Lenninger Tal

Sie ließ sich das Denken nicht verbieten

Kunst Genial rezitiert Gesine Keller von „Dein Theater“ das Leben von Luthers Frau Katharina von Bora vor gut 300 Zuschauern in Oberlenningen. Von Sabine Ackermann

Gesine Keller glänzt in ihrer Rolle, wenn sie Katharina von Bora rezitiert. Foto: Sabine Ackermann
Gesine Keller glänzt in ihrer Rolle, wenn sie Katharina von Bora rezitiert. Foto: Sabine Ackermann

Ob es an seiner Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, lag, dass man Martin Luther überall als liberal interpretierte? Mag sein, denn es war Katharina von Bora, seine Ehefrau, die alles managte und zu Recht als „genialisches Multitalent“ in die Geschichte einging. Würde Katharina von Bora heute leben, würden sich jobtechnisch bestimmt viele um sie reißen.

Das 500. Reformationsjubiläum beschert nicht nur einen zusätzlichen Feiertag, „er lenkt auch unseren Blick zurück, wie viel Mut, Kreativität und Innovationspotenzial nötig waren, um die Kirche damals zu reformieren“, begrüßt Pfarrerin Margarete Oberle die knapp 300 Besucher in der Turn- und Festhalle Oberlenningen. Jahrhundertelang galt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit Reformatoren wie Luther, Melanchthon, Calvin oder Zwingli, „Gott sei Dank“ habe sich da durch das Wirken von Katharina von Bora einiges geändert, fährt sie fort. „In der Nacht zu Karfreitag des Jahres 1523 entflohen einige Nonnen aus dem Zisterzienser-Kloster Nimbschen bei Grimma in Sachsen“, berichtet dann die Künstlerin Gesine Keller vom Stuttgarter „Dein Theater“. Mit dabei war die verarmte Landadlige Katharina von Bora, die nach dem frühen Tod der Mutter ins Kloster kam. Geprägt von theologischer, musischer sowie pädagogischer Bildung, eignete sich die bei ihrer Flucht 23-Jährige dort auch hauswirtschaftliche sowie gärtnerische Fähigkeiten in der Heilkunde an. Mit dem Ziel, für jede der Flüchtlingsfrauen eine Bezugsperson zu finden, hatte sie Martin Luther seinerzeit in seinem Fuhrwerk in Heringsfässern versteckt. Als er hörte, dass Katharina nur ihn selbst heiraten würde, beschloss der Reformator, sich „der Verlassenen zu erbarmen“.

Spießige Hausfrau?

Von Scheinwerfern beleuchtet sitzt Gesine Keller an einem Tisch, ab und zu wird ihre Geschichte mit Musik oder von im Hintergrund projizierten alten Gemälden, Fotografien von Gebäuden oder Bildern, wie Kornfelder im Sonnenuntergang, untermalt.

Ganz bewusst erinnern Kittelschürze und graue Perückenfrisur, an die typisch spießige Hausfrau aus den 50ern oder 60ern. Nur bisweilen haucht Gesine Keller Katharina von Bora Leben ein, spricht mit ganz leichtem sächsischem Akzent oder hört, indem sie vornübergebeugt den Kopf zwischen die Hände nimmt, ihren vom Band kommenden Liedern zu. „Nun tragen wir die Ringe, ach, liebe Seele, singe.“ Nie stellt sich Gesine Keller in den Vordergrund, ganz reduziert gibt sie ihren Worten über Katharina von Boras Leben Raum. Wegen ihrer Eigenständigkeit, nennt sie Martin Luther ab und zu „Herr Käthe“, ihr Dasein war von der Liebe zu ihren sechs Kindern, zu ihrem Mann und zu Gott geprägt. Doch das konzentriert zuhörende Publikum, erfährt obendrein von den mehrfachen Ausbrüchen der Pest, von der Verachtung, die man Katharina nach Luthers Tod entgegen brachte und ihrer erneuten Flucht. Wer das Stück sieht, zweifelt nicht mehr: Er begrüßt Katharina von Boras Wandel vom zurückhaltenden Mädchen zur selbstbewussten erwachsenen Frau, die sich das Denken nicht verbieten lässt.

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