Lenninger Tal

Stefan Zweig weilt mitten in Lenningen

Literatur Helga Klaiber liest im Schlössle aus den Werken des berühmten Dichters und lässt die Zuhörer über die Schulter des Künstlers schauen. Von Christine Reichow

Die Gastgeber Ev Dörsam und Bernd Löffler, als Vertreter der Gemeindebücherei und dem Förderkreis Schlössle, luden zu einer wahren Sternstunde ins Schlössle nach Lenningen ein. Schon die Begrüßung glich einem Stelldichein alter Freunde, die Freude an guter Literatur und außergewöhnlichen Biographien haben. So war es eine schöne Aufgabe, die beiden Künstler des Abends respektvoll und freundschaftlich zu begrüßen.

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Helga Klaiber, eine Künstlerin aus Stuttgart nahm mit ihrem Pianisten, Alexander Reitenbach inmitten von stillen Büchern, stummen Mauern und gespannten Zuhörern Platz und ließ sehr schnell ein farbenkräftiges Bild des großen Dichters Stefan Zweig entstehen.

In ihrer sehr fein recherchierten und detaillierten Beschreibung des Autors leuchtete die außergewöhnliche Begabung eines Mannes, der in seiner Zeit sehr viel Leid und Härte erlebt haben musste. Doch genau diese Spannung beschrieb er selbst als die wahre Dualität des Lebens: „Nur wer Aufstieg und Niedergang, Krieg und Frieden erlebt hat, hat wirklich gelebt.“

Geboren im November 1881 in Wien, als Kind eines wohlhabenden jüdischen Großindustriellen, erlebt er wechselvolle Zeiten. Seine Studien in Philosophie, Germanistik und Romanistik führen ihn auch nach Berlin, wo er erste Kontakte zu anderen Schriftstellern und kunstschaffenden Zeitgenossen knüpfen kann, die ihn zeitlebens faszinieren.

Er flaniert gerne auf den breiten Boulevards oder hält sich stundenlang in Kaffeehäusern auf, wo er genaue Beobachtungen macht und Studien treiben kann. Später wird man davon vom „Innenleben der Gestalten“ lesen können und sich fasziniert mitnehmen lassen in die exakten, jedoch niemals langweiligen Beschreibungen seiner Begegnungen. So bekommt jedes noch so unvermutetes Treffen, selbst das mit einem Taschendieb, den er einmal beobachten konnte, eine großherzige Würde, indem sie von Stefan Zweig mit einer großen Tiefe beschrieben wird.

Stefan Zweig wird zu einem wichtigen Autor der damaligen Zeit und reist nach seiner Promotion 1904 unter anderem nach Amerika, Afrika und Indien. Wieder zurück in Österreich engagiert er sich mit Romain Rolland für den Frieden und verfasst zahlreiche Bücher. Eine weitere wichtige Tätigkeit sind zahlreiche Übersetzungen namhafter zeitgenössischer Autoren. Seine Bücher erscheinen in großen Auflagen und werden in über 50 Sprachen übersetzt. Bisweilen ist er selbst überrascht über einen unverhofften Gast: Der Erfolg als Gast stellt sich ein und lässt ihn sein Leben aus gesicherter Warte aus sehen. Doch er ruht sich zu keiner Zeit darauf aus, sondern unterstützt Freunde und Wegbegleiter mit teilweise monatlichen „Renten“ und regelmäßigen Zahlungen. Im Jahr 1942 nimmt er sich zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte in Brasilien das Leben.

Einige seiner Begegnungen beschreibt Helga Klaiber mit einer solch dichten Intensität, dass man bei ihren Erzählungen die berühmte Stecknadel fallen hören könnte. So zum Beispiel die Begegnung Stefan Zweigs mit Auguste Rodin. Der interessierte Autor schaut dem begnadeten und völlig in seiner Arbeit vertieften Bildhauers buchstäblich über die Schulter und in seine Seele. In einer weiteren eindrucksvollen Schilderung begibt er sich in die „Unsichtbare Sammlung“ und sieht mit dem Blick eines erblindeten Forstrats Bilder, die schon lange nicht mehr existieren.

Helga Klaiber gelingt es mit ihren klug gesetzten Worten der Biographie dieses großen Literaten und wahren Humanisten nachzuspüren und ein farbenprächtiges Gemälde entstehen zu lassen. Die zurückhaltende, jedoch intensive und sehr einfühlsame Begleitung durch den Pianisten Alexander Reitenbach verleiht diesem wertvollen Abend einen außergewöhnlichen Glanz.