amils Gesicht: „Heute ist Ruhetag.“

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